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"Ich liebte den Duft im Atelier":
Vor 60 Jahren stand sie für den St.Galler Gauklerbrunnen Modell

Verena Brülisauer ist das Gesicht des Gauklerbrunnens im St.Galler Stadtpark. Als 16-Jährige stand sie dem Künstler Max Oertli Modell. Später bereiste die Balletttänzerin die Welt. Seit 1967 lebt sie in Paris, kehrt aber immer wieder in ihre alte Heimat zurück.
Roman Hertler
Steht den "Gaukler" auch mit fast 76 Jahren noch mühelos: Verena Brülisauer.(Bilder: Sabrina Stübi/Urs Bucher)

Steht den "Gaukler" auch mit fast 76 Jahren noch mühelos: Verena Brülisauer.
(Bilder: Sabrina Stübi/Urs Bucher)

Für Verena Brülisauer ist es jedes Mal ein Heimkehren, wenn sie nach St.Gallen kommt, wo sie aufgewachsen ist. Seit 1967 lebt sie in Paris. Mit ihrem französisch-amerikanischen Ballettensemble hat sie die ganze Welt bereist. Regelmässig besucht sie ihre Schwester, die in Zürich eine Kunstgalerie betreibt, und die übrig gebliebenen Verwandten in St.Gallen. Das Treffen im Zürcher Bahnhofsbistrot wühlt die Vielgereiste auf. Die Fragen nach ihren Jugendjahren wecken Erinnerungen. Sie bestellt koffeinfreien Kaffee und schwärmt: «Das Licht im Frühling, der Freudenberg, die Mülenenschlucht, die Drei Weieren – eine wunderbare, menschliche Atmosphäre. So empfinde ich weder in Zürich noch in Paris. Vielleicht verkläre ich das auch etwas. Aber so geht es mir, wenn ich nach St. Gallen zurückkehre.»

1942 kommt Verena in einer «vollkommen linken» Familie aus dem Hagenbuch-Quartier zur Welt. Ihre Grossmutter mütterlicherseits leitet das Restaurant im «Volkshaus», wo ihre Mutter Klavier und ihr Onkel Geige spielen. Vater Karl Brülisauer ist Typograf bei der «Volksstimme», setzt sich als SP-Gemeinderat vehement für die Sanierung des maroden Kunstmuseums ein und treibt die Errichtung der Genossenschaftswohnungen im Buch-Quartier voran, wo die Familie schliesslich einzieht. Mutter Lily kümmert sich um den Haushalt und den Garten. Und sie besteht darauf, dass im Haus ein Klavier steht. «Mutter spielte Schuberts ‹Impromptus› noch mit 85 Jahren so schön und klar.»

Verena ist ein aufgewecktes Kind. Die St.Galler Gesellschaft scheint ihr langweilig, besonders sonntags, wenn alles verboten ist. Aber sie erinnert sich gerne an ihre Kindheit in St.Georgen.

«Sobald der Schnee weg war, überkam mich immer so eine Lebenslust. Ich bin gerannt, gerannt, gerannt.»

Ihre beste Freundin ist Gertrud Weishaupt, Bauerntochter vom Selenhof, heute Harfenistin «irgendwo im hohen Norden». Sie musizieren zusammen, Trudi an der Handorgel, Verena am Klavier. In der Nähe des Selenhofs steht das lottrige Häuschen der Familie Oertli. Aber Max, den Künstler, lernt Verena erst später kennen.

Der Weg in die Kunst

Primarschule im Hebel, Sekundarschule im Talhof, ein Jahr Allgemeinbildung. Danach Schulabbruch wegen Langeweile. «Ich träumte vom Tanzen.» Das ist nicht im Sinne der Eltern: «Keine gesicherte Zukunft.» Sie stecken sie in eine private Handelsschule, doch als die Eltern in die Ferien abreisen, entschliesst sich die Tochter kurzerhand, sich ebenfalls zu beurlauben. Sie macht den Abschluss ohne Diplom. Ein Psychiater attestiert ihr zwar Intelligenz. «Aber sie hat halt nur das Theater im Kopf», berichtet er den Eltern.

Verena ist mit der Tochter ihres ehemaligen Französischlehrers befreundet. Dieser vermittelt ihr den Kontakt zu Elisabeth Pöschl, ehemalige Solistin am Opernhaus Zürich. Pöschl erkennt das Talent der 16-Jährigen, gibt ihr einige Gratislektionen und überzeugt die Eltern, die Tochter zu unterstützen. Verena gibt sich ganz dem Tanz hin. Sie ist diszipliniert. «In die Beiz ging ich nie.» Aus den sonntäglich geöffneten Fenstern strömt der Stumpenrauch und scheppert der Ländler. Es ist nicht ihre Welt. Der Jazz ist ihr zu intellektuell. Und der Rock’n’Roll, der gerade aus Amerika herüberschwappt, interessiert sie nicht. «Elvis galt als Schund. Seine sinnliche Stimme habe ich erst später entdeckt.»

