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Interview

HSG-Rektor Thomas Bieger: «Die HSG bezahlt keine Spitzengehälter»

Spesen-Affäre, Raiffeisen-Affäre, Jungfraubahn-Affäre: Die Universität St.Gallen hat turbulente Wochen hinter sich. Rektor Thomas Bieger und Prorektorin Ulrike Landfester sehen darin auch positive Seiten.
Interview: Andri Rostetter, Regula Weik
Will eine offene Universität: Thomas Bieger. (Bilder: Urs Bucher)

Will eine offene Universität: Thomas Bieger. (Bilder: Urs Bucher)

Die HSG polarisiert. Je nach Perspektive gilt sie als internationale Spitzen-Uni oder als elitäre Kaderschmiede. In diesem Sommer hat ihr Image zusätzlich gelitten. Mit der Verwicklung von Professor Johannes Rüegg-Stürm in den Raiffeisen-Fall, der Verhaftung von Audi-Chef und Honorarprofessor Rupert Stadler und dem Spesenmissbrauch an einem Institut stand die HSG so häufig in den Schlagzeilen wie sonst kaum in ihrer 120-jährigen Geschichte.

Zuletzt geriet der Rektor höchstselbst in den Fokus, nachdem er als Verwaltungsratspräsident der Jungfraubahn in einen Fall von Marktmanipulation verwickelt war. Es ging lange, bis Thomas Bieger in ein Interview einwilligte. Und kurz vor dem Termin zog er Prorektorin Ulrike Landfester hinzu. Das Resultat war ein langes Gespräch über die HSG, was sie kann, was sie nicht kann und was sie sein soll.

Thomas Bieger, Sie wussten von der Marktmanipulation bei der Jungfraubahn?

Bieger: Die Finma hat das Verfahren abgeschlossen. Die Untersuchung und der Bericht sind nicht öffentlich und unterliegen dem Geschäftsgeheimnis. Ich kann daher dazu nicht mehr sagen.

Hat die Finma der Jungfraubahn Auflagen gemacht?

Bieger: Nein, denn sie hat festgestellt, dass die Jungfraubahn bereits Massnahmen getroffen und umgesetzt hat. Der Fall ist mit der Rüge abgeschlossen.

Woher kam die Idee zur Marktmanipulation?

Bieger: Aus Gründen des Geschäftsgeheimnisses kann ich nichts sagen. Ich würde mich strafbar machen.

Die Marktmanipulation hat also kein Nachspiel mehr?

Bieger: Das trifft zu.

Wenn Sie sich nun aber dazu äussern würden, hätte dies strafrechtliche Konsequenzen für Sie?

Bieger: Richtig. Alles, was ich zum Fall sage, ist eine Verletzung des Geschäftsgeheimnisses und damit ein Straftatbestand.

Dann würde die Jungfraubahn gegen Sie klagen?

Bieger: Auch dazu kann ich nichts sagen.

Reden wir über die Nebentätigkeiten von Professoren allgemein. War die Kontrolle bis jetzt zu nachlässig?

Bieger: Die Nebentätigkeiten gehören zur HSG und sind Teil ihrer Erfolgsgeschichte. Deshalb heisst es in unserem Nebenerwerbsreglement auch, dass sie erwünscht sind. Wir wollen Professorinnen und Professoren, die die Praxisperspektive einbringen können. Es trägt wesentlich dazu bei, dass unsere Professoren gut vernetzt sind. Das ist wichtig und hilft bei der Drittmittelbeschaffung. Die HSG hat den höchsten Drittmittelanteil aller Schweizer Universitäten.

Noch einmal: Funktioniert die Kontrolle dieser Nebentätigkeiten?

Bieger: Wir fallen mit unseren Regulierungen gegenüber anderen Schweizer Universitäten nicht ab, wir sind absolut im Rahmen. Alle Schweizer Universitäten und auch unsere internationalen Benchmark-Universitäten haben die Eintages-Regelung, sprich: Ein Professor darf für seine Nebentätigkeiten maximal einen Tag pro Woche aufwenden.

Der Verdienst daraus fliesst in die private Tasche der Professoren.

