«Die Krankheit wird uns alle erfassen»: Virus lässt sich nicht aufhalten, aber Panik ist fehl am Platz – Kanton St.Gallen informierte

Der Kanton St.Gallen hat über die Lage zum Corona-Virus informiert. Obwohl sich dieses nicht aufhalten lässt, heisst es Ruhe bewahren.

Janina Gehrig
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Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann stellten sich den Fragen zum Virus.

Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann stellten sich den Fragen zum Virus.

Bild: Benjamin Manser

Soll mein Kind noch auf Schulreise gehen? Soll ich am Firmenessen teilnehmen oder aufs Tanzen heute Abend verzichten? Soll ich eine Atemmaske tragen? Es waren solche und ähnliche Fragen, die unter anderem Regierungspräsidentin Heidi Hanselmann, Kantonsärztin Danuta Reinholz sowie Vertreter des Kantonsspitals St. Gallen und des Apothekerverbands St. Gallen/Appenzell am Freitagnachmittag im Pfalzkeller rund um das Corona-Virus zu beantworten hatten. Der Kanton hatte die Medienschaffenden zur Fragestunde eingeladen, rund 2600 Personen verfolgten die Veranstaltung per Facebook-Stream und konnten ebenfalls Fragen stellen.

Am Vormittag hatte der Bundesrat entschieden, alle öffentlichen und privaten Veranstaltungen, an denen sich gleichzeitig mehr als 1000 Personen aufhalten, zu verbieten. Bei Anlässen, an denen weniger als 1000 Personen teilnehmen, müssen die Veranstalter zusammen mit dem Kantonsarztamt eine Risikoabwägung vornehmen. Man sei derzeit noch daran, eine Regelung für den Kanton St. Gallen auszuarbeiten, sagte Hanselmann. «Wir stellen nicht Bewilligungen aus, sondern plädieren an die Eigenverantwortung der Veranstalter.» Wenn diese sicherstellen könnten, dass etwa keine Personen aus Risikogebieten wie China oder Norditalien teilnehmen würden, sei die Veranstaltung durchführbar.

Die Ausbreitung lässt sich nicht verhindern, aber verlangsamen

Pietro Vernazza, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital St. Gallen, sprach von einem Strategiewechsel, der in diesen Stunden und Tagen vollzogen werde. Bisher habe man jeden Fall entdecken und weitere Fälle verhindern wollen. Doch die Bevölkerung müsse verstehen: «Mittlerweile müssen wir annehmen, dass die Ausbreitung des Virus global nicht mehr zu verhindern ist», sagte Vernazza. Das Virus werde 50 bis 70 Prozent der Bevölkerung erreichen und damit auch immunisieren. Ziel sei aber, dass die Spitäler nicht plötzlich überrollt würden. Die Logik der Massnahmen wie das Veranstaltungsverbot basierten auf Erfahrungen etwa mit der Spanischen Grippe. Man hoffe, dass sich der Zeitraum der Ansteckungen damit etwa auf zwei Jahre statt auf drei Monate ausdehnen lasse.

Matthias Schlegel, Leiter Spitalhygiene am Kantonsspital, verdeutlichte: «Wir sind froh um den Strategiewechsel.» Statt jeden Infizierten automatisch zu hospitalisieren, müssten sich die Spitäler früher oder später um die Fälle von schwer erkrankten Personen konzentrieren. Dadurch gewinne man Zeit für weitere Studien über Therapiemöglichkeiten und Impfungen.

Viele Fragen drehten sich um Kinder als mögliche Patienten

Aus der Bevölkerung, welche die Veranstaltung live mitverfolgen konnte, kamen etwa 60 Fragen. Viele betrafen Kinder als mögliche Patienten. Vernazza stellte klar: «Die Krankheit wird uns alle erfassen.» Zwar seien Kinder eine grosse Ansteckungsquelle. Sie steckten die Krankheit aber gut weg. «Ich hätte bei Kindern keine Bedenken», sagte Vernazza. Generell, verdeutlichte Kantonsärztin Danuta Reinholz, sei das Virus nach heutigem Wissensstand für Menschen unter 50 Jahren «kein Problem». Zur Risikogruppe gehörten ältere Menschen ab 60 Jahren sowie chronisch Kranke.

Gefragt wurde etwa auch, ob die öffentlichen Verkehrsmittel ausser Betrieb gesetzt und Shoppingcenter jetzt geschlossen würden. Nein, lautete die Antwort. Erst, wenn man etwa während 15 Minuten mit einer infizierten Person auf engem Raum verbracht habe, bestehe die Chance einer Ansteckung. Wichtig sei deshalb, die Hygienemassnahmen einzuhalten.

Auf diese verwiesen Claudia Meier-Uffer, Präsidentin des Apothekerverbands St. Gallen/Appenzell und Karin Faisst, Leiterin des Amts für Gesundheitsvorsorge, immer wieder. So sei nicht etwa das Tragen von Schutzmasken nützlich, sondern «Hände waschen, Hände waschen, Hände waschen.» Und zwar mit Seife und unter warmem Wasser. Weiter solle man in ein Taschentuch oder in die Ellenbeuge niesen, sich nicht ins Gesicht fassen und bei Krankheitssymptomen zu Hause bleiben.

Bis Freitagnachmittag kein Krankheitsfall im Kanton St. Gallen

Aus dem Publikum wollte jemand zudem wissen, ob er den Vorlesungen an der Uni fernbleiben solle. «Wir stehen in direktem Kontakt mit der HSG. Aktuell besteht kein Grund dafür, Vorlesungen abzusagen.» Die Vorsteherin des Gesundheitsdepartements betonte, es gebe aktuell im Kanton keinen bestätigten Krankheitsfall. Bis gestern Nachmittag zählte man 43 Verdachtsfälle, 18 Tests seien noch am Laufen.

Man solle auch auf den Ausgang im Club nicht verzichten. «Rausgehen und sich bewegen ist gut für das Immunsystem», sagte Faisst. Auch Kantonsärztin Reinholz plädierte an den gesunden Menschenverstand: «Jedes Jahr sterben 600 bis 1000 Personen an der Grippe, doch wir alle fahren Zug und viele von uns verweigern eine Impfung.» Man könne nicht das ganze Leben zum Erliegen bringen. Es gehe jetzt darum, die Bevölkerung an die Informationen heranzuführen und vor allem die Hygienemassnahmen in den Köpfen zu verankern. Der Kanton sei gut vorbereitet, sollte sich bald ein Verdachtsfall bestätigen.