Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Soeben geerntet: Tulpen der Sorte «Strong Love». (Bild: Raphael Rohner)

Soeben geerntet: Tulpen der Sorte «Strong Love». (Bild: Raphael Rohner)

Die Geschichte von «Strong Love» – wie in Züberwangen jeden Frühling 5 Millionen Tulpen wachsen

Wer an Tulpen denkt, denkt meist an die Niederlanden. Dabei ist auch die Ostschweiz eine Hochburg. Ein Blick ins modernste Gewächshaus der Schweiz, wo Tulpe «Strong Love» in sieben Wochen heranreift.
Stephanie Martina

Heute ist mein grosser Tag: Nach sieben Wochen in einem Ostschweizer Gewächshaus werde ich einzelne Tulpe endlich Teil eines Blumenstrausses. Ursprünglich komme ich aus den Niederlanden, wie die allermeisten meiner Artgenossen. Dort ist nämlich der Boden auf den Feldern für den Anbau von Tulpen optimal. Als ich zu Beginn des Jahres in Züberwangen bei der Firma Rutishauser AG ankam, sah ich aus wie eine gewöhnliche Küchenzwiebel. Lange würde das aber nicht so bleiben. Kurz nach meiner Ankunft wurde ich gleich mit 111 anderen Zwiebeln in eine schwarze Plastikschale, eine sogenannte Zwiebelplatte, gesteckt. Dabei bohrten sich kleine Zäckchen in meine Haut. Aber das machte mir nichts aus, solange mein Wurzelkranz unbeschädigt bleibt.

Videos: Raphael Rohner

Meine ersten drei Wochen in der Ostschweiz verbrachte ich mit Zehntausenden anderen Zwiebeln im Kühler, um im Wasser Wurzeln zu bilden. Diesen Raum kann man sich als eine Mischung aus Dunkelkammer, Kühlschrank und Hallenbad vorstellen. Es ist finster, sechs Grad kalt und es riecht nach Chlor. Wie eine Angestellte kürzlich gegenüber einer Journalistin erklärt hat, dient das Chlor im Wasser dazu, dass sich keine Bakterien und kein Schimmel ansetzen können. Dadurch braucht es auch keine zusätzlichen Pflanzenschutzmittel.

Man glaubt es kaum, aber seit ich aus den Niederlanden in die Schweiz kam, habe ich keine Erde mehr gesehen.

In den vergangenen sieben Wochen zog ich alle benötigen Nährstoffe aus dem Wasserbett unter mir. Dank des geschlossenen Wasserkreislaufs sei der Anbau auf Wasser ressourcenschonender als jener auf Erde, erklärte die Angestellte weiter. Ausserdem sei Wasser auch aus logistischer Sicht praktischer: Bereits jetzt würden die Transportsysteme im Gewächshaus am Limit laufen, weil eine Metallplatte mit Vertiefung – Tisch genannt – mit rund 4000 erntereifen Tulpen darauf bis zu 800 Kilogramm wiegt. Mit Erde gefüllte Metallplatten könnten die Maschinen nicht mehr befördern.

Sobald meine Wurzeln gross genug waren und ich oben zu treiben begann, wurden ich aus dem Kühler gerollt und unter pinken LED-Leuchten parkiert. Dieses Licht ist speziell auf uns Tulpen abgestimmt. Das Pink gab mir innert drei Tagen einen Extra-Kick. Auf der Spitze meines Triebs sass ein Stück Schale – wie ein Hütchen. Bevor ich unter das Glasdach gebracht wurde, haben sie es weggezupft.

Seit drei Wochen befinde ich mich in der obersten der drei Etagen des Gewächshauses. Hier recke und strecke ich mich nun der Sonne entgegen. Unter uns: Gegen die Sonne können die pinken LED-Leuchten einpacken. Die warme Februarsonne sorgte dafür, dass ich besonders schnell wuchs. Die Leute hier waren darüber aber nicht erfreut. Denn obwohl wir über Wochen gestaffelt in Plastikschalen gesteckt wurden, waren wir nun plötzlich alle miteinander erntereif. Das brachte ihre Planung wohl etwas durcheinander.

