Mädchenschulen unter Reformdruck: Wie «Kathi», «Maitlisek» und «Flade» mit ihrer besonderen Stellung umgehen

Das «Kathi» soll nicht mehr als Privatschule gelten dürfen. Doch auch die Gossauer «Maitlisek» und die «Flade» haben eine besondere Stellung.

Janina Gehrig
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Keine Buben, keine Realschülerinnen und keine religiöse Neutralität: Das «Kathi» in Wil steht als Privatschule, die mit öffentlichen Geldern finanziert wird, unter Beschuss.

Keine Buben, keine Realschülerinnen und keine religiöse Neutralität: Das «Kathi» in Wil steht als Privatschule, die mit öffentlichen Geldern finanziert wird, unter Beschuss. 

Mareycke Frehner

Manchmal sitzen die Mädchen in Gottesdiensten statt auf der Schulbank. Oder sie machen Pilgerreisen und halten religiöse Erlebnistage ab. Und wer einer Musikklasse angehört, besucht drei Lektionen weniger in anderen Leistungsfächern. Buben und Realschülerinnen gehören nicht zur Schülerschaft.

Diese Besonderheiten, die am «Kathi» gelten – der Wiler Mädchensekundarschule St.Katharina – stossen den Jungen Grünen Wil um Sebastian Koller seit Jahren sauer auf. Die Schule verstosse gegen Verfassungsgrundsätze wie die Geschlechtergleichbehandlung, die Chancengleichheit und religiöse Neutralität und stehe in einem unfairen Wettbewerb mit den städtischen Schulen, die in einem «engeren rechtlichen Korsett» steckten.

Unklar, ob «Kathi» als öffentliche oder private Schule gilt

Hinzu kommt ein Rechtsstreit: Bis 2011 führten Klosterfrauen die Schule. Danach wurde die Trägerschaft auf die Stiftung Schule St.Katharina übertragen, womit die Schule formell privatisiert wurde. Doch der Parteiwechsel vom Kloster zur Stiftung ist nicht rechtskräftig.

Für einen Schulvertrag zwischen der Stadt Wil, die das Schulgeld bezahlt, und der Stiftung fehlt seit Jahren eine gesetzliche Grundlage, wie das Verwaltungsgericht im Dezember festhielt. Das «Kathi» sei in der heutigen Form als öffentliche Schule zu betrachten, urteilte es. Dagegen wehrte sich wiederum die Stiftung.

Nun soll das Bundesgericht beurteilen, ob das «Kathi» als öffentliche oder private Schule gilt. «Es ist im Kanton St.Gallen nicht vorgesehen, dass eine private Körperschaft eine öffentliche Schule führt», sagt Koller. Falls man dies ermöglichen wolle, müsse die private Schulträgerschaft mit öffentlichem Bildungsauftrag die gleichen rechtlichen Vorgaben erfüllen wie städtische Schulen. Das «Kathi» wolle aber «de Füfer und s’Weggli: Die Autonomie der Privatschule behalten und durch die öffentliche Hand finanziert werden».

Keine klare Antwort des Bildungsdepartements

Das Bildungsdepartement stützt diese Aussagen zwar, die Praxis sieht jedoch anders aus. Alexander Kummer, Leiter des Amts für Volksschule, sagt:

«Grundsätzlich finanzieren sich Privatschulen ohne jegliche öffentliche Gelder.»

Davon gibt es rund 20 weitere im Kanton St.Gallen, etwa die Rudolf Steiner Schule, das Institut am Rosenberg oder die International School. Damit eine Privatschule eine kantonale Bewilligung erhält, muss sie den Lehrplan einhalten. «Allerdings besteht hier ein gewisser Spielraum», sagt Kummer.

So sind im Lehrplan lediglich die Kompetenzen festgehalten, die ein Schüler erwerben sollte. Ob eine Schule dabei eine spezielle Philosophie verfolgt oder an einem religiösen Hintergrund festhält, sei ihr überlassen.

Auch «Maitlisek» und «Flade» mussten sich öffnen

Das «Kathi» ist nicht die einzige geschlechtergetrennte Schule mit katholischem Ursprung im Kanton St.Gallen. Auch an der Gossauer «Maitlisek» werden nur Mädchen unterrichtet und die St.Galler «Flade» führt Mädchen-, Buben- sowie gemischte Klassen. In den vergangenen Jahren stellte sich immer wieder die Frage, ob geschlechtergetrennte Schulen überhaupt noch zeitgemäss sind.

So verlangte der Gossauer Stadtrat eine bessere Durchmischung an der «Maitlisek». Zwar stand die Geschlechtertrennung hier nie zur Debatte, dafür aber das Leistungsniveau. Seit vergangenem Sommer werden auch Realschülerinnen an der 1912 gegründeten und nach christlichen Grundwerten geführten Schule aufgenommen. Zudem musste die Finanzierung neu geregelt werden. Die Schule schloss eine Leistungsvereinbarung mit der Stadt Gossau und der Schulgemeinde Andwil-Arnegg ab, die Eltern steuern weiterhin 500 Franken jährlich pro Schülerin bei. Hinzu kommen Beiträge von kirchlichen Institutionen.

Auch die «Maitlisek» gilt gemäss Bildungsdepartement als Privatschule. Sie wird statt von einer Stiftung von einem Verein getragen, in dessen Vorstand ein Schulrat sitzt. Auch hier setzt man gewisse Schwerpunkte im Unterricht. Schulratspräsidentin Birgit Berger sagt:

«Die christliche Wertebildung ist ein wichtiger Pfeiler der Schule.»

Gottesdienste, Rorate und religiöse Erlebnistage gehören zum Pflichtprogramm. Aber: «Wir halten den kantonalen Lehrplan ein und unterrichten mit dem Fächerangebot sehr nahe an der öffentlichen Schule», sagt Berger. Im Gegensatz zum «Kathi» ist die Gossauer Institution dank Leistungsauftrag mit der Stadt jedoch rechtlich abgesichert. Zudem, betont Berger, sei die Existenzberechtigung der Schule nie in Frage gestellt worden. Die Zusammenarbeit mit den beiden Schulratspräsidenten und dem Stadtrat sei stets gut gewesen.

Unter Reformdruck geriet auch die «Flade», deren Konzept seit Mitte der 1990er Jahre immer wieder hinterfragt wurde. Vor allem die Bevorteilung katholischer Schüler, die kein Schulgeld leisten mussten, sowie der fehlende Mix von Sek und Real wurde der Schule angekreidet, weshalb sie auch den Ruf einer Eliteschule bekam. Im Rahmen des Sparprogramms strich der Kanton 2016 seine Beiträge. Die Stadt erklärte sich daraufhin bereit, die Finanzierung der städtischen Schüler zu übernehmen. Im Gegenzug muss die «Flade» seit Sommer 2019 auch städtische Schüler anderer Konfessionen und Realschüler aufnehmen. Neben dem Umstand, dass die «Flade» auch eine reine Bubenschule führt und damit die Chancenungleichheit diesbezüglich nie ein Thema war, nimmt die «Flade» auch mit ihrer Rechtsform einen besonderen Status ein. Sie gilt gemäss Volksschulgesetz als eigenständiger, öffentlichrechtlicher Schulträger. Trotzdem hat sie ihre katholische Prägung beibehalten.

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