Die HSG möchte 50 Prozent mehr Professorinnen – und zieht für einen vakanten Lehrstuhl einen Mann drei Frauen vor

Die Universität St.Gallen erhöht ihre Bemühungen um Frauen auf allen Stufen. Die vakante HSG-Professur für Privatrecht dürfte dennoch an einen Juristen der Uni Bern gehen. Drei Frauen und ein Mann haben das Nachsehen.

Odilia Hiller
Drucken
Teilen
Studierende der Universität St.Gallen folgen im Hörsaal Audimax den Ausführungen eines Professors.

Studierende der Universität St.Gallen folgen im Hörsaal Audimax den Ausführungen eines Professors.

Gaetan Bally / KEYSTONE
  • Ein Massnahmenplan der Universität St.Gallen sieht vor, den Frauenanteil auf allen Stufen bis ins Jahr 2025 von 20 auf 30 Prozent zu erhöhen
  • Die Nomination eines männlichen Kandidaten für die vakante Professur für Privatrecht wirft Fragen auf. Keine der drei zu Berufungsvorträgen eingeladenen Rechtswissenschafterinnen schaffte es, die Berufungskommission zu überzeugen.  
  • Der Vorsteher der HSG-Law-School weist jegliche Vorwürfe weit von sich, man habe die Gleichstellungsbemühungen vernachlässigt. Man hätte eine besser abschneidende Frau jederzeit bevorzugt. Der favorisierte männliche Kandidat sei aber mit Abstand der beste gewesen. 

Die HSG hat sich vorgenommen, den Frauenanteil bis ins Jahr 2025 auf allen Ebenen – auch bei ordentlichen Professuren – von derzeit 20 auf 30 Prozent zu erhöhen. Dennoch zieht sie in einem aktuellen Berufungsverfahren für eine Professur drei qualifizierten Frauen mit Lehr- und Forschungserfahrung einen Oberassistenten der Universität Bern vor.

Eine der Abgewiesenen trägt einen Professorinnentitel, die andere ist Lehrbeauftragte an der Universität Basel sowie nebenamtliche Bundesrichterin am Bundesgericht in Lausanne, die dritte arbeitet als Gastforscherin am Lehrstuhl für Privatrecht mit Schwerpunkt Sachenrecht an der Universität Zürich.

Berufungsvorträge gehalten, Interviews geführt

Zur Bewerbung für die vakante Professur für Privatrecht mit Schwerpunkt im schweizerischen Zivilgesetzbuch an der rechtswissenschaftlichen Fakultät (Law School) hatte der Fakultätsvorsteher und Vorsitzende der Berufungskommission, Benjamin Schindler, verschiedene Frauen explizit eingeladen. Drei von ihnen schafften es in die engere Auswahl. Sie kamen der anschliessenden Einladung zum Halten eines Berufungsvortrags im November 2019 nach.

So will es auch ein im Juni 2018 vom Senatsausschuss bestätigter Massnahmenplan zur Erhöhung des Frauenanteils an der HSG: «Berufbare Frauen werden aktiv geheadhuntet», heisst es da. «Bei jeder offenen Professurenstelle werden zehn berufbare Wissenschafterinnen identifiziert und durch die/den Kommissionsvorsitzende/n schriftlich zur Bewerbung eingeladen.»

Der Zugang zu Professuren ist für Frauen ein Nadelöhr

«Das geht in der Branche leider immer so», sagt eine Juristin, die schon öfter in der gleichen Situation war.

«Man wird angeschrieben, eingeladen, hält einen aufwendigen Berufungsvortrag – und steht am Schluss mit einer Absage da.»

Gerade die Rechtswissenschaften seien noch immer von männlichen Seilschaften und Postenschiebereien unter Männern geprägt.

Eine andere sagt: «Es beginnt damit, zu welchen Konferenzen du eingeladen wirst und an welchen Publikationen du mitschreiben darfst.» Althergebrachte Männerseilschaften würden nach wie vor stark spielen, auch wenn das nur schwer nachzuweisen sei.

Die Statistik spricht Bände

Tatsächlich zeigt auch die Statistik, dass der Zugang zu Professuren für Frauen einem Nadelöhr gleicht. An Schweizer Universitäten waren im Jahr 2016 rund 19 Prozent aller ordentlichen und ausserordentlichen Professuren von Frauen besetzt:

«Insgesamt verdeutlichen die Geschlechterunterschiede auf der höchsten Hierarchiestufe, dass die Chancengleichheit von Frau und Mann im Schweizer Hochschulsystem noch nicht erreicht ist», heisst im Indikatorenbericht des Bundes zur Chancengleichheit von Frauen und Männern an den Schweizer Hochschulen von 2017. «Vieles deutet darauf hin, dass die Ungleichheiten vor allem im entscheidenden Übergang zur (Nachwuchs-)Professur auftreten», schreiben die Autoren.

Vorsteher der Law School reagiert schockiert

Benjamin Schindler, Professor und Vorsteher der Law School der HSG.

Benjamin Schindler, Professor und Vorsteher der Law School der HSG.

PD

Auf Nachfrage reagiert Benjamin Schindler, Vorsteher der HSG-Law-School, schockiert auf die Frage, ob im Fall der Professur für Privatrecht die Gleichstellungsbemühungen vernachlässigt wurden.

«Die Gleichstellung der Geschlechter ist unserer Universität, unserer Abteilung, aber auch mir persönlich ein sehr ernsthaftes Anliegen.»

