Die FDP-Retterin Jennifer Abderhalden will mehr

Jennifer Abderhalden hat den Freisinn vor einem Debakel bewahrt. Nun will sie auch den Nationalratssitz holen.

David Scarano
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Jennifer Abderhalden in ihrem Büro im St. Galler Rathaus. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Jennifer Abderhalden in ihrem Büro im St. Galler Rathaus. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Alibi-Kandidatin, Notnagel, unbeschriebenes Blatt: Solche Bezeichnungen hört keine Politikerin, kein Politiker gern. Für Jennifer Abderhalden waren sie Mitte August aber Realität, als sie sich kurzerhand als FDP-Nationalratskandidatin zur Verfügung stellte. Sie sprang für Daniela Merz ein, die wegen gesundheitlicher Probleme das Handtuch geworfen hatte.

Eine solche Ausgangslage hat aber auch eine positive Seite: Als Last-Minute-Kandidatin, die einen Nationalrat herausfordert, kann die 41-Jährige mit einer Portion Goodwill und Sympathie rechnen. Wer seine Partei vor einem Debakel bewahrt, dem wird einiges verziehen, auch dass sie politisch noch wenig Spuren hinterlassen hat.

Zudem dürfte die Erwartungshaltung vielerorts nicht zu gross sein: Als Aussenseiterin kann sie gegen SVP-Nationalrat David Zuberbühler unabhängig des Resultats eigentlich nur gewinnen. Doch wer mit der FDP-Politikerin über Wahlkampf, Motivation und Aussichten spricht, merkt bald, es geht ihr nicht um den Olympischen Gedanken: Mitmachen ist für sie nicht alles.

Kandidatur zunächst ausgeschlagen

Die Speicherer Kandidatin mit Gaiser Wurzeln erwähnt den Erwartungsdruck, mit dem sie leben muss. Das hat mit dem Selbstverständnis der FDP zu tun, die als ehemalige Staatspartei stets Wahlsiege einfordert. Es hängt aber auch von Jennifer Abderhalden und ihrem Ehrgeiz ab. Sie sagt:

«Ich trete nur an, weil ich gewinnen will. Zum blossen Mitmachen ist der Aufwand viel zu gross.»

Die Ankündigung überrascht in dieser Deutlichkeit. Nicht weil sie das Rüstzeug für eine Politkarriere nicht mitbringen würde. Als Juristin und Betriebswirtschafterin kennt sie sich mit Gesetzbüchern und Zahlen aus – fast ideale Voraussetzung für die heutige Politik. Sie gehörte auch von Anfang an zum engen Kreis der möglichen FDP-Kandidatinnen.

Nach dem Ausscheiden von Kronfavoritin Daniela Merz hatte sich Abderhalden aber zunächst gegen eine Kandidatur entschieden. Wegen der Familie und des fordernden Vollzeitberufs als rechte Hand des St.Galler Stadtpräsidenten betrachtete sie einen möglichen Wahlkampf als unüberwindbares Hindernis. Nach Gesprächen mit Freunden und Arbeitskollegen sah sie ein, wie sie erzählt, dass «jetzt der richtige Zeitpunkt» gekommen sei. Sie meint nicht nur die Tatsache, dass sie sich das Feld nur mit einem Kandidaten teilen muss.

Sie verweist ebenso auf das Jahr der Frauen. Mit Blick auf den rein männlichen Ausserrhoder Regierungsrat sagt sie: «Es ist Zeit für eine Ausserrhoder Nationalrätin.» Das Thema «Mehr Frauen in der Politik» liegt Abderhalden am Herzen. Seit einem Jahr engagiert sie sich als Vorstandsmitglied in der Ausserrhoder Frauenzentrale. Abderhalden nennt noch weitere Gründe für die Kandidatur: Sie wolle eine Auswahl bieten und den Kanton besser repräsentieren.

«Wir haben nur einen Sitz in der grossen Kammer. Es braucht deshalb einen Nationalrat, der so viele Ausserrhoderinnen und Ausserrhoder wie möglich vertritt.»

