Die Mitarbeiter der Flawa Consumer GmbH konfektionieren jeweils 200'000 Stück Masken pro Woche. Rund 15'000 Stück kommen täglich in den Onlineshop und werden zum Verkauf angeboten.

Die Mitarbeiter der Flawa Consumer GmbH konfektionieren jeweils 200'000 Stück Masken pro Woche. Rund 15'000 Stück kommen täglich in den Onlineshop und werden zum Verkauf angeboten.

Bild: Raphael Rohner

Die Maskenmacherin aus Flawil: Die Flawa Consumer GmbH reagiert auf den Versorgungsengpass wegen des Coronavirus

Im Kampf gegen Corona hat Flawa auf die Produktion von Gesichtsmasken umgestellt. Bald werden auch FFP2-Masken produziert.

Christoph Zweili
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Unter Schutzkleidung, Haube und Atemschutzmaske sind nur noch die Augen zu erkennen – die Arbeitskleidung im verwinkelten Flawiler Industriebetrieb erinnert an Science-Fiction-Filme. Die Vorsichtsmassnahmen in der Produktion der Flawa Consumer GmbH in Flawil im dritten Erdgeschoss sind rigoros. Für Besucher ist der Zutritt zum Produktionsbereich verboten, das Fotografieren nur mit gebührendem Abstand erlaubt. Wer die beiden maskenproduzierenden Maschinen aus Shanghai sehen will, muss sich einem surrealen Prozedere unterziehen.

Auch wenn sie der Bund nach wie vor nicht explizit vorschreibt: Schutzmasken sind im Zuge der Coronakrise zu einem raren Gut geworden. Und in diesen Tagen ist CEO Claude Rieser noch vorsichtiger:

CEO Claude Rieser

CEO Claude Rieser

Bild: Raphael Rohner
«Das Schlimmste wäre ein Coronafall hier im Hause, wenn sich also das Virus auf das Produkt übertrüge.»

Die Maschinenteile aus China für die vollautomatische Produktion von medizinischen FFP2-Masken kamen vor Wochenfrist mit einem Swissflug in Zürich-Kloten an. «Genau nach Zeitplan», sagt Rieser. Anlagenbauer der Frauenfelder Firma Autefa Solutions, spezialisiert auf Automationslinien, haben die beiden zehn Meter langen und 1,5 Meter breiten Maschinen inzwischen aufgebaut und mit Technikern aus China in Betrieb genommen. Die Produktionslinien werden am einen Ende mit dem Schutz- und Filtervlies bestückt. Die beiden Vliese werden zusammengeführt, mit einem Nasenclip und einem Ohrengummi versehen und dann ultraschallverschweisst.

Ein Betrieb, zwei Projekte: Links werden die Universalschutzmasken produziert, rechts die beiden chinesischen Maschinen für die Produktion der FFP2-Masken vorbereitet.

Ein Betrieb, zwei Projekte: Links werden die Universalschutzmasken produziert, rechts die beiden chinesischen Maschinen für die Produktion der FFP2-Masken vorbereitet.

Raphael Rohner

Die fertige Maske wird für den Gebrauch einmal aufgeklappt. Noch gibt es keine fertigen Muster: Die Masken müssen zuerst an die europäische Gesichtsform angepasst werden. «Ab Mitte Mai sollten wir die Produktion hochfahren können», sagt Renato Facchinetti, Leiter Qualitätsmanagement im Hause Flawa. «Doch zuvor stehen noch diverse Prüfungen an. Und es fehlt noch die Zertifizierung des Instituts für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Berlin.» Momentan habe man Rohmaterial für drei Monate an Lager – «das ist viel für die Branche».

«Im Moment steht nicht der Gewinn im Vordergrund»

Sobald die beiden Maschinen mit voller Kapazität laufen, könnten rund um die Uhr täglich zwischen 80'000 und 100'000 Masken hergestellt werden – die Hälfte will der Bund durch die Armeeapotheke an die Kantone und Akteure im Gesundheitswesen verkaufen. Die andere Hälfte möchte die Kantonsapotheke Zürich an das Gesundheitswesen im eigenen Kanton absetzen. Bund und Kanton Zürich teilen sich die Kosten von 1,6 Millionen Franken für die beiden Maschinen.

