Der Klimawandel lässt Berufsschüler nicht kalt: «Fliegen sollte viel teurer werden»

ETH-Klimatologe Reto Knutti und St.Galler Nationalratskandidaten diskutieren in Rorschach mit Berufsschülern.

Marcel Elsener
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An den Gymnasien herrsche ein «rebellischerer Geist», sagt Reto Knutti, doch müsse das Thema allen Bevölkerungsschichten klar gemacht werden. (Bild: Urs Bucher, Rorschach, 28. August 2019)

An den Gymnasien herrsche ein «rebellischerer Geist», sagt Reto Knutti, doch müsse das Thema allen Bevölkerungsschichten klar gemacht werden. (Bild: Urs Bucher, Rorschach, 28. August 2019)

«Engagiert euch, übernehmt Verantwortung!», ruft Reto Knutti den hundert Berufsschülerinnen und Berufsschülern in Rorschach zu. «Es ist fantastisch, dass sich Junge in ihrer Berufsausbildung mit dem Klimawandel beschäftigen.» Und mit Blick auf die St.Galler Politiker am Podium ermuntert er die Jugendlichen, die Kantons- und Nationalräte in der Region wachzurütteln. «Bombardiert sie mit euren Anliegen. Jeder kennt jemanden in der Politik.»

Der viel gefragte ETH-Klimatologe hat das halbtägige Politforum «Was geht uns der Klimawandel an?» am Berufs- und Weiterbildungszentrum Rorschach-Rheintal mit seinem Katalog von Fakten und Forderungen eröffnet, nun gehört dem fachkundigen Mahner das Schlusswort. Er ist oft in Schulen zu Gast, doch Berufsschulen seien die Ausnahme, sagt er im Anschluss. Deshalb sei er erst recht gern nach Rorschach gekommen, obwohl es eine weite Zugreise war von seinem Wohnort im Berner Oberland.

Kein Demoprotest, dafür im Berufsalltag gefordert

Die junge Klimabewegung mit ihren freitäglichen Streiks ging vor allem von Kantischülern aus. An den Gymnasien herrsche ein «rebellischerer Geist», sagt Knutti, doch müsse das Thema allen Bevölkerungsschichten klar gemacht werden. Die Rorschacher Berufsschüler hat er als «wach und aufmerksam wahrgenommen, obwohl sie teilweise wenig sagten». Ein Grund für die Zurückhaltung wird klar, als Moderator Johannes Gunzenreiner, Co-Leiter Fachstelle Demokratiebildung und Menschenrechte an der PHSG und Fussball-Radioreporter, in der Schlussrunde nach Lernenden fragt, die an einer Klimademo teilgenommen hätten. Eine einzige Frau meldet sich und gibt zu bedenken: «Im Gegensatz zu meinen Kolleginnen an der Kanti arbeiten wir.» Tatsächlich gilt ein Berufsschultag als bezahlter Arbeitstag und sind die Schulen den Lehrbetrieben verpflichtet. «Ich finde die Bewegung gut, aber wir können unter der Woche unmöglich von der Schule weg», sagt ein Gartenbauer. «An einem Samstag wäre ich dabei.» Auch er dürfte die Ausnahme sein, wie eine Lehrerin erzählt, die das Thema Klimajugend mit ihren Polymechanikern diskutiert hat: «Die Reaktionen waren verhalten und kritisch bis ablehnend.»

Keine Freude an wertenden Vergleichen zwischen Gymnasiasten und Berufsschülern hat BZR-Rektor Rolf Grunauer. Umso mehr freute er sich über die «Betroffenheit», die er in den Diskussionen spürte. «Unsere Lernenden haben zum Klimawandel einen spezifischen Berufs- und Lebensbezug.» In den fünf Workshops wurde dies anschaulich belegt: Da diskutierten Gärtner, Landschaftgärtner, Fleischfachleute und Logistiker mit den Nationalräten Thomas Ammann (CVP) und Lukas Reimann (SVP) sowie den Nationalratskandidatinnen Yvonne Gilli (Grüne), Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP) und Anna Bleichenbacher (SP) alltagsnah über persönliche und gesellschaftliche Veränderungen für den Klimaschutz. Von der Vielfliegerei weit entfernt, sind sich die Lehrlinge einig: «Fliegen sollte viel teurer werden», sagt einer. Fairerweise sollte die Besteuerung einkommensabhängig sein, wie einige meinen. Klare Aussagen auch da, wo es um naturschützerische Klimamassnahmen geht, mit Sätzen wie: «Rasen in Privatgärten sind völliger Schwachsinn.»

Verzicht auf Glyphosat und Geld für Essensresten

Die künftigen Berufsleute haben den Klimaschutz in der Hand, buchstäblich gilt das für die Landschaftsgärtner, wenn es um den Einsatz des Unkrautvertilgers Glyphosat geht. Verpönt, aber «halt günstig und effizient» sei das Gift – es braucht Mut, dem Chef und den Kunden Alternativen klarzumachen. Ein jeder in seinem Alltag ist gefordert, doch die Eigenverantwortung genüge nicht, stimmen die meisten Nationalratskandidaten überein. Es braucht Gesetze und damit die politische Auseinandersetzung – diese hautnah zu erleben, ist ein Trumpf der Politforen, die das BZR von 2008 bis 2015 jährlich durchführte und nun mit einem brennenden Thema wieder aufgenommen hat. Zwar halten sich die Kandidaten wohltuend zurück, doch ganz ohne Wahlkampfdampf geht es nicht, etwa im Schlagabtausch zwischen FDP-Kandidatin und SVP-Nationalrat, der den Spott seiner Parteispitze («Lieber Heidi statt Greta») erklären muss: «50 Prozent bei uns sind anderer Meinung, aber wir machen nicht gleich eine Trendwende wie der Freisinn.» Es gebe «Parteien, die gescheiter werden», lautet der prompte Konter.

Fazit dieses Politforums vor der «Klimawahl» im Oktober: hüben und drüben Dankbarkeit für eine spannende Begegnung und ein geschärftes Bewusstsein für den Klimawandel. Das Klischee von den Berufsschülern, die abseits stehen, ist widerlegt. Erst recht an einer Schule, die Nachhaltigkeit lehrt und jüngst dem Netzwerk der Unesco-assoziierten Schulen beigetreten ist. Was etwa bedeutet, dass die Schüler eine Spende zugunsten eines St.Galler Food-Waste-Projekt beschlossen. Und die Biodiversität beginnt eindrücklich im Garten des Schulareals.