Eigentlich bekommen wir hier während der siebenwöchigen Kultivierungszeit kaum Menschen zu sehen.

Die meisten Arbeiten in den Gewächshäusern erledigen nämlich Maschinen. Lifte transportieren uns im Gewächshaus von einem Ort zum anderen und Roboter übernehmen das Giessen. Fünf Mal täglich regnet es während 45 Sekunden. Weil vom Licht bis hin zur Temperatur alles automatisch gesteuert wird, reden sie von einer hochtechnisierten «Ecofarm». Nur so sei es möglich, einheimische Tulpen zu marktgerechten Preisen zu produzieren, sagen sie.

Am Anfang sehen die Tulpenzwiebeln aus wie gewöhnliche Küchenzwiebeln. (Bild: Raphael Rohner)
Kurz nach ihrer Ankunft in Züberwangen werden sie in sogenannte Zwiebelplatten gesteckt. Darin bleiben sie bis zur Ernte. (Bild: Raphael Rohner)
Erste Station: Im Kühler bleiben die Tulpen drei Wochen – bis sie spriessen... (Bild: Raphael Rohner)
...und Wurzeln gebildet haben. (Bild: Raphael Rohner)
Dann werden die Sprösslinge ins Gewächshaus gebracht – ihrer zweiten Wachstumsstation. (Bild: Raphael Rohner)
Das pinkfarbene Licht, unter dem sie parkiert werden, sorgt für einen Wachstumsschub. (Bild: Raphael Rohner)
Nach ein paar Tagen wird ihnen ihr Schalenhütchen weggezupft. (Bild: Raphael Rohner)
Ihre dritte Wachstumsphase verbringen die Tulpen in der obersten Etage des Gewächshauses. (Bild: Raphael Rohner)
Hier recken sich die Tulpen der Sonne entgegen. (Bild: Raphael Rohner)
Während ihres Wachstums ziehen die Tulpen alle Nährstoffe aus dem Wasserbett unter ihnen. (Bild: Raphael Rohner)
Nach sieben Wochen erntereif: In Kürze sind diese Tulpen ein fertiger Blumenstrauss. (Bild: Raphael Rohner)
Die ausgewachsenen Tulpen werden samt Zwiebel aus der schwarzen Plastikschale gehoben... (Bild: Raphael Rohner)
...und auf ein Förderband gelegt. (Bild: Raphael Rohner)
Zwiebel an Zwiebel wandern die Tulpen in Richtung Schnittmaschine. (Bild: Raphael Rohner)
Die letzten Momente bevor Tulpe und Zwiebel getrennt werden. (Bild: Raphael Rohner)
Damit alle Tulpen im Strauss gleich gross sind, werden sie an eine rote Messlinie gelegt und die Stiele abgeschnitten. (Bild: Raphael Rohner)
Dann werden die Blumen abgezählt und zu Sträussen gebunden. (Bild: Raphael Rohner)
Fast komplett: Jetzt fehlt nur noch ein Kragen aus braunem Packpapier. (Bild: Raphael Rohner)
Bereit zur Auslieferung: Ein fertiger Tulpenstrauss mit einem «Suisse-Garantie-Stecker. (Bild: Raphael Rohner)
Tulpen der Sorte «Strong Love». (Bild: Raphael Rohner)
20 Bilder

Frühlingsboten aus der Ostschweiz: In Züberwangen wachsen 5 Millionen Tulpen

Die Angestellten sind in den Gewächshäusern für die Überwachung zuständig. Darum sind sie auch immer mit einem Tablet in der Hand unterwegs. Über dieses können sie die ganze Tulpenproduktion steuern. Man merkt, dass sie wissen, was sie tun. Aber sie befassen sich ja auch schon lange mit uns Schnittblumen. Wie ich bei einer Betriebsführung aufgeschnappt habe, wurde die Firma vor über 100 Jahren gegründet. Schon 1912 hatte die Familie Rutishauser eine Leidenschaft fürs Gärtnern und gründete in Wil eine Gärtnerei. Seit den 60er-Jahren kultiviert die Familie Tulpen. In all den Jahren ist das Unternehmen wie eine Pflanze gewachsen. Heute gedeihen in Züberwangen und in den Gewächshäusern an den beiden anderen Standorten in Fällanden und Gordola während des ganzen Jahres unzählige Pflanzen: Primeln, Chrysanthemen, Hortensien, Geranien, Weihnachtsterne und viele andere Arten. Je nach Saison beschäftigt das Familienunternehmen bis zu 200 Mitarbeiter.

