Die missverstandene Region

ST. GALLEN. Das Nein der Thurgauer Regierung zur Metropolitanregion hat nicht nur die St. Galler Initianten konsterniert. Auch im eigenen Kanton stösst der Entscheid aus Frauenfeld auf Unverständnis. Im Oberthurgau hofft man nun auf St. Gallen.

Andri Rostetter
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Der Oberthurgau – im Bild Arbon und Steinach – orientiert sich stark in Richtung St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Der Oberthurgau – im Bild Arbon und Steinach – orientiert sich stark in Richtung St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Böse Zungen behaupten, der Kanton Thurgau habe drei Hauptorte: Konstanz, Winterthur und St. Gallen. Der Witz hat einen wahren Kern: Der Thurgau gilt als Kanton ohne starkes Zentrum, dafür mit umso stärkerer Ausrichtung nach aussen. Die Region Frauenfeld orientiert sich in Richtung Zürich, der Norden nach Konstanz, der Oberthurgau nach St. Gallen. Diese Zerrissenheit ist im Kanton immer dann spürbar, wenn es um die Zusammenarbeit mit den Nachbarkantonen geht. Aktuelles Beispiel ist die Metropolitanregion St. Gallen-Bodensee.

Das Projekt für eine effiziente Zusammenarbeit der Ostschweizer Kantone wurde auf St. Galler Seite angestossen – der Thurgauer Regierungsrat hat ihm nun einen Korb gegeben (Ausgabe vom 2. April). Er sehe darin keinen Mehrwert für den Kanton. Zudem wird in Frauenfeld befürchtet, dass eine neue Organisation die bestehenden konkurrenzieren könnte. Gemeint ist damit etwa die Region Frauenfeld, die Mitglied des Metropolitanraums Zürich ist.

Schneller über Kantonsgrenze

Der Entscheid der Thurgauer Regierung ist nicht nur in St. Gallern schlecht angekommen, auch im eigenen Kanton stösst das Nein auf Unverständnis – vor allem im Oberthurgau. Der östlichste Kantonsteil orientiert sich stark in Richtung St. Gallen, man ist schneller über der Kantonsgrenze als im eigenen Hauptort. Arbon ist mit 14 000 Einwohnern die grösste Stadt im Oberthurgau – und am weitesten entfernt von Frauenfeld. «Wir sind wirtschaftlich zu 80 bis 90 Prozent nach St. Gallen orientiert. Das lässt sich nicht wegdiskutieren», sagt der Arboner Stadtammann Andreas Balg (FDP).

Im Vergleich zu anderen Städten in der Region, etwa Gossau oder Rorschach, sei aber Arbon klar schlechter an St. Gallen angebunden. «Da könnte man als Metropolitanregion sicher etwas bewirken.» Balg ist aber auch überzeugt, dass eine gemeinsame Metropolitanregion nicht nur dem Oberthurgau etwas bringen würde. «Der Thurgau braucht Unterstützung in Sachen BTS. Die Unterstützung von St. Gallen wäre wohl grösser, je mehr der Thurgau St. Gallen unterstützt.» Mit dem Bau der Bodensee-Thurtalstrasse (BTS) will der Kanton das stark gewachsene Verkehrsaufkommen in den Griff bekommen und den Mittel- und Oberthurgau besser vernetzen. Das Volk hat dem entsprechenden Netzbeschluss am 23. September 2012 zugestimmt, nun fehlt noch das Ja des Bundes.

Balg bedauert aber nicht den Entscheid allein, er kritisiert auch die Kommunikation der Regierung: «Es braucht mehr als nur ein Statement aus Frauenfeld, nötig ist eine Auseinandersetzung mit allen wichtigen Partnern der Region.» Was die Metropolitanregion angeht, sei dies nicht passiert.

Auch in Romanshorn, mit gut 10 000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt im Oberthurgau, richtet sich der Blick in vielerlei Hinsicht stärker auf St. Gallen als auf den eigenen Kanton. Man werde den Entscheid aus Frauenfeld zur Metropolitanregion deshalb nicht einfach zur Kenntnis nehmen und zur Tagesordnung übergehen, sagt Vize-Stadtammann Danilo Clematide (SP). «Wir müssen das diskutieren und dem Regierungsrat den Mehrwert aufzeigen.»

Ein Spezialfall im östlichen Thurgau ist Amriswil. Die knapp 13 000 Einwohner zählende Stadt fühlt sich weder richtig dem Oberthurgau zugehörig, noch will man sich als Teil des Mittelthurgaus verstanden wissen. «Wir sind immer in diesem Konflikt», sagt Stadtammann Martin Salvisberg (SVP). «Viele Amriswiler pendeln in Richtung St. Gallen, aber noch mehr in Richtung Frauenfeld-Zürich.»

«Den Thurgau nicht halbieren»

Dennoch hat sich die Stadt in der jüngsten Vergangenheit noch ein wenig stärker dem Nachbarn im Süden zugeneigt: Seit November 2014 ist Amriswil Teil des Agglomerationsprogramms St. Gallen-Bodensee. «Gemeinsam können wir unseren attraktiven funktionalen Raum auch gegen aussen sichtbarer machen», sagte Salvisberg damals. Jetzt, in der Debatte um die Metropolitanregion, zeigt er sich zurückhaltender. «Ein Satz in der Mitteilung war für mich zentral: Der Regierungsrat ist überzeugt, dass ein neuer Metropolitanraum die zentrifugalen Kräfte innerhalb des Kantons Thurgau verstärken würde, weil sich seine Zentren noch stärker in Richtung eines grösseren Raums ausrichten würden.» Noch mehr Grenzen seien deshalb nicht sinnvoll. «Wir wollen den Thurgau nicht halbieren.»

Ruf nach «Kanton Ostschweiz»

Von einem zerschnittenen Kanton will man zwar auch in Arbon und Romanshorn nichts wissen. Ein engeres Zusammengehen mit St. Gallen stösst dort aber immer wieder auf wohlwollendes Interesse. Als der vor vier Jahren verstorbene Thurgauer Regierungsrat Hans Peter Ruprecht 2007 in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» einen «Kanton Ostschweiz» forderte, reagierte vor allem eine Region hocherfreut: der Oberthurgau.

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