«Die Konfrontation kann hart und beschämend sein»

Drucken
Teilen

Therapie Der verurteilte frühere Gemeindepräsident muss nicht ins Gefängnis, wenn seine Veranlagung therapiert werden kann. Die sogenannte deliktorientierte ambulante Therapie hat der 55-jährige Mann aus eigenem Antrieb bereits angetreten. Das Ziel einer solchen, allenfalls durch triebdämpfende Medikamente unterstützte Therapie sei «immer die Rückfallfreiheit», erklärt der forensische Psychiater Thomas Knecht. Die Aussichten für den Bernecker kann Knecht nicht beurteilen, da er den Fall nicht näher kennt. Jedoch scheinen die Voraussetzungen für einen guten Therapieverlauf gegeben. «Besonders günstig sind ein klares Unrechtsbewusstsein, eine Anerkennung des Veränderungsbedarfes sowie eine starke Motivation, an sich selbst zu arbeiten», sagt der Psychiater. «Wer ehrlich bereut, ist bereit zur Umkehr. Diese ist aber mit einem gehörigen Aufwand und einigen Unannehmlichkeiten verbunden.»

Thomas Knecht leitet seit 2012 die Ausserrhoder Forensische Psychiatrie in Herisau, zuvor war er als leitender Arzt in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig. Als Gerichtspsychiater hat er Gutachten zu aufsehenerregenden Fällen wie dem ermordeten Au-pair-Mädchen Lucie verfasst und ist in den Medien ein gefragter Fachmann, unlängst etwa zum Fall Jürg Jegge. In der Therapie eines pädophilen Straftäters gehe es um die Auseinandersetzung mit den «gefährlichen Neigungen und Fantasien» und die Mittel der Selbstkon­trolle und des individuellen Risikomanagements, erklärt Knecht. Von grösster Bedeutung sei eine exakte Rekonstruktion der Delikte: «Der Täter muss sich noch einmal voll und ganz mit seiner Tat und den damit verbundenen Gefühlszuständen konfrontieren. Das kann recht hart und beschämend sein, aber er wird vom Therapeuten eng begleitet.»

In den günstigsten Fällen kann sich schon nach eineinhalb Jahren eine deutliche Besserung abzeichnen, doch belegen die gesetzlichen Vorgaben, wie langwierig eine Therapie sein kann – maximal fünf Jahre sind vorgesehen, mit der Möglichkeit einer Verlängerung um weitere fünf Jahre. Die Rückfallgefahr sei bei Sexualdelikten «leider üblich», weiss der forensische Psychiater, auch wenn ihm bei reinen Internettätern noch keine exakten Werte bekannt sind. Besonders hoch, über 50 Prozent, ist sie bei den Homopädophilen, der ungünstigsten Gruppe. Erstaunlicherweise sind die Abnormität oder Aggressivität der Sexualpraktiken und Fantasien laut Knecht nicht entscheidend für die Rückfallwahrscheinlichkeit. «Die Gesamtpersönlichkeit wiegt mindestens so schwer wie die Trieborientierung. Sie ist es, die letztlich entscheidet, welches Triebverhalten zugelassen wird und welches nicht.»

Wenn die Behandlung gelingt, hat der Täter seinen Lebensstil geändert und ist fähig zur Opferempathie und einem «Erwachsenen-Sexualleben». Der frühere Politiker muss vor allem lernen, der Versuchung auf dem Internet zu widerstehen. Die «trügerische Sicherheit in den eigenen vier Wänden» habe die Hemmschwelle bei Pornografie sinken lassen, stellt der Psychiater fest: «Sie ist einiges tiefer als in der Zeit davor, als man sich seine Erotika noch im Sexshop oder am Kiosk holen musste.» Ein Interview mit Thomas Knecht lesen Sie auf www.tagblatt.ch/5053518. (mel)