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Zwei Schülerinnen bleiben übrig: Das Internat St.Antonius in Appenzell schliesst

In einem Jahr schliesst das Internat St.Antonius in Appenzell seine Türen. Zwei Schülerinnen haben dann noch keinen Abschluss. Ein Besuch bei der letzten Generation an einem traditionsreichen Ort.
Katharina Brenner
Das Gymnasium Appenzell besuchen aktuell 214 Schülerinnen und Schüler. (Bilder: Ralph Ribi)

Das Gymnasium Appenzell besuchen aktuell 214 Schülerinnen und Schüler. (Bilder: Ralph Ribi)

Punkt 11.55 Uhr kommen die ersten Schüler in die Mensa, greifen nach Tellern. Geschirr klappert. «Nachher noch Mathe», sagt einer und seufzt. Luca, Gioana, Sarah – fast alle grüsst Internatsleiterin Barbara Hartmann mit Namen, bevor sie die Schülerausweise einscannt. Ein Bub stellt verstohlen den Teller mit Schnitzel, Kartoffeln und Zucchetti auf sein Tablett und kommt langsam auf Hartmann zu. Sie sieht ihm schon von Weitem an, dass er seinen Ausweis vergessen hat. «Beim nächsten Mal wieder dran denken, ja?» Bei den Internatsschülern muss sie nichts einscannen, das Essen ist inbegriffen. Zwischen 24'000 und 34'000 Franken zahlen Eltern pro Jahr im Internat St.Antonius in Appenzell. Ein Jahr im Le Rosey, dem wohl teuersten Internat der Welt, mit Standorten im Berner Oberland und der Westschweiz, kostet über 100'000 Franken. Es zieht Schüler aus der ganzen Welt an.

In Appenzell hat sich die Schülerzahl zwischen 20 und 25 eingependelt. Zu wenig, um den Betrieb längerfristig aufrecht zu erhalten. Mittlerweile sind es noch elf, neue kommen nicht dazu. Denn 2020 schliesst das Internat. Gegründet wurde das Kollegium 1908 von Kapuzinern. Unter den Ehemaligen sind Ostschweizer Würdenträger wie der St. Galler Regierungsrat Bruno Damann oder der Innerrhoder alt Ständerat Ivo Bischofberger. Seit 1999 führt die Stiftung St. Antonius in Appenzell das Internat. Es nimmt Schüler aller Konfessionen und auch Konfessionslose auf. Ein humanistisches Weltbild, vier Gottesdienste pro Schuljahr und schlichte Holzkreuze in den Schulzimmern erinnern an die Kapuziner. Gesamthaft zählt das Gymnasium 214 Schülerinnen und Schüler.

Alina (links) und Linda bei Schulaufgaben in Lindas Zimmer.

Alina (links) und Linda bei Schulaufgaben in Lindas Zimmer.

Die verbliebenen elf Internatsschüler leben in einem Trakt. Platz wäre für 50, verteilt auf vier Trakte. «Wir sind jetzt mehr wie eine Familie», sagt Alina, die in der Mittagspause neben Linda auf einem der Sofas im Internat sitzt. Beide tragen weisse Sneaker und dunkle Jeans, Alina einen Pulli mit der Aufschrift «Amore», Linda eine Trainingsjacke. Dieses Jahr macht ein Internatsschüler seine Matura, nächstes Jahr sieben. Nur Alina und Linda haben noch keinen Abschluss, wenn das Internat schliesst. Das Internatsteam sucht gerade Gastfamilien für ihr letztes Schuljahr. Die beiden könnten sich auch vorstellen, während dieser Zeit in einer Wohngemeinschaft zu leben. «Ich wäre dann volljährig, das würde gehen», sagt Linda. Sie ist 16, Alina 15. «Aber einen ganzen Haushalt zu führen, wäre schon viel.»

Alina aus dem Aargau hat den weitesten Weg

Seit dreieinhalb Jahren leben Linda und Alina in Appenzell. Die Internatsschüler kommen aus der Ostschweiz, aus Glarus und Zürich. Nur Alina nicht. Als Aargauerin hat sie den weitesten Weg. Zweieinhalb Stunden fährt sie jeden Freitag und Sonntag. Sie quittiert das mit einem Schulterzucken, «man gewöhnt sich dran». Alina ist Einzelkind und erzählt, dass sie früh selbstständig war und schon immer im Internat leben wollte. Ihre Eltern hätten die Idee gut gefunden. In Lindas Familie besuchen gleich beide Kinder das Internat St.Antonius. Linda kommt aus Lütisburg und ist in der vierten Klasse, ihr Bruder Noah in der fünften. Es helfe, dass ihr Bruder auch hier lebe. Sie steht auf, geht den Gang entlang und zeigt auf eine Tür. «Ich habe meine Familie ja eigentlich hier.»

