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Die Folgen eines Betriebsabends

Eines Morgens erwartete die Inhaberin eines Coiffeursalons die langjährige Mitarbeiterin Greta Grolimund (die in Wirklichkeit ganz anders heisst) an der Eingangstür und sagte zu ihr: «Lies diesen Brief, da hast du deine Sachen, gib den Schlüssel ab und geh!» Die Angestellte, ganz verdattert,

Eines Morgens erwartete die Inhaberin eines Coiffeursalons die langjährige Mitarbeiterin Greta Grolimund (die in Wirklichkeit ganz anders heisst) an der Eingangstür und sagte zu ihr: «Lies diesen Brief, da hast du deine Sachen, gib den Schlüssel ab und geh!» Die Angestellte, ganz verdattert, kehrte sogleich um. Im Brief stand, sie werde entlassen und per sofort freigestellt. Sie habe ihre Vorgesetzte derart beleidigt, dass eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses unzumutbar geworden sei. Und das kam so.

Ein ungenierter Schwatz

Kurz zuvor fand der jährliche Betriebsabend statt. Drei Coiffeusen fuhren gemeinsam im Auto zum Anlass, schwatzten dies und das und bekrittelten vor allem das Arbeitsklima. Dabei fing Frau Grolimund zu schimpfen an, bedachte die Chefin nach Aussagen der anderen mit Dialektausdrücken aus der untersten Schublade und betitelte sie laut eigenen Angaben als «Totsch», der zum Geschäften schlicht zu dumm sei. Die Kolleginnen blieben angeblich lammfromm und begnügten sich damit, erstaunt zuzuhören. Die erste war so fassungslos, dass sie der Chefin alsbald von der Schimpftirade erzählte, und die zweite so sorglos, dass sie alles bestätigte.

Eine unklare Rechtslage

Nun erhebt die ehemalige Arbeitnehmerin Klage beim Kreisgericht St. Gallen, weil sie meint, sie sei zu Unrecht entlassen worden. Falls das zutrifft, hat sie Anspruch auf Lohn bis zum Ablauf der ordentlichen Kündigungsfrist und auf eine Entschädigung von bis zu sechs Monatsgehältern. Das würde für die Arbeitgeberin ziemlich teuer. Die in Teilzeit Beschäftigte war nämlich im Moment der Entlassung gerade schwanger und damit könnte ihr erst 16 Wochen nach der Geburt des Kindes gekündigt werden. Sie fordert insgesamt rund 15 000 Franken. Am Verfahren beteiligt sich auch die Arbeitslosenversicherung. Sie verlangt Ersatz für bereits ausbezahlte Taggelder von knapp 6000 Franken.

Die Rechtslage ist allerdings keineswegs klar. Die erste Frage heisst: War das wirklich eine unmissverständlich erklärte fristlose Entlassung oder bloss eine gewöhnliche Kündigung? Die zweite Frage lautet: Genügt der angeführte Grund? Nur schwere Fehler rechtfertigen eine sofortige Entlassung ohne vorangegangene Verwarnung. Gemeint sind insbesondere Straftaten, auch krasse Ehrverletzungen, wobei es aber immer auf die Umstände und gelegentlich auf die Empfindsamkeit des Gerichts ankommt.

Die Risiken des Prozessierens sind nicht leicht abzuschätzen und deshalb entschliessen sich die Parteien zum Verhandeln. Die Taktik des Marktens um einen Geldbetrag besteht darin, eine möglichst günstige Position zu beziehen und dann schrittweise möglichst kleine Zugeständnisse zu machen. Die Anwälte beherrschen das perfekt: Sie loben die Grosszügigkeit ihrer Partei ekstatisch, lehnen die Vorschläge der Gegenpartei schockiert ab, machen ein allerletztes Angebot, packen die Akten zusammen, schliessen schon das Köfferchen – und bleiben dann doch am Tisch sitzen.

Ein mühsamer Handel

Was für die Anwälte ein professionelles Spiel ist, das ist für die Parteien bitterer Ernst. Sie bringen es fast nicht übers Herz, der Person, die sie so schmählich behandelte, entgegenzukommen, und mit jeder neuen Runde wird ihre Abneigung noch grösser.

Alle Beteiligten sind nahe daran, frustriert aufzugeben; nur die Richterin bleibt gelassen. Da wendet sich die Beklagte überraschend direkt an die Klägerin: «Verdient hast du zwar gar nichts, aber ich offeriere trotzdem 10 000 Franken, damit es endlich Ruhe gibt!» Eine solche runde Zahl hat magische Anziehungskraft und wird tatsächlich, nach einem letzten Aufschrei der Entrüstung, akzeptiert. Der Arbeitslosenkasse fallen 4200 Franken zu. Der Arbeitnehmerin bleibt der eher bescheidene Rest. Wenn sie zugleich etwas an Besonnenheit hinzugelernt hat, hat sich der Gang zum Gericht aber wohl doch ausgezahlt. Rolf Vetterli

Rolf Vetterli, alt Kantonsrichter, breitet in loser Folge Geschichten aus dem Alltag der Justiz aus. Sie sollen verständlich machen, wie Richter und Gerichte zu ihren Entscheiden kommen.

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