«Mein Nettostundenlohn betrug 35 Franken»

Nach dem Aus für den Ostschweizer Medienpreis wurde der Stiftung vorgeworfen, sie habe die Sponsoren vernachlässigt. Geschäftsführer Philipp Landmark nimmt Stellung zu den Vorwürfen.

Interview: Andri Rostetter
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Philipp Landmark Kommunikationsberater, bis 2016 Chefredaktor ­­­­­­­«St.Galler Tagblatt». Ab 2012 Stiftungsrat Ostschweizer Medienpreis, seit 2017 Geschäftsführer.

Philipp Landmark Kommunikationsberater, bis 2016 Chefredaktor ­­­­­­­«St.Galler Tagblatt». Ab 2012 Stiftungsrat Ostschweizer Medienpreis, seit 2017 Geschäftsführer.

Bild: Ralph Ribi

Der Ostschweizer Medienpreis ist nach 20 Jahren Geschichte – ein Verlust für die Medienlandschaft.

Philipp Landmark: Ja, die Ostschweiz verliert ein weiteres Stück medialer Eigenständigkeit, den Medienschaffenden wird eine Möglichkeit der Profilierung genommen. Der Zweck war aber ein anderer. Es ging nicht um das brancheninterne Schulterklopfen, sondern darum, einer breiteren Öffentlichkeit die Bedeutung von gutem Journalismus aufzuzeigen.

Ist das gelungen?

Das müssen andere beurteilen. Das Coronavirus macht sicher effizientere Arbeit: Zwar brechen die letzten verbliebenen Werbeeinnahmen dramatisch ein, gleichzeitig erfreuen sich vertrauenswürdige Medien signifikant höherer Nutzungszahlen. Produkte, die für Qualitätsjournalismus stehen, verkaufen plötzlich wieder mehr Abos.

Was zeichnet Qualitätsjournalismus aus?

Vieles, gerade jetzt auch die Überprüfbarkeit von Fakten, das Aufzeigen von Zusammenhängen, die Einordnung von Massnahmen. Qualitätsjournalismus gibt Orientierungshilfe. Journalistinnen und Journalisten müssen hartnäckig oberflächliche Wahrheiten hinterfragen.

Tun sie das?

Der letzte Ostschweizer Medienpreis ging an ein Team aus Ihrer Redaktion. Nicht dafür, dass sie die Obrigkeiten freundlich dargestellt haben, sondern vielmehr, weil sie sich wie Nervensägen verhielten und sich nicht mit erstbesten Antworten abspeisen liessen.

Künftig können solche journalistischen Leistungen nicht mehr ausgezeichnet werden, weil Sie, wie behauptet wird, als Geschäftsführer und der Stiftungsrat die Sponsorensuche vernachlässigt haben.

Der Medienpreis wurde im Jahr 2000 aus der Taufe gehoben, mitgetragen von etlichen eigenständigen Medienunternehmen, die es alle nicht mehr gibt. Der Stiftungsrat und auch ich haben uns in all den Jahren bemüht, wegfallende Sponsoren durch neue zu ersetzen. Insgesamt war das Interesse der Wirtschaft an dem Medienanlass aber schlicht nicht vorhanden, die Liste der freundlichen Absagen ist lang. Es lag nicht an der Anzahl Anfragen, sondern an den Antworten der Angefragten.

Wieso hat sich die Stiftung dann einen teuren Geschäftsführer geleistet?

Ich bin auf Wunsch der Kolleginnen und Kollegen im Stiftungsrat eingesprungen, als das «St.Galler Tagblatt» die Geschäftsführung nicht mehr wahrnehmen wollte. Das habe ich zu einem Freundschaftspreis gemacht. Mein Nettostundenlohn betrug 35 Franken. Marktübliche Ansätze sind um ein Vielfaches höher.

Von den Medienhäusern wollte am Ende nur noch das «Tagblatt» den Preis mitfinanzieren. Können Sie das Desinteresse erklären?

Zuerst: Ich hatte mich sehr gefreut, als das «Tagblatt» seine Rückkehr als substanzieller Mitträger der Stiftung signalisierte. Der Stiftungsrat kam nach eingehender Analyse trotzdem zum Schluss, dass das finanzielle Überleben des Preises nicht mehr gegeben ist – obwohl aufgrund der Bereitschaft des «Tagblatts» auch einige kleine Medienhäuser den Preis wieder unterstützen wollten.

Nur kleine Medienhäuser?

Selbstverständlich haben wir regelmässig bei allen wichtigen Medienhäusern in der Ostschweiz die Klinken geputzt. Warum diese abgesehen von aufmunternden Worten kein Interesse zeigten, bleibt ihr Geheimnis. Ein Grund mag sein: Häufig war das «Tagblatt» als das dominante Haus in der Ostschweiz auch erster Anwärter auf den Preis. Mit der Neuausrichtung mit nur noch einem Preis statt fünf Kategorien wurden die Chancen kleinerer Medienhäuser nicht grösser.

Was ist mit öffentlichen Geldern?

Ein Versuch, von der Ostschweizer Regierungskonferenz die gleiche Unterstützung zu ­bekommen, die dem Preis der SRG Ostschweiz zuteilwird, scheiterte. Nur der Kanton Thurgau liess uns die erhofften 2000 Franken zukommen. Wir hatten allerdings Signale, dass der Kanton St.Gallen uns künftig ebenfalls in diesem Ausmass helfen würde.

Das Aus des Medienpreises ist ein Symptom für den Strukturwandel der Medien.

Ja, auch wenn die Ursachen anderswo liegen. Ich bin aber überzeugt, dass wir in einer direkten Demokratie einen vielfältigen und qualitativ hochstehenden Journalismus brauchen. Und ich glaube auch, dass weite Teile der Öffentlichkeit nicht darauf verzichten möchten.