Bieger: An allen Universitäten, die wie wir die Eintages-Regelung anwenden, besteht ausser in Zürich und Neuenburg keine Abgabepflicht des Nebenerwerbs.

Die Vorfälle, welche die HSG in den letzten Monaten in ein schlechtes Licht rückten, sind allesamt auf Nebentätigkeiten der Professoren zurückzuführen. Da drängt sich doch eine verstärkte Kontrolle auf.

Bieger: Die Freiheit, die damit gewährt wird, muss immer wieder legitimiert werden. Da sind auch die Ansprüche der Öffentlichkeit gestiegen, insbesondere was die Transparenz betrifft. Wir sind dran, dies nachzuregulieren. Wir nehmen die aktuellen Vorkommnisse deshalb selbstverständlich ernst und ignorieren die Kritik nicht.

Die bisherige Regelung ist nicht mehr zeitgemäss?

Ulrike Landfester: Wir müssen unsere Reglemente permanent anpassen. Wir arbeiten in einem wirtschaftlichen Kontext, der sich unglaublich schnell entwickelt. Wir hinken notgedrungen manchmal hintennach, und dann bessern wir nach. In einer solchen Situation stecken wir aktuell.
Bieger: Es ist nicht möglich, die Einzelnen bei der Ausübung ihrer Nebentätigkeiten zu kontrollieren. Es wäre sogar gefährlich, wenn die HSG dies wollte und damit sozusagen ein Gütesiegel abgäbe. Damit übernähme sie eine Verantwortung, die sie nicht erfüllen kann. Wo Menschen arbeiten, passieren Fehler.

Das ist etwas gar einfach. Gerade die HSG spricht immer von Exzellenz.

Landfester: Wir stehen nicht hin und sagen: Wir machen keine Fehler. Diese Vorfälle sind Symptome von Problemen, die wir lösen müssen. Und wir werden sie lösen.

Sie wollen also keine stärkere Kontrolle, damit die Uni nicht in der Verantwortung steht?

Landfester: Ja. Die HSG wird zu 50 Prozent aus Drittmitteln finanziert, vor allem auch dank der wirtschaftlichen Aktivitäten der Professoren. Nun haben wir wegen Vorfällen in diesen Nebentätigkeiten Vertrauen verloren. Dieses Vertrauen müssen wir zurückgewinnen. Denn es geht nicht zuletzt um die Daseinsberechtigung der HSG in der Region.

Hätte diese Erkenntnis nicht schon früher reifen können?

Bieger: Universitäten werden heute als Institutionen kritischer betrachtet als auch schon. Das ist vielleicht auch ein Ausdruck des Transparenz-Zeitalters. Das ist auch gut. Wenn eine Institution geschützt und abgeschlossen ist, besteht die Gefahr des Machtmissbrauchs.
Landfester: Es ist gut und wichtig, dass die Kolleginnen und Kollegen jetzt aufhorchen. Wir müssen über unsere Verantwortung diskutieren.

Die HSG hat zwei Lehrstühle für Ethik. Da müssten solche Diskussionen doch geführt werden?

Landfester: Ich wehre mich dagegen, dass wir an diese Lehrstühle delegieren, was Aufgabe von uns allen ist. Ethische und moralische Fragen müssen in jedem Fachgebiet gestellt werden. Wir haben eine ganze Abteilung, die sich um Persönlichkeitsentwicklung kümmert. Wir haben das Kontextstudium, das speziell zur Persönlichkeitsbildung entwickelt wurde. Es macht 25 Prozent des gesamten Pensums aus, das Studierende an der HSG absolvieren. Aber das kommt in der Öffentlichkeit nicht an.

Warum?

Landfester: Weil man es uns nicht zutraut. Die HSG hat sich schon bei der Gründung auf die Fahne geschrieben, dass sie mehr ausbilden will als nur geldgierige Gewinnmaximierer. Aber unser Image lässt dafür keinen Raum.

«Wir sind nicht unfehlbar»: Prorektorin Ulrike Landfester.

«Wir sind nicht unfehlbar»: Prorektorin Ulrike Landfester.

