Die neue Protestgeneration

Scharfgezeichnet

Kaspar.enz
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Den Kindern im Wittenbacher Obstgartenquartier wollte man auf einer Wiese das Tschutten verbieten. Als die Verbotstafel dann mit roter Farbe besprayt wurde, schien klar: Endlich hat sich die Jugend erhoben. Mit einem Vandalenakt zwar, aber was tut man nicht in jugendlichem Übermut!

Gross dann die Überraschung, als bekannt wurde, dass es sich beim Protest-Sprayer um eine 85-jährige Quartierbewohnerin handelte. Für das Recht der Kinder auf ihre Spielwiese würde sie sogar in den Knast gehen, sagte sie heldenmütig.

Dabei ist sie nicht einmal das erste Schweizer «Sprayer-Grosi». Im Frühling wurde eine 86-jährige Friedensaktivistin erwischt, wie sie die Nationalbank mit einem Protestspruch verzierte. Eine Häufung, die jeden Trendforscher aufhorchen lässt. Denn die Alterung der Gesellschaft schreitet voran. Und so fehlt bald nicht mehr nur bei Feuerwehren der Nachwuchs, sondern auch bei Umweltaktivisten und Anarchistengrüppchen. «Endlich Ruhe», denken sich da einige. Wohl dieselben, die ohne Aufreger in der Zeitung vor Langeweile depressiv werden wie ein Soziologiestudent im 14. Semester.

So ändern sich die Zeiten: Während die Grossmütter Protestsprüche sprayen, besetzen Krawall-Opis leerstehende Schulhäuser, um gegen den Mangel an Alterswohnungen zu protestieren. Gemeinsam gehen sie dann abends zum Sitzstreik vor der AHV-Ausgleichskasse. Das Wort «Achtundsechziger» wird wiederbelebt.

Den Achtundsechzigern von damals trieb das echte Leben in Form gut bezahlter Pöstchen die Flausen aus. Auch bei den 68ern von morgen hat die Demo einmal ein Ende: Sie treten aus gesundheitlichen Gründen aus dem Protestverein aus. Das fällt ihnen sogar leicht: Ihre Ideale müssen sie ja nicht hinter sich lassen.

Kaspar Enz

kaspar.enz

@ostschweiz-am-sonntag.ch