Die Tulpenproduktion der Firma Rutishauser AG in Zahlen

- 5 Millionen Tulpen wachsen jeden Frühling in Züberwangen
- 75'000 Stiele werden täglich zu Sträussen gebunden
- 7 Wochen dauert es, bis aus der Zwiebel eine erntereife Tulpe gewachsen ist
- 14 Grad beträgt die Temperatur im Gewächshaus maximal
- 200 Mitarbeitende beschäftigt die Rutishauser AG zu Spitzenzeiten

Wenn ich hier, unter dem Glasdach des Gewächshauses, um mich blicke, sehe ich ein Meer aus Blättern und Stielen. Man könnte annehmen, dass es hier drinnen wohlig warm ist – ein Trugschluss. Im Glashaus ist es nur etwa 14 Grad warm. Wäre es wärmer, wäre ich noch schneller gewachsen und meine Qualität hätte abgenommen. Schliesslich soll ich zehn Tage lang halten und in der Vase nochmals um bis zu zehn Zentimeter weiterwachsen.

Heute bin ich endlich gross genug und erntereif – etwas überreif sogar. An meiner Knospe zeigt sich bereits die Farbe meiner Blüte: dunkelrot, vielleicht dunkelrosa.

«Strong Love» wird meine Sorte unter Tulpenkennern genannt. Die meisten Tulpen hier in Züberwangen sind gelb – offenbar mögen die Schweizer diese Farbe am liebsten.

Jetzt geht es los. Ich werde aus der schwarzen Platte gehoben, in der ich die vergangenen Wochen sass, und auf ein Förderband gelegt – die sogenannte Erntebahn. Zwiebel an Zwiebel mit meinen Kollegen. Exklusiv ist hier nichts. An Spitzentagen, so hat es kürzlich eine Mitarbeiterin während einer Betriebsbesichtigung erzählt, werden hier täglich bis zu 75'000 Stiele zu Sträussen gebunden. Fünf Millionen Tulpen wachsen in Züberwangen jedes Jahr – mehr als in jeder anderen Gärtnerei in der Schweiz.

Der Erntebereich ist der einzige, in dem im Tulpenbetrieb noch von Hand gearbeitet wird. Schweizerdeutsch hört man hier kaum, die meisten sprechen Polnisch. Jemand heisst Igor. Plötzlich dreht sich alles und ich hänge kopfüber in einer Maschine, nur durch meine Zwiebel gehalten. Im nächsten Moment werde ich von ihr getrennt. Sie wandert in den Kompost und ich weiter auf dem Förderband.

Ich fühle mich frei, wenn auch nur für Sekunden. Schon liegt mein Kopf an einer roten Laserlinie – einer Messlatte. Für einen schönen Blumenstrauss braucht es angeblich gleich grosse Tulpen. Zu lange Stiele werden gekürzt. Ich bin froh, ist mein Stängel etwas zu lang gewachsen, denn zu kurze Tulpen werden von einer Maschine mir nichts, dir nichts vom Förderband gekickt. Sie werden anderweitig verwendet. Für mich aber geht die Reise weiter: Zusammen mit 14 anderen Tulpen werde ich mit weisser Schnur zu einem Strauss gebunden und in braunes Packpapier gewickelt. In einem Plastikbehälter mit Wasser werden wir auf ein Rollregal gestellt. Neben mir befindet sich ein Holzstecker mit der Aufschrift «Suisse Garantie». In Kürze werde ich Züberwangen verlassen, der Schweizer Detailhandel ist mein Ziel.

Ich bin ganz kribblig und kann es kaum erwarten, dass meine Mission beginnt: In einer Stube Frühlingsgefühle zu wecken.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.