Was tun Sie dagegen?

Bieger: Wir arbeiten seit Jahren daran, die Universität zu öffnen. Der Campus ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich, wir haben ein Besucherzentrum eingerichtet. Wir wollen zeigen, dass die HSG nicht nur eine Meinung kennt, sondern dass sie ein Marktplatz der Ideen ist. An unserer Universität studieren und arbeiten derart viele unterschiedliche Leute mit unterschiedlichen Ansichten. Das merkt man erst, wenn man hier ist.

Hat es die Vorfälle um die Nebentätigkeiten gebraucht, damit sich die HSG mit sich selber beschäftigt?

Landfester: Wir sind nicht unfehlbar. Das wäre ja furchtbar. Aber wir dürfen uns jetzt auch nicht hinstellen und laut weinen, sondern müssen uns fragen: Also los, wo geht es jetzt hin? Das ist momentan der Geist bei uns.

«Der Wert eines Professors besteht darin, dass er glaubwürdig aus der Praxis referieren kann.»

Also doch alles positiv?

Bieger: Im operativen Bereich geht es der HSG sehr gut. Lehre und Forschung, die Kernbereiche unserer Tätigkeit, laufen gut, wir haben gute Rückmeldungen auch durch Rankings und ein nachhaltiges Wachstum der Studierenden.

Aber die Glaubwürdigkeit der Lehre leidet unter solchen Vorfällen.

Bieger: Der Wert eines Professors besteht darin, dass er glaubwürdig aus der Praxis referieren kann. Dazu gehört, dass er in der Praxis vielleicht auch schon Probleme hatte. Das ist eine Voraus­setzung, um Erfahrungen weiterzu­geben.

Wollen Sie sagen, Rüegg-Stürm sei durch die Raiffeisen-Affäre zu einem besseren Professor geworden?

Landfester: Wann wird in unserer Gesellschaft gefragt, ob jemand glaubwürdig praktiziert, was er lehrt? Da sind wir bei den entscheidenden Fragen: Was haben Universitäten für einen Sinn? Was ist unser moralischer Auftrag? Das sind Fragen, die sich in den letzten Jahren erst gestellt haben. Früher krähte kein Hahn danach, was ein Professor den ganzen Tag tut. Dass wir uns nun dieser Frage stellen müssen, ist die positive Seite dieser Debatte.

An der letzten Konferenz der HSG-Dozierenden gab es massive Gegenwehr auf die öffentliche Kritik an den Nebentätigkeiten.

Bieger: Professoren machen das nicht einfach, weil sie Geld verdienen wollen. Viele Kollegen kamen von anderen guten Universitäten nach St.Gallen, weil sie diese Freiheit wollten. Sie wollten weiterhin in der Praxis tätig bleiben. Es ist wie in der Medizin. Auch dort gibt es Professoren, die noch Kontakt mit den Patienten haben wollen.

Es geht aber auch um Geld.

Bieger: Richtig. Die HSG ist auch darauf angewiesen, unser Finanzierungsmodell baut darauf. Gemäss dem European Business School Ranking der Financial Times sind wir die beste öffentliche Wirtschaftsuniversität. Das gelingt uns dank einer soliden Finanzierung der öffentlichen Hand, ohne diese ginge es nicht. Aber diese Finanzierung ist auf eine Schweizer Durchschnittsqualität ausgerichtet. Alle Schweizer Universitäten bekommen das Gleiche, egal wie gut sie sind. Der Mehrbedarf, den es braucht für internationale Spitzenforschung, wird über die Institute finanziert.

Es geht also nicht ohne.

Bieger: Ja. Wir brauchen dieses Unternehmertum, weil wir nur die Hälfte unserer Mittel vom Staat bekommen. Aber auch, weil wir so den Kontakt zur Praxis haben. Und in Einzelfällen natürlich auch, weil wir sonst die Professoren nicht bekommen, die wir wollen. Die HSG bezahlt auch im Vergleich mit Schweizer Universitäten keine Spitzengehälter, erst recht nicht im Vergleich mit ausländischen Privat-Unis.
Landfester: Die Verbindung von Akademie und Unternehmertum ist ein Lebensmodell, nicht ein Gewinnmaximierungsmodell. Natürlich gibt es die auch, die es wegen des Geldes machen. Aber für uns ist diese Verbindung aus Akademie und Wirtschaft eine Herzensangelegenheit.

