Die Nachwuchs-Sopranistin

Das Radio brachte das einschneidende Erlebnis. Eine zufällig gehörte Arie elektrisierte Anna Gschwend – noch nie hatte sie jemanden solch extrem schnelle Koloraturen singen gehört. Das gibt's ja nicht, dachte sich die damals 18-Jährige.

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Anna Gschwend als Nanette im «Wildschütz».

Anna Gschwend als Nanette im «Wildschütz».

Das Radio brachte das einschneidende Erlebnis. Eine zufällig gehörte Arie elektrisierte Anna Gschwend – noch nie hatte sie jemanden solch extrem schnelle Koloraturen singen gehört. Das gibt's ja nicht, dachte sich die damals 18-Jährige. Gebannt lauschte sie bis zum Ende, um den Namen dieser phantastischen Sängerin zu erfahren.

Auf YouTube entdeckte sie viele Aufnahmen ihres neuen Idols Cecilia Bartoli – und war überglücklich, als sie im Zürcher Opernhaus eine Karte ergatterte für Händels «Semele» mit Bartoli. «Ich sass im Parkett, ganz nervös, ich konnte kaum atmen», erzählt die Buchserin, «ich dachte, ich will nur noch diese Aufführung überleben, danach ist alles egal.»

Anna Gschwend hat diese Aufführung überlebt. Mehr noch: Seit 2010 studiert sie klassischen Gesang an der Zürcher Hochschule der Künste. Die Zwischenprüfung in diesem Sommer hat sie mit einer glatten Sechs bestanden. Und bei den Werdenberger Schloss-Festspielen steht die 22-Jährige dieses Jahr bereits zum zweiten Mal in einer Solo-Rolle auf der Bühne. Dort hat sie quasi den Sprung aus der Nachwuchsabteilung in die erste Mannschaft geschafft.

Hausmusik mit Rassel

Angefangen hat ihre Musikleidenschaft mit einer Rassel. In ihrer musikalischen Familie spielen ihre drei älteren Geschwister mit den Eltern oft Hausmusik. Die Mutter ist Musiklehrerin und arrangiert Appenzeller Musik oder Modernes wie Themen aus «Titanic» für das Familienorchester, Klein Anna darf im Takt klappern.

Mit drei Jahren bekommt sie auf ihr Drängen hin endlich ihr erstes «richtiges» Instrument – wie die älteste Schwester wollte sie Geige spielen – und ist glücklich, eine Sechzehntel-Geige, «ein Mini-Instrument», in den kleinen Händen zu halten. Da die Mutter den Kinderchor der Schloss-Festspiele leitet, singt Anna Gschwend ab ihrem siebten Lebensjahr dort mit.

An ihren ersten Auftritt auf der Schlossbühne kann sie sich noch gut erinnern, als Neunjährige hockt sie in «Carmen» einem älteren Chorherren auf den Knien – bis heute nennt sie ihn ihren «Zweitgrossvater». Das ist es, was für sie die Werdenberger Festspiele ausmacht: das Familiäre.

Keine Opernproduktion auf dem Schloss hat sie ausgelassen, später im Jugendchor und ab 15 im Erwachsenenchor singt sie sich durch die Opernliteratur.

«Das ist es»

Aber nie kommt ihr der Gedanke, Sängerin werden zu wollen. Sie spielt Geige und Bratsche in verschiedenen Ensembles, belegt (mit Geige) das Schwerpunktfach Musik an der Kanti. Doch dort lockt das Freifach «Gesang». Anna Gschwend probiert, ob man ihr dieses Fach genehmigen würde – prompt erhält sie zweimal pro Monat Gesangsunterricht. Nach einem halben Jahr der erste schulinterne Auftritt – da weiss sie, «das ist es».

Wöchentlich fährt sie nun zu einer Gesangslehrerin nach Pfäffikon, um an ihrer Technik zu feilen. Und immer wieder reist die Schülerin allein per Zug zu Aufführungen ins Zürcher Opernhaus. 2010 bewirbt sie sich bei den Werdenberger Festspielen – gesucht wird eine «Barbarina» für «Figaro» – und bekommt die Rolle. Für die junge Sopranistin «eine Riesenchance». Sie muss schon vor Beginn des Studiums gut gewesen sein, gibt man doch der Buchserin den Vortritt vor gestandenen Sängerinnen.

«Oper fasziniert mich», sagt Gschwend, «die Sänger, die auf der Bühne eine andere Persönlichkeit sind.» Das gefalle ihr auch an ihrem Werdenberger Engagement – für ein paar Auftritte in die Haut der «Nanette» zu schlüpfen. Im Werdenberger «Wildschütz» ist die junge Buchserin noch bis zum 2. September zu erleben. Und am 26. August solistisch in einer Matinee.

Julia Nehmiz