Die grosse Angst vor dem kleinen Risiko

Fuchsbandwurm

Silvan Lüchinger
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Die Walderdbeeren sind reif und bald schon locken die ersten Pilze. Wenn da nur das böse Wort Fuchsbandwurm nicht wäre. Allein die Vorstellung, wie das Tier aussehen könnte, lässt empfindliche Gemüter erschaudern. Nicht zu reden von den Folgen, wenn sich jemand tatsächlich infiziert. Da bleibt wahrscheinlich nur ein langsamer und qualvoller Tod.

Und dann noch dies: Gemäss einer Mitteilung aus dem grenznahen Vorarlberg liegt dort die Infektionsrate von Füchsen bei 45 Prozent. Vorarlberg liege damit gemeinsam mit «Gebieten der Ostschweiz und Süddeutschlands auf einem relativ hohen Niveau bei der Verbreitung des Fuchsbandwurms», heisst es weiter. Also auf Beeren verzichten, die schönen Eierschwämme den Schnecken überlassen und im nächsten Frühling ganz sicher auch keinen Bärlauch mehr pflücken? Gemach.

Am Ergebnis der Untersuchung in Vorarlberg ist zwar kaum zu zweifeln. Die Zahlen stammen nicht aus irgendwelchen dubiosen Quellen, sondern von der Agentur für Ernährungssicherheit und Gesundheit in Innsbruck. Weniger gut begründet ist aber die Gleichsetzung der Werte mit jenen in der Ostschweiz.

Laut Markus Brülisauer vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei werden im Kanton St. Gallen derzeit nämlich gar keine Füchse auf Fuchsbandwurm untersucht. Ob die Infektionsrate tatsächlich gleich hoch ist wie in Vorarlberg, bleibt damit völlig offen. Unter Nachbarn könnte das immerhin so sein. Sicher ist nach Einschätzung von Markus Brülisauer hingegen, dass der Fuchsbestand in der Region rückläufig ist. Das hat allerdings nicht mit dem maximal fünf Millimeter langen Bandwurm, sondern vielmehr mit Staupe und Räude zu tun. Beides Krankheiten, die wohl auf Haustiere, aber nicht auf den Menschen übertragbar sind.

In der Schweiz infizieren sich durchschnittlich weniger als zwei Dutzend Menschen pro Jahr mit Eiern des Fuchsbandwurms. Meist treten die zugehörigen Krankheitserscheinungen erst Jahre später auf; vorwiegend befallen ist dann die Leber. Gegenmassnahmen sind die chirurgische Entfernung der Larven und eine Langzeittherapie mit Medikamenten. Wer das ohnehin tiefe Infektionsrisiko weiter senken will, kann dies mit wenigen Vorsichtsmassnahmen tun. In Bodennähe wachsende Waldfrüchte sind vor dem Verzehr zu waschen. Angesichts der vielen Füchse, die heute in Siedlungsnähe leben, gilt das auch für Freilandgemüse und beispielsweise Fallobst. Tiefgefrieren nützt nichts, weil Bandwurmeier Temperaturen bis minus 80 Grad unbeschadet überstehen. Fuchskot im Garten oder auf Spielplätzen gehört in einem Plastiksack in den Abfall und nicht in den Kompost. Dass man tot aufgefundene Tiere nicht noch selber gründlich untersucht, versteht sich eigentlich von selber.

Wer dennoch und trotz allem künftig die Finger von Walderdbeere, Bärlauch und Pfifferling lassen will, soll das halt tun. Weniger ängstliche Beeren- und Pilzsammler haben bestimmt nichts dagegen.

Silvan Lüchinger