«Die Ostschweiz verdient keine Goldmedaille»

Nachgefragt

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Der Thurgauer CVP-Nationalrat Christian Lohr ist selbst auf den Rollstuhl angewiesen. Bei den behindertengerechten Stationen hinke die Ostschweiz hinterher, stellt er fest.

Christian Lohr, warum ist der hindernisfreie Zugang zum öffentlichen Verkehr so wichtig?

Er ist ein zentrales Anliegen. Damit Behinderte am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, ist Mobilität entscheidend. Sind die Zugänge zu Bahnen und Bussen nicht hindernisfrei, kann ich an manche Orte nicht hin. Ich bin ausgegrenzt.

 

Wie gut kommen Sie in der Ostschweiz schon herum?

Ich reise ja durch die ganze Schweiz. Und die Ostschweiz hat hier keine Goldmedaille verdient. Klar gibt es auch gute Beispiele: Ich reiste kürzlich von Kreuzlingen nach Ebnat-Kappel. Das ging problemlos, die SOB hat auf ihren Haltestellen gute Arbeit geleistet. Auch sonst sehe ich bei Bahnhöfen Fortschritte, auch was die Fahrzeuge angeht.

Wie sieht es bei den Bussen aus?

Die Bahnen gehen mit einem Plan an die Sache heran. Aber bei den Bussen sind wir in der Ostschweiz nicht bereit. Ich verstehe die Gemeinden ein Stück weit, die meinen, es reiche, nur eine Haltestelle behindertengerecht umzubauen, weil sie kaum genutzt werden. Aber Behinderte können sie ja gar nicht nutzen. Das hat auch sozialpolitische Folgen. Faktisch heisst das: Behinderte sollen zu Hause bleiben oder in die Stadt ziehen.

Muss denn wirklich jede Bushaltestelle alle Anforderungen erfüllen?

Es geht nicht um Luxuslösungen, aber ein Mindestmass muss erreicht sein. Was möglich ist, zeigen andere Kantone, allen voran Basel-Land. Aber hier macht man das Minimum, weil man halt muss.

Was müssten die Ostschweizer Kantone tun?

Zumindest sollten sie eine Vorbildrolle übernehmen, und die Gemeinden informieren und ermahnen, was zu tun ist. Bei manchen Gemeinden weiss man kaum, dass das Behindertengesetz überhaupt gilt, oder man hält es für ein Wunschkonzert für Behinderte.

Das ist es nicht?

Nein, es geht nicht nur um Leute im Rollstuhl. Ältere Leute mit Rollatoren können so den Bus benutzen. Auch mit Kinderwagen oder Rollkoffer ist ein hindernisfreier Einstieg praktisch. Es geht um ein immer breiteres Kundenbedürfnis.

Sind 2023 alle Haltestellen hindernisfrei, wie es das Behinderten­gesetz fordert?

Nein, da wird man nicht fertig. Einerseits weil oft das Geld fehlt. Andererseits hat man es vielerorts schlicht verschlafen. Das Gesetz gilt seit 2004, man weiss schon lange, was zu tun ist.

Wollen Sie politisch aktiv werden?

Es gab immer wieder Vorstösse zu diesem Thema, auch von mir. Aber ich will, dass das Gesetz eingehalten wird. Dafür müsste eigentlich kein Vorstoss nötig sein. (ken)