1959 sucht Max Oertli nach einem Vorbild für das Gesicht und den Kopf seines Gauklerbrunnens (siehe Kasten). Bei einem Besuch in Elisabeth Pöschls Ballettschule bemerkt er Verena und fragt sie, ob sie nicht für ihn Modell stehen würde. Spontan sagt sie zu. Sie fühlt sich geschmeichelt, dass der ruhige, humorvolle St. Galler Künstler ausgerechnet sie zur Quelle seiner Inspiration erwählt. «Ich war sehr aufgeregt.» Für Verena eröffnet sich damit eine neue Welt – die Welt der Malerei und Bildhauerei. «Ich liebte die Atmosphäre und den Duft im Atelier und meine Arbeit als Modell.» Es sei eine bereichernde Zeit gewesen mit Max Oertli. Er wird sie später noch oft zeichnen. Auch in Paris wird Verena für Kunststudenten Modell stehen, an der Académie de la Grande Chaumière, der Académie Julian und der Académie des Beaux-Arts de Paris.

Vom Zauberer zum Gaukler

Im St.Galler Stadtpark, wo seit 1961 der Gauklerbrunnen steht, sprudelte früher offenbar ein wenig geliebter Springbrunnen. 1943 wanderte er ins Altmetall. Anfang der 1950er-Jahre wurde der St.Galler Künstler Max Oertli beauftragt, eine Figur für die neue Anlage im Sömmerli zu gestalten. Einer seiner Vorschläge war der "Zauberer". Dieser wurde nach einigen städtischen Planungspirouetten nicht im Sömmerli, sondern in weiterentwickelter Form als "Gaukler" im Stadtpark installiert. Seither steht die tänzerische Bronzefigur im St.Galler Museumsquartier. (hrt)

Verena zieht es bald weg aus der Gallusstadt. Am Opernhaus Zürich beginnt sie ihre professionelle Tanzausbildung. Nebenher arbeitet sie als Sekretärin, bis die Eltern beginnen, an ihre Tochter zu glauben und sie voll zu unterstützen. In der Saison 1965/66 erhält sie ein Engagement am Stadttheater in Mainz. Doch sie will mehr sehen von der Welt. 1967 fährt sie per Autostopp nach Paris und erhält die Chance auf ein Engagement in der Compagnie Théatre d’Art du Ballet, mit der sie zehn Jahre auf Welttournee geht. «Das war eine amerikanisch finanzierte Compagnie, dahinter steckte viel Geld.» Sie tanzen in ganz Lateinamerika, in der Karibik, in Süd- und Ostasien, in Afrika.

Zurück in Europa erlebt sie den Pariser Frühling 1968, den Generalstreik, brennende Barrikaden, fliegende Steine, leere Regale in den Geschäften, die Besetzung des Odeon-Theaters durch die revoltierende Jugend. «Ich war da, habe mich aber nicht eingemischt und war politisch nicht engagiert. Von Meienberg wusste ich, dass er in Paris war, habe ihn aber nie getroffen.»

Fünfzig Jahre später bilanziert Verena Brülisauer: «Ich hatte die unglaubliche Chance, von meinem Beruf als Tänzerin leben zu können. So viele wunderbare Menschen habe ich getroffen, so viel erlebt – Schönes und auch weniger Schönes.»

Gipsfuss und Familienglück

1976 lernt sie Lee Michelsen aus New York kennen, der als Gasttänzer der Compagnie für die folgende Welttournee engagiert wird. Für Verena ist es die letzte Tournee. Nach einem Sprung verletzt sie sich. Der Fuss wird eingegipst. Ihr Vertrag mit der Compagnie gilt damit als aufgelöst. Verena folgt Lee nach New York, bevor sie gemeinsam wieder nach Paris zurückkehren, wo sie bis heute miteinander leben.

1978 kommt Ronald Ashton, damaliger Ballettmeister am St. Galler Stadttheater, auf der Suche nach einem Gasttänzer nach Paris. Seine Wahl fällt auf Lee. So nisten Verena und er sich für kurze Zeit bei ihren Eltern im Buch-Quartier ein. Als sich eine Tänzerin in einer Tanznummer in Kalmans «Czardasfürstin» verletzt, springt Verena ein. Doch bei der Vorführung fühlt sie sich ungewohnt müde. Der Arzt weiss warum. Verena ist schwanger. 1979 kommt Dimitri zur Welt. Obwohl in Paris aufgewachsen, spricht er heute leidlich gut Schweizerdeutsch – mit Ostschweizer Akzent, den er bei seinen Grosseltern gelernt hat. Lee sieht man den Tänzer heute nicht mehr an, nach zwei Hüftoperationen hat er sich hauptsächlich dem Film und dem Theater zugewandt. Auch Verena tanzt nicht mehr. Sie spielt mittelalterliches Theater und liest Geschichten und Gedichte vor. Und für jeden, der nett darum bittet, macht die aufgeweckte Frau noch heute – mit bald 76 Jahren – den «Gaukler».

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