Es gibt Medien, die Rieser attestieren, mit dem Einstieg in die Maskenproduktion und das erst noch mit fremdfinanzierten Maschinen einen «Riesencoup» gelandet zu haben: Der 42-Jährige aus Speicher bleibt davon unbeeindruckt – «ich will natürlich nicht drauflegen, aber im Moment steht für mich nicht der Gewinn im Vordergrund. Es ist eine Frage der Werthaltung: Wir verkaufen nicht an Händler, sondern limitierte Stückzahlen an Private und Unternehmen schweizweit, obwohl ich einem Grossunternehmen schon zehn Millionen Stück hätte liefern können.»

Das ist eine Anspielung auf das Schlüsselerlebnis, mit dem alles begonnen hat. Den Plan zur Umstellung der Produktion auf Universalschutzmasken heckt der Unternehmer nämlich aus, als er Anfang März in der Zeitung liest, dass ein Lastwagen mit einem Container voller Schutzmasken an der Einreise von Deutschland in die Schweiz gehindert wird: «Das kann nicht sein. Wir werden neu auch Universalschutzmasken produzieren!» Die Flawa Consumer GmbH, eine Tochter der U.S. Cotton Group, ist heute auf die Produktion von nachhaltigen Wattepads und Frischesohlen spezialisiert, beide Produkte laufen oft nicht unter dem eigenen Namen. Jetzt eröffnet sich ein neues Geschäftsfeld: Rund ein Viertel der 80 Mitarbeitenden arbeiten bereits in der Maskenproduktion.

12 Bilder

Raphael Rohner

200'000 Masken Marke Eigenbau pro Woche

Rieser ist der erste, der in der Schweiz Universalschutzmasken produziert. Ingenieure und Techniker tüfteln an einer Maske, made in Flawil. Die erfundene Mehrfach-Falttechnik lässt das Unternehmen patentieren: Mit einem Handgriff lässt sich der kontaminierte Innenteil verschliessen und die Einwegmaske ohne Hautkontakt sicher entsorgen. Das gibt es sonst nirgends.

Eine Maschine, mit der früher Verbandspatronen für die Schweizer Armee hergestellt wurden, wird umgerüstet. Den Vliesstoff beschafft sich das Unternehmen bei Herstellern in Deutschland und Polen. An Ostern läuft die Produktion an. Der Verkauf der ersten Charge über den Onlineshop zeigt: Das Produkt ist begehrt. Nach wenigen Minuten sind die Schutzmasken ausverkauft. «Seither geht es rund», sagt Rieser. «Wir sind nur noch am Rotieren. Einen Feierabend gibt es kaum mehr.»

Seit Ostern werden auf der selbst gebauten Maschine Universalschutzmasken produziert – im 24-Stunden-Betrieb in vier Schichten an sieben Tagen die Woche.

Seit Ostern werden auf der selbst gebauten Maschine Universalschutzmasken produziert – im 24-Stunden-Betrieb in vier Schichten an sieben Tagen die Woche.

Bild: Raphael Rohner

Zurück zur Produktion: «Zutritt nur für Berechtigte» warnt das Schild. Hinter Glas arbeitet die Masken-Maschine Marke Eigenbau, wird das Vlies ab Rolle verschweisst und gefaltet, zischt die Pneumatik, die den Haltegummi in die richtige Länge zieht, als wäre hier eine überdimensionale Herz-Lungen-Maschine am Werk. Fünf Mitarbeiter in Haube, Kittel und Maske konfektionieren die Masken – 200'000 Stück pro Woche.

Sie sind begehrt auf dem Markt, denn verkauft werden könnten sie millionenfach. Rieser sagt:

«Doch wir kontrollieren genau, wer ordert. Bei grossen Stückzahlen fragen wir nach oder wir sagen gleich ab, sonst gibt es keine Masken für Private mehr.»

Die Hälfte der Tagesproduktion geht jeweils in den Online-Shop – rund 15'000 Stück – jedes Mal sind sie ausverkauft. Rieser erfüllt den Wunsch einer 91-jährigen Frau. Sie hat kein Internet und daher auch keinen Zugriff auf den Onlineshop. Ausnahmsweise wird ihr daher zur Maskenlieferung per Post auch ein Einzahlungsschein mitgeliefert.

Und als hätte es das Szenario schon einmal gegeben, meldet sich ein Mann beim CEO: Er habe im Keller eine noch verpackte Flawa-Schutzmaske gefunden. Sie müsse vor 1977 hergestellt worden sein, «denn bis dahin hat meine Frau solche als Zahnarzthelferin verwendet». Davon wusste selbst der CEO nichts.