Die netten Dschihadisten aus Arbon

Alperen A. und Serkan T. haben ein völlig unauffälliges Leben im Thurgau geführt, bevor sie in den Heiligen Krieg gezogen sind.

Msx Eichenberger
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Serkan T. wartet im Irak auf seine Hinrichtung. (Bild: PD)

Serkan T. wartet im Irak auf seine Hinrichtung. (Bild: PD)

Die netten Typen von nebenan Augenschein Die letzten Schneereste schmelzen dahin. Aus den Häusern springen Kinder mit geschulterten Ranzen und machen sich auf den Weg zur nahen Schule im Arboner Stacherholz. Der grosszügig angelegte Spielplatz in der Siedlung ist bei den Temperaturen um den Gefrierpunkt verwaist. Der Weihnachtsmann hängt immer noch grüssend an den Ringen. Der «Obstgarten» ist ein wohnliches Quartier. Der Rasen zwischen den Wohnblöcken ist durchsetzt mit Findlingen. Beim Bau des Schulhauses kamen sie 1961 zum Vorschein. Später erstellte die Pensionskasse der Hermann Forster AG die Siedlung an der Obstgartenstrasse. Früher gab es hinter der Schiessanlage beim Forsthaus neben dem alten Fussballplatz tatsächlich nur Obstgärten und Wiesland.

Ein durchaus lebenswertes Quartier

Heute ist es ein durchmischtes Quartier. Städtisch, aufgeräumt-sauber. Kein Fetzchen liegt auf dem Vorplatz herum. Wohnungen sind renoviert und um grössere Balkone erweitert worden. Ein durchaus lebenswertes Quartier, sagt Lukas Auer, «wo es jedes Jahr ein grosses gemeinsames Grillfest gibt und wohin es manche Jugendliche später mit ihren eigenen Familien wieder zurückzieht». Der CVP-Vertreter im Stadtparlament ist hier aufgewachsen. Er kannte Serkan T., der später für die Dschihadisten im Irak Schaltkreise für Bomben bauen und in Bagdad nach der Niederschlagung eines grossen Teils des sogenannten Islamischen Staates von einem Spezialgericht abgeurteilt werden sollte. «Wir kannten uns zwar nicht gut, aber vom Sehen.»

Alperen A. bei der Koran Verteilaktion Lies!. (Bild: PD)

Alperen A. bei der Koran Verteilaktion Lies!. (Bild: PD)

Auer geht nicht in den Kopf, wie ein anständiger Jüngling, «der nie negativ aufgefallen ist und der wie die andern in der Schulzeit spielte», derart umgepolt werden kann. Das macht ihn fassungslos. «Wie kann es sein, dass so einer in die Fänge radikaler Islamisten gerät und mit allem bricht.» Jugendliche aus dem Quartier hätten sich in Gruppen oft auch im Areal des Stacherholz-Schulhauses aufgehalten. Ein beliebter Treffpunkt war zudem der Weiher im nahen Aachquartier.

Der eine zog den anderen mit

Nach der Schulzeit hat Auer Serkan T. aus den Augen verloren. Man geht andere Wege. Serkan T., (Kampfname Obeida), war nicht der einzige Arboner, der in den Dschihad zog. Vier sollen es mutmasslich gewesen sein. Darunter Alperen A., ein gleichaltriger Freund von Serkan T., der im selben Quartier gewohnt hat, im Haus Nummer 17. Stimmen aus dem früheren Umfeld sagen, Serkan T. sei, so habe es den Anschein gemacht, «im Sog von Alperen A. radikalisiert» worden. Dessen einstiger Lehrer, der heute in einem anderen Arboner Schulzentrum unterrichtet, erinnert sich, Alperen A. sei ein ruhiger, zurückhaltender Schüler gewesen, «eher so der Looser-Typ». Wo und mit wem er ausserhalb der Schule verkehrte, weiss der Lehrer nicht.

Der Vater weilt derzeit geschäftlich in der Türkei. Seine zweite Frau, die gerade in den Keller steigt, ist nicht eben redselig. Erst recht, als sie auf die Verbindung von Alperen A. zu Serkan T. angesprochen wird. Sie winkt ab. Unverständnis, Überdruss und Scham spiegelt sich in ihren Augen. Es ist ein schmerzhaftes Kapitel für die Familien, die ihre Söhne an eine fanatische Weltanschauung verloren haben.

«Auch in Arbon sind IS-Rekrutierer unterwegs»

Alperen A. und sein Freund Serkan T. haben in Arbon unauffällig gelebt, bevor sie in den Heiligen Krieg zogen. Es gebe keine sozialen Brennpunkte, sagt Stadtpräsident Andreas Balg.
Ida Sandl