Dennoch sei der Entscheid für den Berner Kandidaten Martin Eggel sehr klar ausgefallen. Er habe nicht nur am besten auf die Profilanforderung des Lehrstuhls mit Schwerpunkt Zivilgesetzbuch gepasst. Er sei auch weit fortgeschritten mit seiner Habilitationsschrift, mit der im universitären Betrieb geprüft wird, ob eine Wissenschafterin oder ein Wissenschafter ihr oder sein Forschungsgebiet in Forschung und Lehre vertreten kann.

Ausserdem habe der Kandidat, den die Berufungskommission mit einem Einervorschlag an die nachfolgenden Gremien empfahl, sowohl mit seinem Fachvortrag als auch im Interview und mit seinen bisherigen Publikationen am meisten überzeugt. Auch die Reaktion der Studierenden auf ihn sei ausgesprochen positiv ausgefallen.

Letzteres werde im Berufungsverfahren ebenfalls gewichtet. Schindler betont, dass er die Berufungskommission in allen drei Sitzungen, die stattfanden, auf die Frauenförderungsstrategie und die Regel hingewiesen habe, wonach bei gleicher Qualifikation die Stelle zwingend mit einer Frau zu besetzen sei. «Dies hätten wir auch getan, wenn sich die Situation ergeben hätte», sagt Schindler.

Kommissionsmitglieder müssen Ausstandsgründe offenlegen

Im Umfeld der Nichtberücksichtigung der Frauen wurde gegenüber dieser Zeitung auch der Verdacht geäussert, es könnte sich bei der Berufung um die Auswirkungen eines «Berner Klüngels» handeln. Der Hintergrund: Schindler hatte im Jahr 2010 von der Universität Bern an die HSG gewechselt.

Darauf angesprochen sagt er: «Ich habe an der Uni Bern nur noch zu wenigen Kollegen im öffentlichen Recht Kontakt.» Er habe vor dem Verfahren weder den Kandidaten noch dessen Mentor Stephan Wolf, Professor für Privatrecht am Zivilistischen Seminar, gekannt. Auch sonst sei seines Wissens niemand in der Berufungskommission gewesen, der eine nähere Beziehung zur Universität Bern habe. «Alle Mitglieder der Kommission wurden von mir gebeten, potenzielle Ausstandsgründe offen zu legen.»

Ex-Lehrstuhl von Peter Sester braucht eine Brasilienspezialistin

Zurzeit sind an der Law School zwei von zwölf ordentlichen Professuren mit Frauen besetzt. Einer der Männer ist der neue Rektor der Universität, Bernhard Ehrenzeller, Professor für öffentliches Recht. Er wird in den kommenden Jahren nicht unterrichten.

In der im Februar 2019 verabschiedeten Strategie der Law School steht: «Wir wollen den Frauenanteil bei den ordentlichen Professuren bis 2022 auf mindestens 30 Prozent erhöhen.» Damit möchte die Fakultät das Gesamtziel der Universität um drei Jahre toppen.

Dies, obwohl ihr Frauenanteil derzeit leicht unter dem Durchschnitt des gesamten Frauenanteils an HSG-Professuren liegt. Schindler sagt:

«Ob wir das Ziel der Strategie bis 2022 erreichen, ist noch nicht klar.»

Es hänge unter anderem davon ab, wie die Nachfolge des vakanten Lehrstuhls für Law & Economics des Brasilienspezialisten Peter Sester besetzt werden könne, der die Universität definitiv verlassen hat, nachdem diese gegen ihn ein Strafverfahren wegen Spesenmissbrauchs in sechsstelliger Höhe eröffnen liess.

Die Krux dort: Da der Sponsoringvertrag mit der Lemann-Foundation für den Lehrstuhl explizit den Forschungsschwerpunkt Brasilien verlangt, dürfte der Kreis geeigneter Rechts- und Wirtschaftswissenschafterinnen eher bescheiden ausfallen.

Weitere Frauen in der Warteschlange

In der Warteschlange auf eine ordentliche Professur stehen an der Law School zudem zwei Assistenzprofessorinnen, die zurzeit an ihren Habilitationen arbeiten. Ihre «Tenure Track»-Position sieht vor, dass beide Ordinariate besetzen, wenn sie die Habilitationsprüfung bestanden haben.

Für die definitive Wahl des Berner Privatrechtsspezialisten steht als Nächstes die Bestätigung durch den Universitätsrat bevor. Das letzte Wort hat die St.Galler Regierung.

Frühlingssemester 2020: Vier Frauen und zwei Männer berufen

Kurz nachdem das «Tagblatt» eine Anfrage zum Frauenanteil an Professuren an die Universität St.Gallen gerichtet hatte, hat die HSG zufälligerweise in einer Medienmitteilung über diverse Neuberufungen und Funktionswechsel an der HSG zum Frühlingssemester 2020 informiert. Drei von vier neu vergebenen ordentlichen und assoziierten Professuren gehen somit per 1. Februar 2020 an Frauen, eine von zwei neuen Honorarprofessuren wird ebenfalls weiblich:
- Alexander Geissler, Ordinarius für Management im Gesundheitswesen
- Tereza Tykvová, Ordinaria für Finanzen mit Schwerpunkt Private Markets und Alternative Investments
- Isabella Hatak, Ordinaria für Management von Klein- und Mittelunternehmen. Gleichzeitig wird sie Direktorin des Schweizerischen Instituts für Klein- und Mittelunternehmen.
- Ann-Kristin Zobel, Assoziierte Professorin für Management
Julia Hänni, Honorarprofessorin für Rechtsphilosophie
- Raoul Stocker, Honorarprofessor für Steuerrecht. (oh)