Die Krux mit der Quote: Weshalb der Kanton St.Gallen seit Jahren die selbst gesteckten Ziele bei der Frauenförderung verfehlt

Das Kader der Kantonsverwaltung soll weiblicher werden. Das gelingt nur langsam. In einzelnen Departementen gibt es kaum Spitzenverdienerinnen.

Adrian Lemmenmeier
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Bemüht um mehr Balance: St.Gallen versucht seit Jahren, den Frauenanteil im Kader der Verwaltung zu erhöhen.

Bemüht um mehr Balance: St.Gallen versucht seit Jahren, den Frauenanteil im Kader der Verwaltung zu erhöhen.

Bild: Getty

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Zeit, Bilanz zu ziehen. Auch beim Kanton. Derzeit läuft die Auswertung der personalpolitischen Ziele, die sich die Regierung bis Ende 2019 gesteckt hat. Zwar liegen noch keine genauen Zahlen vor, klar ist aber, dass ein Ziel verfehlt wird: Der Frauenanteil in Kaderstellen hätte in zwei Jahren von rund 23 auf 28 Prozent erhöht werden sollen. Diesen Wert werde man voraussichtlich nicht erreichen, bestätigt das Personalamt. Im Frühling betrug der Frauenanteil im Kader 24,5 Prozent.

Insgesamt sind Frauen in der St.Galler Kantonsverwaltung in der Minderheit. Von 4649 Angestellten sind rund 44 Prozent weiblich, Lehrpersonen nicht mitgerechnet. Das Geschlechterverhältnis verändert sich nach Lohnhöhe markant, wie eine Auswertung gestützt auf Daten des Personalamtes zeigt. Je höher der Lohn – und somit die Position –, desto tiefer der Frauenanteil. Diese Tendenz gilt für alle Departemente. Allerdings mit erheblichen Unterschieden (siehe Grafiken). Von den Angestellten, die monatlich über 10000 Franken verdienen, sind bei den Gerichten fast die Hälfte Frauen. Im Volkswirtschaftsdepartement hingegen sind 90 Prozent solcher Stellen mit Männern besetzt.

Wenig Abgänge, wenig neue Frauen

Mehr Frauen in der Chefetage – darum bemüht sich der Kanton seit langem. 2003 wurde die Chancengleichheit in einem Leitbild festgeschrieben. 2013 setzte man das Ziel, den Frauenanteil in Führungspositionen – damals noch enger definiert als der heutige Kaderbegriff – in zwei Jahren auf 30 Prozent, längerfristig auf 40 Prozent zu erhöhen. 2015 stellte die Regierung fest, dass sich der Anteil gegenüber 2012 kaum verändert hatte; er lag noch immer bei 22 Prozent.

Für Primus Schlegel, Leiter des Personalamtes, ist klar: «Wir haben zu wenige Frauen im Kader.» Das geschehe aber nicht aus bösem Willen. Im Gegenteil, der Kanton unternehme viel, um für Frauen als Arbeitgeber attraktiv zu sein. Das beginne damit, dass man bei einer Vakanz jede Stelle neu beurteile und versuche, Frauen gezielt anzusprechen. Auch versuche man, Teilzeitarbeit in Führungspositionen zu ermöglichen. Jobsplitting, Jobsharing, mobil-flexibles Arbeiten sind die Schlagworte der Stunde. Weshalb erreicht der Kanton seine Ziele nicht? «Um Frauen einzustellen, braucht es freie Stellen», sagt Schlegel. Die Fluktuationsrate sei derzeit aber tief. Ausserdem könne man für gewisse Positionen kaum Frauen finden.

Kommt die Personalpolitik in den Departementen an?

Auch die staatswirtschaftliche Kommission des Parlaments hat sich dieses Jahr mit der Personalpolitik beschäftigt. Sie befürchtet in ihrem Bericht, dass Ziele wie die Frauenförderung zu einem Papiertiger verkommen. Das Problem: Die Ziele gelten für die gesamte Verwaltung, umgesetzt werden sie aber in den Departementen. Und dort seien mehrheitlich keine speziellen Massnahmen vorgesehen, um den Frauenanteil im Kader zu erhöhen.

Gildo Da Ros, Generalsekretär des Volkswirtschaftsdepartements, widerspricht. «Mir ist klar, dass gemischte Teams besser funktionieren und einen Mehrwert schaffen.» Deshalb habe die Erhöhung des Frauenanteils im Kader hohe Priorität. Dass gerade im Volkswirtschaftsdepartement kaum Frauen zu den Bestverdienenden zählen, habe strukturelle Gründe. Betroffen seien vor allem Stellen aus dem forst- und landwirtschaftlichen Bereich. «Die Fluktuation auf diesen Positionen ist gering. Ausserdem bewerben sich kaum Frauen auf solche Stellen.» Die kantonale Zielquote basiert auf Freiwilligkeit. «Am wichtigsten sind nach wie vor die Qualifikationen der Person, die sich bewirbt», sagt Da Ros.

