Die Ostschweiz hat an Gewicht verloren

Die Verteilung der Sitze des Nationalrats, der «grossen» eidgenössischen Parlamentskammer, auf die Kantone erfolgt seit der Gründung des Bundesstaates 1848 im Verhältnis ihrer Wohnbevölkerung. Massgebend sind die Ergebnisse der alle zehn Jahre durchgeführten eidgenössischen Volkszählung.

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Erich Niederer 16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratsschreiber (Bild: pd)

Erich Niederer 16 Jahre Leiter des Regionalstudios Ostschweiz von Radio DRS, danach fünf Jahre Ausserrhoder Ratsschreiber (Bild: pd)

Die Verteilung der Sitze des Nationalrats, der «grossen» eidgenössischen Parlamentskammer, auf die Kantone erfolgt seit der Gründung des Bundesstaates 1848 im Verhältnis ihrer Wohnbevölkerung. Massgebend sind die Ergebnisse der alle zehn Jahre durchgeführten eidgenössischen Volkszählung. Die Anzahl der Sitze war allerdings lange Zeit variabel und stieg im Jahr 1848 von 111 mehr oder weniger kontinuierlich auf 196 im Jahr 1959. Erst 1963 wurde die Zahl der Nationalratsmitglieder auf 200 festgelegt.

Pro Kanton ein Wahlkreis

Von 1848 bis 1919 wurde der Nationalrat überall nach dem Majorzwahlverfahren gewählt. Das ganze Land war in unterschiedlich grosse Wahlkreise unterteilt. Sie umfassten mehrere Sitze, für die jeweils die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen notwendig war. Seit der Annahme einer entsprechenden Volksinitiative im Jahr 1919 werden die Sitze des Nationalrats nach dem Proporzverfahren verteilt. Danach erhält jede Partei Sitze im Verhältnis der abgegebenen Stimmen auf die einzelnen Wahllisten. Seit knapp hundert Jahren bildet somit jeder Kanton einen einheitlichen Wahlkreis.

Weniger stark gewachsen

Die sechs Ostschweizer Kantone St. Gallen, Thurgau, Graubünden, Glarus, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden stellten 1848, bei der Gründung des Bundesstaates, 20 von 111 Nationalräten. 1919, bei Einführung des Proporzwahlverfahrens, beanspruchten sie 34 von 189 Sitzen. Heute sind es nur noch 26 von 200.

Nimmt man 1919 zum Ausgangspunkt, mit einer zu heute ähnlichen Anzahl von Nationalratssitzen, so ist die Ostschweiz in diesen knapp hundert Jahren im Vergleich zu andern Regionen der Schweiz einwohnermässig weit weniger gewachsen und hat deshalb im Nationalrat kontinuierlich Sitze verloren, absolut und relativ. Waren 1919 – wie übrigens auch 1848 – 18 Prozent der Nationalratssitze von Ostschweizern belegt, sind es heute nur noch 13 Prozent. Die Ostschweiz hat damit gewaltig an politischem Gewicht und Einfluss im Vergleich zur übrigen Schweiz eingebüsst.

Schaut man die Entwicklung der Sitzzahlen in den einzelnen Ostschweizer Kantonen an, lässt sich Folgendes feststellen: Alle Kantone – mit Ausnahme von Appenzell Innerrhoden, der davon profitiert, dass jeder Kanton Anspruch auf einen Sitz hat – haben seit 1919 Sitze verloren: Thurgau einen Siebtel (1919: 7 Sitze, seit 1931: 6 Sitze), Graubünden einen Sechstel (1919: 6 Sitze, seit 1963: 5 Sitze), St. Gallen einen Fünftel (1919: 15 Sitze, seit 1971: 12 Sitze), Glarus die Hälfte (1919: 2 Sitze, seit 1971: 1 Sitz) und Appenzell Ausserrhoden zwei Drittel (1919: 3 Sitze, seit 2003: 1 Sitz). Die grösste Einbusse hat somit Appenzell Ausserrhoden zu beklagen: Fünfzig Jahre lang, bis 1931, stellte Ausserrhoden drei Nationalräte – darunter während langer Zeit die zwei politisch sehr unterschiedlichen Brüder Arthur Eugster, den Gründer der Ausserrhoder FDP, und Howald Eugster-Züst, den SP-Weber-Pfarrer. 1931 und 2003 verlor Ausserrhoden je einen Sitz und stellt seither nur noch einen Nationalrat.

Zweiter Sitz für Ausserrhoder?

Will die Ostschweiz wieder mehr Sitze und damit an politischem Gewicht gewinnen, braucht sie ein viel stärkeres Bevölkerungswachstum als der Schweizer Durchschnitt. Oder aber sie setzt sich für ein neues System ein: Zum Beispiel für eine Verteilung der Nationalratssitze anhand der Schweizer Wohnbevölkerung oder der Summe der Stimmberechtigten in den Kantonen. Dann gewännen die ausländer- und kinderarmen Ostschweizer Kantone wieder Sitze. Aber eine solche Änderung der Spielregeln ist nicht sehr realistisch.