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Mein Stück Vorarlberg: Die Kalifornier Europas, endlich befreit vom verhassten Mief

Reinhold Bilgeri

Ich bin nicht unbedingt Vorarlberger Mainstream und doch irgendwie mittendrin, wenns um Hass oder Liebe zu meiner Heimat geht. Im historischen Kontext wird die Zerrissenheit verständlicher. Das Ländle war nicht immer so in Balance und selbstbewusst wie heute, es gab Zeiten, da sassen wir zwischen den Stühlen, auf der Suche nach Identität und Seele, von Liebe noch keine Spur. Ein abgehängter Wagon am Rande der Geschichte und unsere Sehnsucht flog westwärts.

Genau vor 100 Jahren wars, 1918, da hat sich der Existenzfrust in einer Volksabstimmung Bahn gebrochen, bei der 80 Prozent der Vorarlberger für einen Anschluss an die Schweiz gestimmt hatten. Österreich war zu einem armseligen Torso geschrumpft, den keiner mehr für lebensfähig hielt – und Vorarlberg? Ein vergessener Appendix. Aber die Schweiz, die unversehrte Schwester, wollte vom Kanton «Übrig» nichts wissen, ausserdem tendierten die hiesigen Deutschnationalen sowieso zum Alt Reich, bis zum bitteren Ende, wie wir wissen.

Wir «Jungen» der Nachkriegsgeneration hatten noch lange gehadert mit dem braunen Bodensatz, denn die Entnazifizierung hatte bei uns ein strammer Nazi «erledigt». Noch immer keine Spur von Liebe. In meiner Jugend kollidierte zudem der katholische Konservativismus mit einer neuen frischen Brise aus dem fernen Westen. Amerikanische Soldatensender strahlten aus Deutschland bis ins Rheintal hinein; Jazz, Rock ’n’ Roll und die neue Literatur der Sechziger brachten Hoffnung und Wut in unsere Köpfe und Herzen. Clash der Generationen, Twist war verboten, die Filmzensur blühte, also raus mit dem Hammer, wer sind wir verdammt?

Vorarlberg bekam Konturen. Der Zug nahm endlich Fahrt auf. Es ging bergauf, die Wirtschaft brummte, Elektrogitarren übertönten die Kommandos der Altvorderen, die Haare wuchsen, die Jugend befreite sich vom Mief der Vergangenheit – mit politischen Aufmärschen, Songs, Literatur, Kunstinitiativen und Festivals. Das legendärste, nämlich «Flint», wurde beim zweiten Anlauf aus «Umweltschutzgründen» gleich wieder verboten. Kurz darauf wurde die Hälfte des Berges, auf dem das Festival hätte stattfinden sollen, einfach weggesprengt, um für die Rheintalautobahn Platz zu schaffen... «Umweltpolitik» vom Feinsten». Aber die Zeiten ändern sich. Eine neue Politikergeneration hat Ende der Siebziger die Fenster geöffnet und das Haus durchlüftet. Es gab Versöhnungsgesten, weltoffene Unternehmer, Architekten und Künstler traten selbstbewusst in die erste Reihe und schickten sich an, die Weltmärkte zu erobern, Arbeitskräftemangel begann sogar die Xenophobie zu relativieren, man schickte Scouts, um ausländische Arbeiter für unsere Industrien zu gewinnen.

Öffnung, Kosmopolitik, Lebenslust, das Vokabular hatte sich gewandelt. Ich zog mich damals mit meinen Kumpels an den Alten Rhein zurück, wir lebten auf einem Floss, direkt auf der Grenzlinie, und «segelten» zwischen Diepoldsau und Hohenems, dabei schrieben wir Songs und genossen die Düfte, die aus der Schweiz zu uns herüberwehten; Bürli, Cervelat, Schoggi und grenzüberschwimmende Liebschaften. «Oh Ländle meine teure...», jetzt kam das Wort schon leichter über die Lippen: «Heimat». Mich hats später weit durch die Welt getrieben und je länger ich weg war, desto klarer wurde mir, dass wir hier am besten Fleck des Planeten leben, wir, also wir Rheintaler auf beiden Seiten des Rheins, dürfen die Kalifornier Europas sein. Möge das Vierländereck eine knackige Gemeinschaft bleiben und prosperieren bis in alle Ewigkeit.

Reinhold Bilgeri 1950 in Hohenems, Gymnasiallehrer, seit 1981 Rockmusiker, Schriftsteller und Filmemacher, zuletzt Kinofilm «Erik & Erika».

Reinhold Bilgeri 1950 in Hohenems, Gymnasiallehrer, seit 1981 Rockmusiker, Schriftsteller und Filmemacher, zuletzt Kinofilm «Erik & Erika».

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