Nach den Übergriffen in Genf und an der Streetparade: Die Hemmungen der Täter sinken

Die Gewalt gegen Frauen hat nicht zugenommen. Sie hat sich aber verändert: Das sagen Beratungsstellen in der Ostschweiz.

Natascha Arsic
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Zwar sind die Täter nach der brutalen Attacke auf die fünf Frauen in Genf gefasst, doch die landesweit lancierte Diskussion über die Zunahme der Gewaltbereitschaft von Männern geht weiter. Diese pauschale Aussage geht Frauenorganisationen im Kanton St.Gallen zu weit. «Ich glaube nicht, dass Gewalt an Frauen heute häufiger vorkommt», sagt Silvia Vetsch, Geschäftsleiterin des Frauenhauses St.Gallen. Man spreche halt heute mehr darüber. Durch die Ereignisse in Genf, Köln und die #MeToo-Debatte werde das Thema nun offener behandelt.

Auch heute noch fühlten sich viele Opfer lange selbst schuldig und würden deshalb schweigen. Dieses Gefühl von einer Mitschuld habe damit zu tun, dass Frauen denken, sie hätten sich nicht sexy anziehen oder jemanden anlächeln sollen, sagt Vetsch. Ein bestimmtes Alter, in dem Übergriffe passierten, gebe es nicht – Opfer könnten Kleinkinder wie auch ältere Frauen sein. Vetsch vertritt deshalb eine ganz klare Meinung:

«Diese Gewalt hat nichts mit Erotik zu tun, sondern mit Machtgefälle.»

Dem schliesst sich auch Jacqueline Schneider, Geschäftsführerin der Frauenzentrale St.Gallen, an. Das Frauenbild sei falsch. Man dürfe aufgrund von Kleidung keine Teilschuld zugewiesen bekommen. «Bei Vorfällen wie in Genf müssen die Frauen als Opfer angeschaut werden», so Schneider.

(Bild: Getty)

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Gewaltformen sind heute sexualisierter

Laut Vetsch sind die Hemmungen der männlichen Täter gesunken. Oft seien auch Alkohol oder Drogen im Spiel, was die Hemmschwelle zusätzlich senkt. Anders als früher werde heute immer mehr vor K.O.-Tropfen gewarnt – sie sind neuerdings Mittel zum Zweck. «Es ist bedenklich, dass die Tropfen so oft verwendet werden», sagt die Geschäftsleiterin des Frauenhauses St.Gallen. Sie findet es wichtig, dass die Gewalt an Frauen öfter thematisiert wird. Dieser Meinung ist auch Christina Klausener, Kampagnenleiterin der feministischen Frauenorganisation cfd. «Es ist ein schmerzhaftes Thema und deshalb redet man nicht gerne darüber», sagt sie.

Verbale oder physische Belästigung sei im Ausgang häufig anzutreffen. Die Gewalt an Frauen habe nicht zugenommen – gewisse Gewaltformen seien aber sexualisierter, meint Klausener: «Früher hatte man eine Hand am Füdli – heute zwischen den Beinen.» Sie betont jedoch, dass das Ereignis in Genf ein besonders extremes und nur bedingt repräsentatives Beispiel für Gewalt an Frauen sei. Für Klausener ist klar, das Thema ist komplex und umfasst auch die Benachteiligung von Frauen, Lohndiskriminierung und häusliche Gewalt. Jährlich sterben 14 Frauen an häuslicher Gewalt, sagt sie. Auch für die Kantonspolizei St.Gallen ist häusliche Gewalt ein Dauerthema, 1045-Mal musste sie 2017 wegen häuslicher Gewalt intervenieren. «Drei- bis viermal pro Nacht wird die Polizei wegen häuslicher Gewalt gerufen», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen. Der zeitliche Aufwand belaste die Polizei zunehmend.

16 Tage gegen Gewalt an Frauen

Während 16 Tagen macht die internationale Kampagne vom 25. November bis zum 10. Dezember auf das Thema «Gewalt gegen Frauen» aufmerksam. In der Schweiz beteiligen sich rund 80 Menschenrechts- und Frauenorganisationen, darunter das Frauenhaus St.Gallen, die Opferhilfe SG-AR-AI, die Frauenzentrale St. Gallen sowie die Koordinationsstelle häusliche Gewalt im Sicherheits- und Justizdepartement des Kantons St.Gallen an der Aktion. (nat)

Um die Sensibilisierung zum Thema zu fördern, organisiert die cfd jährlich die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» (siehe Box). Auch die Kampagnenleiterin sagt, dass Frauen aller Generationen Erfahrungen mit Gewalt gemacht haben. Aufgrund von Schamgefühlen wird aber oft darüber geschwiegen. Ein grosses Anliegen ist ihr deshalb, dass Betroffene über ihre Erfahrungen reden. «Männer sind ein grosser Teil des Problems, aber auch der Lösung», sagt Klausener. Es gäbe viele Männer, die eine andere Form von Männlichkeit leben und sich nicht den allgemeinen Stereotypen unterwerfen.

Ein weltweites Problem

Laut Klausener sei ein gesamtgesellschaftlicher Wandel nötig und auch in der Schweiz bestehe Nachholbedarf. Letztes Jahr hat die Schweiz die Istanbul-Konvention ratifiziert. Das Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt ist hierzulande im April in Kraft getreten. Die Konvention hält fest, dass die ungleichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern eine zentrale Ursache von Gewalt gegen Frauen sind, womit die Geschlechterhierarchien aufrechterhalten werden. Ein Ziel ist es, «Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen».

«Wir sind gegen den Vorwurf, dass dies ein importiertes Problem ist»,

sagt Klausener deutlich. Gewalt an Frauen sei kein Problem von anderen Kulturen – sondern aller Kulturen. Auch Tina Krüger, Sozialarbeiterin FH der Opferhilfe SG-AR-AI, bestätigt, dass die Nationalität der Opfer sowie der Täter gemischt ist. Bei der Opferhilfe sind viele Frauen im Alter vom 18. bis Ende des 20. Altersjahres in Beratung. Wie viele Gewaltbetroffene eine Beratungsstelle aufsuchen, kann Krüger nicht sagen. Sie vermutet, dass es eher ein kleiner Teil ist. «Viele versuchen, zunächst selber mit dem Erlebten klarzukommen.»

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