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Die letzten Handsticker

Der Handstickmaschine ist ein Gutteil der Ostschweizer Stickereiblüte im 19. Jahrhundert zu verdanken. Von den einst 18 000 Stück sind noch eine Handvoll funktionstüchtig – und nur einer kennt das Handwerk noch von der Pike auf.
Markus Wehrli
Für Bruno Hollenstein in Wiezikon bei Sirnach ist die Handstickerei nur noch Hobby. (Bilder: Reto Martin)

Für Bruno Hollenstein in Wiezikon bei Sirnach ist die Handstickerei nur noch Hobby. (Bilder: Reto Martin)

Zuletzt wurde es bitter: kaum Brot, fast nur noch Mais. Die Geschichte der Ostschweizer Stickerei ist bekanntlich wechselhaft. Einem rasanten Aufstieg zur eigentlichen Blüte gegen Ende des 19. Jahrhunderts folgte der tiefe Fall. In die Armut, in den Hunger. «Brot konnte sich die Familie meines Grossvaters in den schlimmsten Zeiten nicht mehr leisten», sagt Bruno Hollenstein. Die Geschichte der Toggenburger Familie Hollenstein ist eng mit derjenigen der Stickerei verzwirnt.

Das Gepräge letzterer hat sich tief in die Familienchronik eingewirkt – Stich um Stich, bis heute.

Boom dank Maschinen

156 Nadeln stossen durch den Baumwollstoff. Das Geräusch erinnert an ein Segel, in das der Wind fährt und das er mit einem Schlag strafft – wusch. Bruno Hollenstein sitzt an der Handstickmaschine. Seine rechte Hand bedient die Kurbel, welche die beiden Wagen vor und zurück bewegt.

An deren Spitzen die sogenannten Kluppen – Zangen, welche die Sticknadeln halten und durchs Tuch stossen. Auf der andern Seite des Tuches dasselbe Bild. Die Kluppen greifen die Nadeln, der zweite Wagen fährt zurück und zieht den Faden durchs Tuch: sticken, halbmaschinell. Was zuvor von Hand erledigt wurde, ist vervielfacht. Die Nadel durchs Tuch treiben, das Garn durchziehen und zurück. Der Unterschied: Die Nadel der Handstickmaschine hat zwei Spitzen, das Nadelöhr ist in der Mitte.

«Benninger Uzwil» steht auf der Maschine, Baujahr um 1870. Wenn ein Produktionsmittel die Ostschweizer Stickerei zur Blüte getragen hat, dann ist es die Handstickmaschine. «Über 18 000 Stück waren um 1890 hier in Betrieb», sagt Hollenstein. Eine davon stand bei seinen Eltern im Weiler Ehratsrick bei Dreien. Vor allem hier hat sich die einst prägende Handmaschinenstickerei gehalten.

Von den vielen tausend Maschinen ist heute noch eine Handvoll betriebstüchtig. Und nur noch wenige Leute in der Ostschweiz beherrschen das Handwerk. An erster Stelle sein älterer Bruder, Bernhard Hollenstein, Lina Bischofberger im appenzellischen Reute, schliesslich Bruno Hollenstein selbst. Bernhard Hollenstein ist der einzige, der seine Stickereien noch halb gewerbemässig produziert.

Ein Leben als Fergger

Weil die Maschine mit Muskelkraft betrieben wurde, war Sticken Männerarbeit. «Das tägliche Kurbeln hat meinen Vater gezeichnet, zuletzt war sein Rücken ganz krumm», sagt Hollenstein. Die Hollensteins waren eine typische Stickerfamilie, die Mutter und die fünf Kinder Teil des Betriebs. «Aufgabe der Kinder war vor allem Fädeln und Scherlen, weil wir für die feine Arbeit die richtigen Hände hatten», sagt Hollenstein. Am Morgen ging es zur Schule, nachmittags in den Betrieb. Feierabend war um 20 Uhr.

Seine beiden Brüder blieben im Metier. Bernhard Hollenstein arbeitete bei einer St. Galler Stickereifirma vier Jahrzehnte als Fergger, das heisst als Mittelsmann zwischen seiner Firma und den Heimarbeitern, die hauptberuflich oder im Nebenerwerb bei sich zu Hause stickten. Fergger sein hiess für den Warenaustausch sorgen, Ausbildner und Berater sein, den Lohn auszahlen. Bernhard Hollenstein hat viel gesehen, hat den endgültigen Niedergang der Stickerei erlebt. Hat nach dessen Pensionierung aber auch seinen Bruder Bruno mit der Handstickerei vertraut gemacht.

Niedergang ab 1890

3000 Stiche sind für das Berner-Oberland-Abzeichen nötig, das Bruno Hollenstein stickt. Seine linke Hand bedient den Pentographen, eine Kopiervorrichtung, welche das zu bestickende Tuch haargenau in die richtige Position bringt. Er kurbelt – und wusch: Wieder ein Stich. Die Abzeichen vertreibt er über seine Webseite. 120 Stiche schafft Hollenstein in einer Stunde, zwei Arbeitstage wöchentlich sitzt er in seinem Keller. «Moderne Stickautomaten sind natürlich schneller. Viel schneller», sagt Hollenstein.

Der Zusammenbruch der Handmaschinenstickerei hat nur zum Teil mit dem Aufkommen der moderneren Schifflistickmaschinen zu tun. «Ausschlaggebend waren um 1890 vielmehr ein Rückgang der Nachfrage sowie massive Überproduktion», sagt Hollenstein. In die Armut führte, dass viele Bauern und Heimarbeiter Handstickmaschinen gekauft hatten und diese – ohne Einkünfte – nun abzahlen mussten. Es gab Mais, kaum Brot.

Der letzte Berufsmann

Für Bruno Hollenstein ist die Handmaschinenstickerei Hobby, für seinen Bruder Bernhard, den einstigen Fergger, weit mehr. Auf Anfrage produziert er heute noch, oft aufwendige Trachtenstickerei im folkloristischen Bereich.

In der Ostschweiz dürfte er der letzte sein, der sich auf alle Arbeitsgänge der Handmaschinenstickerei versteht. Er ist 74. Wissen und Können rund um das Handwerk werden mit ihm verschwinden.

www.handstickerei.ch

Gestickte Aufnäher.

Gestickte Aufnäher.

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