Für Alexandra Akeret, Sekretärin der Gewerkschaft VPOD Ostschweiz, ist das zu wenig. «Um den Frauenanteil effizient zu erhöhen, bräuchte es eine verbindliche Quote», so Akeret. Das Argument, dass sich oft keine Frauen auf gewisse Stellen bewerben, lässt sie nicht gelten. «Wenn man qualifizierte Frauen sucht, findet man sie in den meisten Bereichen auch.» Der Männerüberhang in den höheren Lohnklassen überrascht Akeret nicht. «Das ist eine riesige Ungerechtigkeit.»

Eine Frauenquote im Gesetz zu verankern, versuchten linke Parlamentarier wiederholt. Zuletzt wollte die SP-Grüne-Fraktion die «angemessene Vertretung von Frauen in Kaderpositionen» gesetzlich festschreiben. Die Regierung winkte ab. Unter anderem mit dem Argument, ein Gesetzesartikel «käme nicht über eine programmatische Bedeutung hinaus», verkäme also zum Papiertiger.

Männer sollen mehr Teilzeit arbeiten

Die HSG-Professorin Gudrun Sander ist spezialisiert auf Diversity Management. Bei einer tiefen Fluktuationsrate den Frauenanteil im Kader in zwei Jahren von 23 auf 28 Prozent zu erhöhen, erachtet sie als ambitioniert. Verglichen mit der Privatwirtschaft sei die St.Galler Verwaltung aber gut unterwegs. Eine im Juni veröffentlichte Studie habe gezeigt, dass kaum Frauen in ihren Positionen überqualifiziert seien. «Sie werden also nicht am Aufstieg gehindert.» Auch kam die Untersuchung zum Schluss, dass keine systematische Lohndiskriminierung vorliegt.

Um den Frauenanteil in der Chefetage zu erhöhen, nennt Sander mehrere Mittel. Neben verbindlichen Zielvorgaben sei es wichtig, Teilzeitarbeit in Führungspositionen kulturell zu verankern. «Wenn man nur Frauen Teilzeitstellen anbietet, drängt man sie in eine Sonderrolle.» Deshalb müssten Männer eine Vorbildfunktion übernehmen. Dazu brauche es Teilzeitkaderstellen für Männer – und diese müssten solche auch annehmen. Werde eine derartige Stelle frei, könne sie eine Frau übernehmen, ohne dass man Sonderbedingungen schaffen müsse. In der St.Galler Verwaltung arbeiteten diesen Frühling 16 Prozent der Männer im Kader Teilzeit. Bei den Frauen waren es 57 Prozent.

Für Ausserrhoden arbeiten mehr Frauen als Männer

Wirft man einen Blick auf andere Ostschweizer Kantone, ergibt sich ein ähnliches Bild wie in St. Gallen. Auch im Thurgau und in Appenzell Ausserrhoden ist der Frauenanteil tiefer, je höher der Lohn ist (siehe Grafik). Im Thurgau sind Frauen mit 47 Prozent in der Unterzahl, in Ausserrhoden mit 54 Prozent in der Überzahl. Die Verwaltungen sind allerdings nur bedingt vergleichbar. So hat etwa das St. Galler Sicherheits- und Justizdepartement wegen der grösseren Kantonspolizei proportional mehr Mitarbeiter als sein Ausserrhoder Pendant.

In Kaderpositionen beträgt der Frauenanteil in Appenzell Ausserrhoden rund 26 Prozent. Ihn weiter zu erhöhen, habe hohe Priorität, sagt Stephan Meyer, Leiter des Personalamtes. Ziel seien 30 Prozent. Der Thurgau kennt gemäss Personalamt keine Zielvorgabe. Bei der Rekrutierung achte man darauf, bei gleicher Qualifikation Frauen zu bevorzugen. Appenzell Innerrhoden wollte keine Zahlen zur Verfügung stellen. Die Lohntabelle sei auch für Angestellte nicht einsehbar.

Methode: Die St. Galler Verwaltung kennt seit der Einführung des neuen Lohnsystems dieses Jahr keine Lohnklassen mehr. Deshalb wurden nach Rücksprache mit dem Personalamt die Löhne in vier Gruppen unterteilt.

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Regula Weik