Bald geht der Unterricht weiter. «Endangered species», Algebra, Kommunistisches Manifest. Linda holt rasch noch die Englischunterlagen aus ihrem Zimmer. Unter dem Fenster stehen zwei Hocker mit Fellbezug, auf dem Regal eng an eng Flakons und Figürchen, oben auf ein Engelchen. Über dem Bett hängt ein Poster. «Keep calm and eat cupcakes.» Jeder Schüler hat ein Einzelzimmer mit Bett, Nachttischen, Regal und Lavabo. Der Rest ist sehr persönlich. In Alinas Zimmer hängen viele Fotos von ihren Freunden, ihrer Familie und ihren Katzen. Heimweh habe sie eigentlich nie. Auf einem Regal sind grosse dunkle Federn in einem Kreis angeordnet, darin stehen Teelichter und ein kleiner geschnitzter Elefant. «Das habe ich alles von Linda bekommen.» Die beiden sehen sich an und lachen. Linda ist Alinas engster Kontakt im Internat, ihre Abende verbringe sie meistens mit Musikhören und Freunden. Spätestens um 22.30 Uhr muss die Viertklässlerin zurück sein, 30 Minuten später ist «Licht aus».

Internat als Fieberthermometer

Internatsleiterin Barbara Hartmann.

Internatsleiterin Barbara Hartmann.

Frühstück gibt es zwischen 6.50 und 7.15 Uhr. «Bei Schlafmanko kann von den Präfekten eine andere Nachtruhezeit vorgeschrieben werden», heisst es in der Hausordnung. Wer sich nicht an die Regeln hält, kommt auf die Schwarze Liste. Von Sonntag bis Freitag übernachtet je einer von vier Internatsmitarbeitern im Internat – in einem Raum mit einem grossen Wecker neben dem Bett. Es kam schon vor, dass Schüler das Internat verlassen mussten, «eher wegen schulischer Schwierigkeiten», sagt Hartmann. Sie findet es «unglaublich schade für die Schule», dass das Internat schliesst. Es sei etwas anderes, wenn eine Schule auch Wohnort sei.

Das Internat sei ein «Fieberthermometer» für das, was an der Schule passiert. Aktueller Messstand: «Sehr gesund». Hartmann war selbst Schülerin am Gymnasium, als die Internatsschüler noch jedes zweite Wochenende nach Hause fuhren. Seit bald 15 Jahren arbeitet die ausgebildete Psychologin im Internat, seit sechs Jahren leitet sie es. Bei der Begrüssung hat sich die 42-Jährige als Barbara vorgestellt, weil sich «im Internat alle duzen». Früher sei das undenkbar gewesen, und manche älteren Lehrer würden das nicht verstehen. Aber für Barbara stimmt es so. Was sie nach der Schliessung macht, weiss sie noch nicht. Sie sagt aber, dass sie sich auf ein neues Kapitel freue.

«Die Vielfalt wird fehlen»

In Appenzell heissen die Internatsbewohner «Interne», Schüler von ausserhalb «Externe». Die Externen sagen über die Internen, sie seien «sehr gut informiert», wenn es um Pläne der Schule und Lehrer geht. Und weil die Internen woanders aufgewachsen sind, würden sie andere Themen einbringen. Das betonen auch die Lehrer: Die Internatsschüler bereichern Debatten, sie sprechen andere Dialekte. Ein Satz fällt oft: «Die Vielfalt wird fehlen».

Die Schliessung des Internats stellt das Gymnasium vor Fragen. Was passiert mit der Mensa, die vom Internat geleitet wird? Rektor Marco Knechtle sagt, die Übernahme werde durch den Kanton respektive das Gymnasium angestrebt. Beim Stellenabbau bleibt er vage. Im Moment liefen Gespräche zwischen Stiftungsrat und Kanton. Man sei bemüht, «für alle Mitarbeitenden des Internats eine gute Lösung zu finden». Es werde sich aber nicht vermeiden lassen, «dass nicht alle Stellenprozente an den Kanton übergehen können».

Zur Zukunft der Internatsräume haben das Innerrhoder Bildungs- und Baudepartement eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Mit dem Ergebnis: für die externe Nutzung ungeeignet. Wer die Internatstrakte in den oberen Stockwerken nutzt, muss erst durch die Schulräume in den unteren. Als Schulzimmer sind die Räume ungeeignet wegen ihrer Grösse. Eine der Ideen ist, die Mineralien und Tierpräparate aus der Biologie hier unterzubringen.

Eine Schülerin betritt den Haupteingang von Internat und Gymnasium in Appenzell.

Eine Schülerin betritt den Haupteingang von Internat und Gymnasium in Appenzell.

16.15 Uhr. Der Gong entlässt Linda und Alina in den Abend. Das Lernen ist damit zwar noch nicht vorbei, aber der Unterricht. Ein Bub mit Thek verlässt das Gebäude, Schülerinnen mit Taschen über der Schulter schlendern hinaus. Alina und Linda gehen hinauf in den Internatstrakt. Aus einem Zimmer schallt genuschelter Deutschrap, weiter hinten im Gang unterhalten sich zwei Mädchen. Noch herrscht Leben im Internat.

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