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Die neuen alten Sorgen der HSG: Als die St.Galler Institution schon einmal in der Kritik stand

Reprise an der Universität St.Gallen: Schon 1975 geraten Institutsrechnungen und Nebeneinkünfte von Professoren in Verruf.
Marcel Elsener
Tagblatt-Artikel zu den Institutsproblemen der HSG vom Dienstag, 25. März 1975. (Bild: PD)

Tagblatt-Artikel zu den Institutsproblemen der HSG vom Dienstag, 25. März 1975. (Bild: PD)

«Der HSG steht genau derjenige Ruf zu, den sie tatsächlich verdient», schreibt die Studentenzeitung «Prisma». «In diesem Sinn können Informationsarbeit und Transparenz nur klärend wirken.» Die geforderte Aufklärung betrifft ein HSG-Institut, das wegen «Zweckentfremdung von Institutsgeldern sowie Buchungsunregelmässigkeiten» in Verruf geraten ist. In der Pflicht die Hochschulverwaltung, die endlich informieren soll, wie es im Artikel heisst: «Tätigkeit und Aushängeschildfunktion solcher Institute und ihrer Exponenten sind für die Mutterfirma eine zu wichtige Angelegenheit, als dass man mit ein paar Pflastern ihre Brüchigkeit verdecken könnte.»

Hoppla, kommt einem bekannt vor: Pflästerli über heikle Finanzmanöver in HSG-Instituten? Die frappant aktuellen Aussagen stammen aber nicht von 2018 oder 2019. Sondern vom Februar 1975: Da macht das Studentenblatt im Dossier «Stichwort Transparenz» die kursierenden Vorwürfe gegen das Institut für Absatz und Handel publik. In den Rechnungen des von Professor Heinz Weinhold-Stünzi geleiteten Instituts gebe es Unregelmässigkeiten.

Die Rechnungen stimmen, aber Fragezeichen bleiben

Ende März 1975 nimmt das HSG-Rektorat Stellung zu den Vorwürfen, mit einem «recht vage gehaltenen» Communiqué, wie das «Tagblatt» anmerkt. Tatsächlich habe man, von einem Mitarbeiter der Hochschulverwaltung «auf Unregelmässigkeiten in den Rechnungen» hingewiesen, eine Untersuchung durch die Finanzkontrolle der Stadt St.Gallen veranlasst. Mit entlastendem Resultat: «Die Untersuchung ergab vollständige Übereinstimmung mit den ausnahmslos vorhandenen Belegen.» Also gebe es keine Rechtswidrigkeit und sei der Vorwurf der Zweckentfremdung von Institutsgeldern unbegründet. Hingegen – und hier ist die Parallele zur Gegenwart noch deutlicher – stellt die Finanzkontrolle einen anderen Mangel fest: die ungeregelte Ausschüttung von Honoraren für Kursleitungen, die der Institutsdirektor bezog.

Zwar sei in den Bestimmungen für die Institute festgehalten, dass die Honorierung für die Tätigkeit als Institutsleiter 25 Prozent des Gehalts als Hochschulprofessor nicht übersteigen darf. «Ungeregelt blieb bisher die Frage von Entschädigungen für die Leitung von Kursen und für Kursreferate.» Es sei vorgesehen, teilt das Rektorat mit, «diese Angelegenheit zu ordnen». Unklar bleibe die Höhe der zusätzlich zum Dozentengehalt erfolgten Geldbezüge des Institutleiters, meint das «Tagblatt» und greift zum Ausrufezeichen: «Mangels einer Regelung können diese von Fall zu Fall nämlich recht hohe Dimensionen annehmen!»

«Marketing-Professor verdiente ein Heidengeld»

Die mutmasslich «unverhältnismässig hohen Einnahmen aus der Vortragstätigkeit» sind indes einem Toleranzbereich geschuldet: Die HSG wolle für auswärtige Dozenten attraktiv bleiben, weil ihre Löhne tiefer sein sollen als an anderen Hochschulen. Auch dies ist vier Jahrzehnte später noch ein Thema. Scharf kommentiert die «AZ» (Arbeiter-Zeitung), der das «merkwürdige» Institut ein Dorn im Auge ist. «St.Galler Marketing-Professor verdiente zusätzlich ein Heidengeld – hoher Absatz im Absatz-Institut» titelt sie und zitiert einen Kritiker:

«Im Institut für Absatz und Handel (Spitzname: Absatz und Schwindel) lernt man nur, wie man Konsumenten erwischen soll – darum auch der reissende Absatz.»

Indizien fänden sich in Weinholds Marketing-Buch, dazu werden Passagen zitiert. Fazit der «AZ»: «Ein klares Wort der Hochschulleitung zu solchen ‹wissenschaftlichen Instituten› wäre am Platz, denn mit solchen konsumentenfeindlichen Einrichtungen schadet sich die Hochschule nur.»

Die Gerüchte um das Forschungsinstitut für Absatz und Handel (das seit 2007 Institut für Marketing heisst) sind nur die Spitze des Eisbergs: Die Ausrichtung der HSG als «Managerschule» ist auf vielen Ebenen umstritten, auf dem Campus selber, aber auch in der Öffentlichkeit. Die kritische Studentenschaft hinterfragt die Strukturen der Universität – die Nachwehen von 1968 und der heftige Protest gegen den Numerus Clausus sind auch an der HSG weit in die 1970er-Jahre hinein spürbar. Giftig grenzt man sich im «Prisma» vom (deutschen) «Managernachwuchs» ab, den die HSG rekrutiert. I

Im Gegensatz zu den von «extremistischer Agitation» politisierten deutschen Hochschulen empfiehlt sich die St. Galler Uni als gute «Ausbildungsstätte für junge zielbewusste und vor allen Dingen politisch unverbildete Wirtschaftler», wie das Komitee Deutscher Studenten 1974 schwärmt. Für die Studentenredaktion eine «beispiellose Arroganz auf dem Buckel der St. Galler Bevölkerung», die schliesslich für ihre Uni zahle.

Vor dem Hintergrund abgelehnter Bauvorlagen

Jahrelang kritisiert das «Prisma» die Informationspolitik der Unileitung unter Rektor Hans Siegwart. Im Artikel, der die Gerüchte um das Institut für Absatz und Handel publik macht, wird auf die Skepsis in der Bevölkerung verwiesen: «Stimmen aus allen Lagern verteidigen die Verdunkelungspraktiken mit der vorrangigen Rücksicht auf die Empfindlichkeit der vox populi», heisst es. «Ein erneuter Abschiff der Hochschulvorlage müsse auf jeden Fall vermieden werden.» Gemeint sind die abgelehnten Bauprojekte: 1970 scheitert ein Erweiterungsbau an der Urne, 1973 lehnt das Stadtparlament eine zweite Ausbauvorlage ab. Erst 1985 heisst das Stimmvolk die Vorlage für den Ergänzungsbau mit Bibliothek und Auditorium maximum gut, 1986 dann wird der Kanton alleiniger Träger der HSG.

Die internen Kritiker haben fortan einen noch schwereren Stand. Das «Prisma» sei als «Brunnenvergifter verunglimpft worden», schreibt die Redaktion im Mai 1975 und hütet sich vor Recherchen: «Ein eingeschriebener Brief hat uns genügt.» Trotzdem fordert sie Transparenz und meint: «Wo kein Staub ist, kann auch keiner aufgewirbelt werden.» Ein wahrer Satz, gültig bis heute. Viel hat sich seit 1975 nicht gewandelt, wohl aber das inzwischen unkritische, system- und rektoratstreue Studentenblatt, das noch immer «Prisma» heisst .

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