Die mutige Frau in einer Männerwelt

Giuseppe Verdi ist bereits ein aufstrebender Komponist, als er sich im Sommer 1843 auf die Suche nach einem geeigneten Opernstoff macht.

Rolf App
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Giuseppe Verdi ist bereits ein aufstrebender Komponist, als er sich im Sommer 1843 auf die Suche nach einem geeigneten Opernstoff macht. Das Theater La Fenice in Venedig hat ihn angefragt, warum also nicht auf einen Stoff aus der Geschichte dieser Stadt zurückgreifen? Lord Byrons «The Two Foscari» könnte so ein Stoff sein, denkt Verdi.

Die Zensur erhebt Einspruch

Doch die Zensurbehörde der Stadt lehnt mit Rücksicht auf lebende Nachkommen der historischen Gegner der Foscari ab. Was Byron beschrieben hat und Verdi nun vertonen will, hat sich im 15. Jahrhundert tatsächlich ereignet – und scheint unvergessen zu sein.

So komponiert Verdi für Venedig «Ernani», kommt aber auf «I due foscari» zurück, als das Teatro dell'Argentina in Rom bei ihm eine Oper in Auftrag gibt – und die Römer Zensur das dort vorgeschlagene Werk «Lorenzino de' Medici» nicht will.

Der machtlose Doge

Byron hat als einer der ersten die dunkle Seite Venedigs zum Thema gemacht: die strengen Gesetze, geheimen Gerichtsverfahren, den allmächtigen Rat der Zehn. Obwohl er Doge ist, muss im von Francesco Piave für Verdi entworfenen Libretto Francesco Foscari machtlos zuschauen, wie sein Sohn Jacopo gefoltert und verbannt wird. Sein Hauptfeind Loredano will Jacopo aus dem Weg räumen und die Macht des Dogen brechen, heftig für ihren Mann setzt sich Jacopos Frau Lucrezia ein. Als ein Brief Jacopos an den Herzog Sforza in Mailand abgefangen wird, belastet ihn das – und treibt Jacopo in den Tod. Zu diesem Zeitpunkt ist beim alten Foscari ein Brief eingetroffen, in dem ein gewisser Erizzo zugibt, er habe den Mord begangen, für den man seinen Sohn verurteilt hatte. Doch der Rat bleibt unversöhnlich, Blut klebt an seinen Händen.

«Eine bemerkenswerte Oper»

«<I due foscari> ist eine bemerkenswerte Oper», sagt Carlos Wagner, der sie auf dem St. Galler Klosterplatz inszeniert. «Sie ist erstaunlich kurz. Und, was für diese Zeit erstaunlich war: Sie ist die erste Oper, in der nicht die Liebesbeziehung im Zentrum steht, sondern die Intrige.» Das habe Verdi danach «fast zu seinem Hauptthema» gemacht. Es gebe zwar die Liebesgeschichte zwischen Jacopo und Lucrezia, «aber man merkt: Sie ist nur da, um Situationen in Gang zu setzen».

Nur noch Männer auf der Bühne

Er wisse nicht, ob dies Verdis Absicht gewesen sei: «Aber die Oper ist auch ein Plädoyer für eine Welt, in der die Frau etwas zu sagen hat.» Die Männer seien alle Egoisten, «auch Jacopo und der Doge. Die einzige, die wirklich für ihre Familie und ihre Beziehung kämpft, ist Lucrezia.» Im letzten Akt seien nur Männer auf der Bühne – und Lucrezia als einzige Frau. «Ich habe das so gelassen, obwohl die Chordamen gern auch auf der Bühne gewesen wären.» Das aber hat nicht gepasst: «Es ist eine Männerwelt, die alles kaputt macht.»