Die grösste Bedrohung ist eine Pandemie

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Gefahren Trotz Terroranschlägen und alternder Atomkraftwerke: Das grösste Risiko für die St. Galler Bevölkerung geht von unsichtbaren Winzlingen aus – den Erregern hochansteckender Krankheiten. In einer Analyse des kantonalen Amts für Militär und Zivilschutz stehen Pandemien ganz oben auf der Liste der Gefährdungen, die zu Notlagen oder Katastrophen führen können. Der Bericht konzentriert sich auf grosse Ereignisse, welche die Organe des Bevölkerungsschutzes im Kanton – Polizei, Feuerwehr, Zivilschutz und so weiter – nicht mehr im Alleingang bewältigen können. Für ein solches Ereignis muss eines der folgenden drei Kriterien erfüllt sein: Es gibt 20 Todesopfer und viele Schwerverletzte, einem grossen Teil der Bevölkerung fehlen während mehrerer Tage wichtige Lebensgrundlagen wie Wasser oder Strom, die Schäden des Ereignisses übersteigen 100 Millionen Franken. Tatsächliche Vorkommnisse wie die Überschwemmungen der vergangenen Jahre im Kanton sind somit «zu klein» und nicht Gegenstand der Analyse.

Grosse Pandemien, etwa durch ­Influenzaviren oder Sars, sind deshalb eine besondere Bedrohung, weil sie vergleichsweise häufig eintreten – einmal in 40 bis 80 Jahren. Zugleich kann ihre Wirkung verheerend sein. Das Szenario des Kantons: Rund 125000 Personen, also ein Viertel der Bevölkerung, erkranken am Virus. Bis zu 3100 müssen ins Spital, bis zu 550 Menschen sterben an der Krankheit. Gleichzeitig ist das Gesundheitssystem geschwächt, weil ein grosser Teil des Personals ausfällt. Die Wirtschaft gerät ins Stottern, da bis zu 40 Prozent der Einwohner nicht mehr arbeiten gehen. Gerechnet wird mit einer hohen Zahl von Personen, die zu Hause bleiben, weil sie Angst vor Ansteckung haben oder jemanden pflegen müssen. Der finanzielle Schaden für die St. Galler Wirtschaft während einer dreimonatigen grossen Pandemie kann 250 Millionen Franken erreichen.

Rheindammbruch träfe Zehntausende Personen

Als nächstgrösste Risiken drohen Erdbeben und Hochwasser. Ein Erdbeben, wie es die Analyse annimmt, könnte bis zu 300 Todesopfer fordern. Das Schadensausmass wäre grösser als bei einer Pandemie, allerdings kommen Erdbeben seltener vor. Das Risiko eines grossen Hochwassers ist im Kanton St. Gallen im nationalen Vergleich hoch – wegen des Rheins. Von einem Dammbruch auf der St. Galler Seite wären Zehntausende Personen betroffen, rund 40 Todesopfer wären zu beklagen. Ein solches Hochwasser tritt gemäss Statistik alle 300 bis 500 Jahre ein. Hochwasser, Erdbeben und Pandemien machen 75 Prozent aller Risiken für den Kanton aus.

Gegenüber den Naturgefahren sind die Risiken der Technik deutlich kleiner. Der Bruch eines Staudamms, ein AKW-Unfall oder der Absturz eines grossen Passagierflugzeuges hätten zwar gravierende Folgen, treten aber höchst selten ein. Bei der Technik habe der Mensch mehr Optionen, vorzusorgen, heisst es in der Analyse. Das grösste Risiko technischer Art ist ein grossflächiger Stromausfall. Ein mittleres Risiko stellen einzelne «gesellschaftsbedingte Gefährdungen» dar, etwa Cyberangriffe. Empfindlich treffen könnte den Kanton ein Hackerangriff auf zentrale Organe wie die Notrufzentrale. Demgegenüber sei die geschätzte Häufigkeit eines «konventionellen Anschlags» klein, heisst es im Bericht. Der Kanton St. Gallen sei «nicht als primäres Terrorziel zu betrachten».

Es ist das erste Mal, dass der Kanton diese Risiken im Detail analysiert hat. Ob die Einsatzkräfte genügend gerüstet sind oder ob Handlungsbedarf besteht, wird nun abgeklärt. Zudem sollen die Risiken von nun an regelmässig überprüft werden. Noch ist aber unklar, wer dieses «kontinuierliche Risikomanagement» übernehmen soll. (av)