Wenn ein Professor, der zu 100 Prozent angestellt ist, einen Tag pro Woche einer Nebentätigkeit nachgeht, geht das doch auf Kosten der Lehre – und des Steuerzahlers.

Bieger: Nein, so kann man das nicht rechnen. Die Universität hat den Gewinn über den Bezug zur Praxis, über die Netzwerke, die für unser Fundraising und unsere Forschungsprojekte entscheidend sind. Auch für die Studierenden hat es einen grossen Mehrwert, beispielsweise wenn es um Praktikumsstellen geht. Und viele Angestellte und Forschende können wir überhaupt nur aufgrund dieses Zusatzverdienstes beschäftigen.

Der tatsächliche Gewinn für die HSG lässt sich aber schwer eruieren.

Bieger: Das ist so. Professoren unterliegen nicht dem Arbeitszeitgesetz. Zudem gibt es immer Überlappungen. Wenn ich mich als Verwaltungsrat in der Tourismusbranche mit den neuen Finanzmarktregelungen auseinandersetze, dann kann ich das auch in der Lehre verwenden. Wenn ich die neue Tourismuspolitik des Bundes lese, dann brauche ich das sowieso in der Vorlesung. Zudem arbeiten die meisten Kollegen eher zu viel als zu wenig.

Auf wie viele Arbeitsstunden kommen Sie pro Woche?

Bieger: Da müssten Sie meine Agenda konsultieren.
Landfester: Mein Mann und ich sagen immer: Das Wochenende ist die Zeit, in der wir endlich in Ruhe arbeiten können.
Bieger: Genau so ist es auch bei mir. Heute wäre es gar nicht mehr möglich, nur Zwei- oder Dreitages-Professor zu sein.

Arbeitet deshalb auch Ihre Frau an Ihrem Institut? Damit Sie sie mehr sehen?

Bieger: (lacht) Diese über Drittmittel finanzierte Anstellung geht Jahre zurück. Wir hatten einen Engpass in der als Dienstleistungsauftrag geführten Buchhaltung eines wissenschaftlichen Verbandes. Mein Frau ist notfallmässig eingesprungen – und dann in Teilzeit gleich geblieben.

Gibt es Nebentätigkeiten, die Sie nicht zulassen?

Bieger: Ja, beispielsweise wenn es Interessenskonflikte gibt. Ich habe meine ehemaligen Mandate bei der Olma oder der Migros Ostschweiz abgeben, als ich zum Rektor gewählt wurde. Wir beziehen Leistungen von der Olma, die Migros ist unser Caterer. Aber auch wenn wir Reputationsprobleme sehen, würden wir eingreifen. Wenn etwa ein Professor bei einem Walfang-Unternehmen mittun will, würden wir mit­reden.

Grundsätzlich: HSG, wohin? Immer mehr Studenten, immer mehr Gebiete. Besteht da nicht die Gefahr, ins Mittelmass abzugleiten?

Bieger: Unsere grösste Herausforderung ist der Spagat zwischen den Anforderungen des internationalen Wettbewerbs und der regionalen Verankerung. Den traditionellen HSG-Professor mit breitem Fachwissen, lokal verankert, Mitglied in einem hiesigen Verein und im Militär, den gibt es nicht mehr. Wir müssen den Ansprüchen der regionalen Politik genügen, gleichzeitig wollen wir im internationalen Markt den Anschluss nicht verlieren. Da gibt es keine Konvergenz, daran muss man immer wieder arbeiten.

Es wird also schwieriger.

Landfester: Der Spagat zwischen Regionalität und Internationalität ist eine Herausforderung, aber auch befruchtend. Es geht um Verantwortung, um Respekt, um Nachhaltigkeit. Das ist eine hocherfreuliche Entwicklung.

Bieger: Letztlich ist es eine Frage der Haltung. Wir messen uns mit den Besten.

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