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Die Masche der Teppichbetrüger

Wer ihnen zum Opfer fällt, verliert Zehntausende Franken. Mit viel Geschick schwatzen vordergründig seriöse Teppichhändler älteren Menschen Orientteppiche auf – zu Wucherpreisen. Drahtzieherin ist eine Roma-Sippe aus Deutschland.
Janique Weder
14 000 Franken für die Reinigung von sechs Teppichen: Eine Bande aus Deutschland führt seit Jahren Ostschweizer Kunden hinters Licht. (Bild: fotolia)

14 000 Franken für die Reinigung von sechs Teppichen: Eine Bande aus Deutschland führt seit Jahren Ostschweizer Kunden hinters Licht. (Bild: fotolia)

Ihr Auftritt ist seriös, freundlich und zuvorkommend, ihre Praktiken sind unverfroren und skrupellos. Sie geben sich als Teppichexperten aus, die Polizei sucht sie als Betrüger. Sie führen ahnungslose Leute hinters Licht, ziehen ihnen haufenweise Geld aus der Tasche und verschwinden spurlos. Ihre Masche: Sie reinigen alte Orientteppiche und verkaufen neue – zu angeblich unschlagbaren Preisen. Tatsächlich sind die Teppiche kaum etwas wert und die Qualität der Reinigung mehr als fragwürdig.

90-Jähriger wird zum Opfer

Ein Opfer ist der 90jährige Erich Hauser*. Mit seiner mittlerweile verstorbenen Frau hatte er in den Achtzigerjahren ein Dutzend Orientteppiche gekauft. «Sie sind Erinnerungsstücke», sagt Sohn Tobias Hauser* über die Leidenschaft seines Vaters.

Schon lange hat der Rentner die wertvollen Teppiche reinigen lassen wollen. Als er am 10. Juni die Zeitung lesen will, fällt ihm der Prospekt eines Glarner Teppichgeschäfts in den Schoss. Die Botschaft tönt verlockend: Sonderrabatt für Neukunden, Aktionsreinigung, Totalliquidation. Erich Hauser greift zum Hörer. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Herr Goman. Die beiden plaudern, und schon wenig später steht Goman bei Erich Hauser vor der Tür. Der Rentner lebt in einer bescheidenen Einliegerwohnung im Haus seines 52jährigen Sohnes. Tobias Hauser empfängt Goman zusammen mit seinem Vater. Goman ist herzlich, charmant, eloquent. «Er hat mein Vertrauen gewonnen», sagt Tobias Hauser. Nach wenigen Minuten lässt er seinen Vater allein mit dem Geschäftsmann. «Ein kapitaler Fehler.»

Goman, nun allein mit Vater Erich, nimmt sich Zeit. Er mustert die Teppiche des Rentners, dann macht er ihm ein Angebot: Sechs Teppiche würde er mitnehmen. Deren Reinigung koste 14 000 Franken. Erich Hauser willigt ein. Und nicht nur das: Goman schwatzt ihm zwei neue Teppiche auf – für insgesamt 35 000 Franken.

Vor verschlossenen Türen

Erich Hausers Fall ist nicht ungewöhnlich. In der Ostschweiz schlägt sich die Polizei immer wieder mit Teppichbetrügern herum. Ihre Masche ist immer dieselbe, wie ein Anruf bei einem St. Galler Teppichgeschäft zeigt. Höflich meldet sich ein Mann am Apparat. Ob er einen alten Orientteppich reinigen könne? Selbstverständlich, sagt er. «Wir kommen bei Ihnen zu Hause vorbei, kostenlos.» Nur so könne er sich ein Bild vom Teppich machen. Die Offerte kostet ebenfalls nichts. Vom Vorschlag, mit dem Teppich im Geschäft an der Rorschacherstrasse vorbeizukommen, will der Mann nichts wissen. Ein späterer Besuch zeigt, weshalb: Die Türen sind verschlossen, der Briefkasten quillt über. Hier hat schon lange niemand mehr einen Teppich verkauft.

Grossfamilie zieht die Fäden

Während des Abendessens erzählt Erich Hauser von seinem Geschäft mit Goman. Als Sohn Tobias realisiert, dass sein Vater dem Mann 49 000 Franken zugesichert hat, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Goman hat seinen 90jährigen Vater nach Strich und Faden betrogen.

Tobias Hauser recherchiert im Internet. Er stösst auf etliche ähnliche Fälle. Auf YouTube findet er eine «Spiegel-TV»-Dokumentation über den Goman-Clan. Die Roma-Sippe aus Leverkusen stellt sich als Drahtzieherin hinter den Teppichbetrügen heraus.

