Die Kinder zu lange vergessen

Wenn Eltern alkoholabhängig werden, leiden besonders ihre Kinder. Doch diesen zu helfen, ist schwierig. Das Thema ist in der Gesellschaft ein Tabu. Mit einer Sonderschau an der Offa will die Stiftung Suchthilfe sensibilisieren.

Christoph Fust
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Mit der Offa-Sonderschau will die Stiftung Suchthilfe die Mauer des Schweigens durchbrechen. (Bild: pd)

Mit der Offa-Sonderschau will die Stiftung Suchthilfe die Mauer des Schweigens durchbrechen. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Martina Odermatt* wuchs in einer Familie auf, in der Alkoholismus verbreitet ist. Ihr Vater griff gerne zur Flasche, um den Druck, der als Selbständigerwerbender auf ihm lastete, besser ertragen zu können. «Er war abends oft nicht mehr ansprechbar. Wenn meine Mutter nicht zu Hause war, musste ich ihn am Morgen wecken», sagt die heute 32-Jährige. Ihr habe die Aufmerksamkeit gefehlt, in der Familie ging es immer nur um den Vater und seine Sucht.

Berichte wie diese kennt Jürg Niggli, Geschäftsleiter der Stiftung Suchthilfe in St. Gallen, einige. «In suchtbelasteten Familien sind Kinder und Jugendliche die Hauptleidtragenden.» Mit der diesjährigen Offa-Sonderschau «Wenn Papa oder Mama trinkt» richtet die Stiftung das Augenmerk deshalb auf die Kinder von alkoholabhängigen Eltern.

Zum Erwachsensein gezwungen

Schon zu lange sei dieses Thema in der Gesellschaft tabu. «Kinder von Personen mit Suchtproblemen gingen bis vor kurzem auch in der Beratungsarbeit oft vergessen», sagt Niggli selbstkritisch. Dies liege daran, dass das Leiden der Kinder nicht sichtbar sei. «In den meisten Familien mit Suchtproblemen besteht ein System, um die Probleme gegen aussen hin zu kaschieren», sagt Niggli. Die Familie grenze sich ab und bilde Banden, die stärker seien, als die Notwendigkeit, das Leid zu durchbrechen. Erst später würden die Kinder merken, dass in ihren Familien etwas nicht gestimmt habe. Beispielsweise, dass keine Freunde nach Hause gebracht werden durften.

Dies bestätigt Martina Odermatt. «Erst mit Mitte 20 ist mir klar geworden, dass ich als Kind in unserem Haushalt die Partnerin meiner Mutter war», sagt sie. Wie viele andere habe sie aus Loyalität zu den Eltern nichts nach aussen getragen. «Ich war co-abhängig», sagt Odermatt. Heute wünscht sie sich, sie hätte schon damals mit jemandem darüber reden können.

Sonderschau ist erst der Anfang

Hier setzt die Sonderschau an. Mitglieder von Al-Anon, der Selbsthilfegruppe für Angehörigen von Alkoholikern, erzählen über persönliche Erfahrungen im Umgang mit ihren suchtkranken Vätern oder Müttern. Auch Martina Odermatt besucht wöchentlich Al-Anon-Treffen.

Die Sonderschau richtet sich aber auch an Personen, die in Ihrem Beruf viel mit Kindern zu tun haben. Der Gedanke, dass ein Kind den Eltern aus eigenem Antrieb helfen könne, ist laut Jürg Niggli eine Illusion. «Es ist praktisch nicht möglich, dass ein Kind von sich aus etwas macht. Es braucht eine Vertrauensperson», sagt er.

Mit einem grossen Auftritt an der Offa sei es aber nicht getan, sagt Niggli. «Das Thema wird uns noch lange beschäftigen.» Die Kampagne läuft im Kino und auf Plakatwänden noch bis Mitte Mai. Danach werden Unterlagen zum Thema an bestimmten Zielorten aufgelegt, etwa an Schulen, in Arztpraxen oder bei Sportvereinen.

Wegschauen ist keine Lösung

Zur Rolle der Gesellschaft hat Jürg Niggli eine klare Haltung: «Wer bei diesem Thema wegschaut, macht sich mitverantwortlich.» Wichtig sei eine überlegte Vorgehensweise. Den betreffenden Eltern Schuldvorwürfe zu machen, könne kontraproduktiv sein. Ein Gespräch, bei dem Beobachtungen von aussen geschildert würden, sei ein möglicher erster Schritt. Auch eine Vertiefung des Themas mit Freunden und Bekannten könne hilfreich sein und wirke der Tabuisierung entgegen. Ausserdem stehe die Suchtfachstelle beratend zur Seite oder bei schweren Fällen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Vielfach seien die Eltern froh, dass von aussen ein Impuls komme.

Martina Odermatts Vater trinkt auch heute noch. Damit habe sie sich inzwischen abgefunden. Mit Problemen aus ihrem Leben wolle sie ihn aber nach wie vor nicht belasten, aus Angst, sein Konsum könnte wieder steigen. Jedoch kann sie mittlerweile darüber reden.

* Name der Redaktion bekannt