Die Imamin im Sarganserland

Minsire Musliji arbeitet in der Region Sarganserland als ehrenamtliche Imamin. Sie wirkt als Seelsorgerin und Religionslehrerin für Frauen in moslemischen Gemeinschaften. Die Predigten hält ihr Ehemann, Imam Irfan Musliji.

Heidy Beyeler
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Imamin Minsire Musliji zusammen mit ihrem Ehemann Imam Irfan Musliji und den beiden Söhnen. (Bild: Heidy Beyeler)

Imamin Minsire Musliji zusammen mit ihrem Ehemann Imam Irfan Musliji und den beiden Söhnen. (Bild: Heidy Beyeler)

FLUMS. «Wann predigt die erste Imamin in der Schweiz?», titelte vor kurzem der «Blick» – und bemängelte das Fehlen von Vorbeterinnen in den Moscheen der Schweiz. Im Kanton St. Gallen gibt es aber bereits eine Imamin. Sie heisst Minsire Musliji, wohnt in Flums und ist gemeinsam mit ihrem Ehemann Irfan Musliji – ebenfalls Imam – für den Islamisch-Albanischen Kulturverein Flums beziehungsweise den Islamischen Kulturverein El Nur («das Licht») in Buchs tätig.

Frau für Frauen

Vor gut fünf Jahren sind Minsire und Irfan Musliji von Wien nach Flums gekommen. Irfan Musliji besuchte damals an der Universität in Wien eine Weiterbildung in islamischer Theologie und bewarb sich auf eine Stellenausschreibung des Islamisch-Albanischen Kulturvereins Flums für das Amt eines Imams.

Seine Frau habe den Ausschlag gegeben, dass er aus etlichen Bewerbern gewählt worden sei, ist Imam Irfan Musliji überzeugt. «Weil sie ebenfalls ein Studium der islamischen Theologie absolviert hat und als Imamin wirken kann.»

Als Imamin ist Minsire Musliji Ansprechpartnerin für moslemische Frauen und weibliche Teenager. Im weiteren gibt sie Mädchen ab zwölf Jahren Religionsunterricht; sie lehrt sie die arabische Schrift und den Koran. Sie nimmt an Treffen moslemischer Frauen teil und steht als Seelsorgerin Frauen in Nöten bei. Minsire Musliji weist im Gespräch mit unserer Zeitung darauf hin, dass es für sie sehr schwer sei, deutschsprechenden Menschen den Islam differenziert näherzubringen, weil sie zu wenig gut Deutsch spreche. Deshalb war Elisabeth Ponik aus Haag, eine Schweizerin, die zum Islam konvertiert ist, beim Gespräch dabei – falls Verständigungsprobleme auftauchen sollten.

Während Irfan Musliji zu 100 Prozent als Imam vom Islamisch-Albanischen Kulturverein angestellt ist, arbeitet Imamin Minsire Musliji ehrenamtlich. Sie bekommt kein Gehalt für ihre Arbeit in Flums und Buchs. Nicht weil ihre Arbeit nicht geschätzt würde. Die Mitglieder der Vereine müssen für die Entlöhnung aufkommen – für zwei Gehälter reiche es nicht. Dazu kommt, dass die Aufgabenbereiche von Imamen und Imaminnen noch nicht gleichgestellt sind.

Toleranz und Akzeptanz

Die Predigt am Freitagmittag ist – bislang – dem Imam vorbehalten. Ebenso die Unterweisung im Religionsunterricht von Männern und Kindern (Mädchen bis zwölf Jahren). Das sieht in anderen Ländern offenbar etwas anders aus. Hatice Tekin, Imamin in Berlin, sagte kurz nach ihrer Anstellung 2007: «Ich erachte es nicht als etwas Besonderes, Imamin zu sein. Anders als im Judentum und bei Christen haben Frauen im Islam schon immer eine grosse Rolle gespielt.» Sie räumte aber im Gespräch mit der «Berliner Zeitung» ein, dass vor allem in kleinen Gemeinden nach wie vor Männer dominierten.

Minsire und Irfan Musliji haben islamische Theologie in Skopje studiert. Irfan Musliji bildete sich anschliessend in Syrien weiter, bevor er nach Wien ging. Minsire und Irfan stehen für Toleranz und Akzeptanz ein – «dies braucht die Welt heutzutage mehr denn je», sagt die Imamin. Ja, das könne man aus den heiligen Schriften entnehmen – «wenn man sie richtig interpretiert», fügt Irfan bei und fährt weiter: «Liebe, Frieden und Verständnis kamen durch diese heiligen Schriften auf die Erde, denn sie sind die Eigenschaften Gottes, die wir erfahren dürfen, damit wir gut und friedlich zusammenleben können und sollen.»

Distanz zu Fundamentalisten

Die aktuellen Konflikte, Gewalttaten und Kriege seien das Resultat von Hass, Gewalt und Intoleranz. «Seit Menschengedenken haben sie Leid und Schmerzen gebracht», bedauert der Imam. Dies sei nicht vereinbar mit der islamischen Religion. Minsire und Irfan Musliji betonen, dass sie sich voll und ganz von fundamentalistischen Kreisen, die Krieg führen, distanzieren. «Sie handeln gegen den Islam und gegen den Koran. Was diese Menschen tun, hat mit dem Islam nichts, aber auch gar nichts zu tun.»