Ein Insider der Kantonspolizei St. Gallen, der sich seit Jahren mit diesen Banden befasst, bestätigt Hausers Recherchen. «Praktisch jeder Betrug im Kanton St. Gallen ist auf diese Familie zurückzuführen», sagt er.

Laut «Spiegel-TV» ist die Sippe nicht nur unüberschaubar gross, sie schottet sich auch dermassen geschickt ab, dass die deutsche Justiz vor ihr kapituliert hat. Für Tobias Hauser ist die Ernüchterung gross: «Ich glaube nicht, dass die Schweizer Polizei gegen diese Bande vorgehen kann», sagt er.

Auch für Mario Albisetti von der Schweizerischen Orientteppich-Vereinigung sind diese Fälle ein Ärgernis. «Diese Hochstapler ziehen das Image der ganzen Branche in den Dreck», sagt er. Es werde immer schwieriger, Betrüger zu erkennen. Erlebt hat Albisetti das am eigenen Leib: Als er bei einem Besuch in der Türkei mit einem vordergründig seriösen Teppichhändler spricht, nennt ihm der Mann eine Schweizer Kontaktperson – niemand Geringeren als Mario Albisetti selber. «Dabei habe ich diesen Mann noch nie getroffen.»

Ausgezeichnete Verkäufer

Als Erich Hauser in das bestürzte Gesicht seines Sohnes blickt, dämmert ihm, was geschehen ist. Er fühlt sich vor den Kopf gestossen, fragt sich, wie das hat passieren können. Trotz seiner 90 Jahre ist er ein selbständiger Mann. Er kocht allein, kauft selber ein und macht seine Wäsche eigenhändig. Auch Sohn Tobias sagt: «Mein Vater ist kein seniler Mann.»

Teppichbetrüger sind ausgezeichnete Verkäufer. Zu ihren Besuchen erscheinen sie in adretter Kleidung, mit standesgemässen Autos. Das imponiert. Besonders ältere Menschen sind beeindruckt. «Sie lassen sich von den Männern in eine Art Trance reden. Das macht sie manipulierbar», sagt der St. Galler Polizeisprecher Hanspeter Krüsi.

Erich Hauser hat sich mit dem Teppichhändler für den nächsten Morgen verabredet. Um 9 Uhr will Goman ihn auf die Bank begleiten, um das Geld zu holen. An einer Banküberweisung ist er nicht interessiert. Goman will das Geld so schnell wie möglich.

Tobias Hauser sieht schwarz. Nach dem Abendessen meldet er sich bei der Polizei. Sie schickt vier zivile Fahnder zum Treffen. «Es war wie im Film», sagt Tobias Hauser. In seinem Haus warten die Beamten den richtigen Zeitpunkt ab. Erst als Goman den 90-Jährigen zu seinem Auto, einen schwarzen Mercedes S 500, begleitet, nehmen sie den mutmasslichen Betrüger fest.

Was bleibt, ist die Scham

Dass Tobias Hauser die Polizei um Hilfe gebeten hat, ist keineswegs die Regel. «Viele Opfer schämen sich und meiden den Gang zur Polizei», sagt Hanspeter Krüsi. Dabei wäre sie darauf angewiesen. «Ohne Anzeige dürfen wir nicht handeln.» Gerade mal fünf bis zehn Fälle von Teppichbetrug werden jährlich der St. Galler Kantonspolizei gemeldet.

Hinter Gitter kommen die Betrüger praktisch nie. In der Theorie sind ihre Geschäfte zwar verboten, in der Praxis ist der Nachweis schwierig zu erbringen. Wenn es zu einem Ermittlungserfolg kommt, resultiert nach Monaten oder gar Jahren vielleicht eine Busse. Auch im Fall Goman ist die Polizei machtlos: Sie nehmen ihn zur Befragung mit auf den Stützpunkt, müssen ihn aber wieder gehen lassen. Die Beweise fehlen.

Wenige Tage später meldet sich Goman noch einmal bei Tobias und Erich Hauser. Er werde auf den Auftrag verzichten, teilt er ihnen mit. Seitdem haben Vater und Sohn Ruhe. Ein ungutes Gefühl bleibt.

Preis war zehnfach überteuert

Einen Monat später. Der zuständige Staatsanwalt im Fall Erich Hauser hat eine Expertise angeordnet, um den tatsächlichen Wert der Teppiche zu ermitteln. Die sechs Teppiche, für deren Reinigung Goman 14 000 Franken veranschlagt hat, haben einen Gesamtwert von 1300 Franken.

Und die beiden neuen Teppiche, für die Erich Hauser um ein Haar 35 000 Franken bezahlt hätte? Sie kosten zusammen 3000 Franken.

*Name geändert

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