Wegen der unglücklichen Wahlkampfstrategie der FDP bleiben Abderhalden nur wenige Wochen, um ihre grösste Schwäche, die Unbekanntheit, zu korrigieren. Sie fängt im Wahlkampf «bei null an», wie sie sagt, da weder Stab noch Slogan bereitstanden. Die 41-Jährige wird sich so oft wie möglich unter das Volk mischen, den Kontakt suchen, mit Menschen reden – über deren Wünsche und Sorgen, über sich und ihre Motivation, über ihre Wurzeln in Gais und den Job in St. Gallen.

Wie würde sich Jennifer Abderhalden selber beschreiben? Als neugierig und spontan, ehrgeizig und zielgerichtet, sie lache auch viel, sagt sie – und lacht. Aufgewachsen ist Abderhalden in Gais. Nach der Kanti in Trogen absolvierte sie das Lehrerseminar. In Innerrhoden machte sie ihre ersten Erfahrungen als Primarlehrerin, rasch war ihr aber klar, dieser Weg war nichts für sie. Dennoch blieb sie dem Beruf ein Stück weit treu. Als Aushilfskraft mit Stellen in Herisau und Teufen finanzierte sie sich ihr Doppelstudium, das sie nach den Erfahrungen in Innerrhoden in Angriff genommen hatte.

An der HSG studierte sie Rechtswissenschaften, später Rechnungs- und Finanzenwesen. Der berufliche Weg führte sie kurz nach Herisau in die Kantonalbank und dann an die Fachhochschule in St. Gallen, wo sie unter anderem die berufliche Grundbildung leitete und die Projektleitung für den Zusammenzug aller Standorte an die jetzige Stätte am Bahnhof innehatte. Seit 2006 lebt sie in Speicher, seit 2016 ist sie Stabschefin der Direktion Inneres und Finanzen der Stadt St.Gallen.

Während ihres Zweitstudiums wurde sie schwanger. Die alleinerziehende Mutter wählte einen alternativen Bildungsweg für ihr Kind. Als Lehrerin war sie von der Erziehungsmethode Maria Montessoris derart begeistert, dass sie fand, ihre Tochter eine solche geniessen sollte. «Meinen Entscheid auf private Schulen zu setzen, richtet sich aber nicht gegen unsere Volksschulen. Die sind gut», sagt sie und tönt ganz wie eine Politikerin.

Abderhalden mag in Ausserrhoden als öffentliche Figur ein unbeschriebenes Blatt sein, die Politik ist aber ihr tägliches Brot. Als Stabschefin muss sie wie eine Politikerin denken. Sie bereitet die Entscheidungsgrundlagen für den Stadtrat vor, muss wissen, wo Schwachstellen sind und wie sie am besten Mehrheiten schaffen kann. Sie sagt:

«Bereits als Studentin war ich von der Politik fasziniert.»

So war sie bei den Jungfreisinnigen aktiv und später Gründungsmitglied der FDP Frauen St.Gallen. Der FDP Speicher gehört sie seit 2012 an. Im Gespräch betont Abderhalden auffällig oft, sie sei mit ganzen Herzen freisinnig. Sie lobt die Eigenverantwortung sowie die persönliche Freiheit und setzt sich für weniger Bürokratie ein. Diese ausgeprägte Positionierung hängt wohl damit zusammen, dass sie auf keinen Fall als Linke betrachtet werden will.

Man hat ihr bereits vorgeworfen, «eine Linke mit FDP-Logo» zu sein. Die FDP Ausserrhoden ist traditionell breit aufgestellt. Abderhalden sieht sich innerhalb der Partei dennoch eher links der Mitte. An der Delegiertenversammlung der EVP zeigte sich zudem, dass sie in ihren Grundsätzen freisinnig, aber wohl keine Parteisoldatin ist. Sie sprach sich entgegen der Meinung der Mutterpartei etwa für die Trinkwasser- sowie die Transparenz-Initiative aus und bejahte ein Verbot von Tierversuchen. Diese Unabhängigkeit passt zu ihrem Credo. Sie sagt:

«Ich lasse mir nicht gerne etwas vorschreiben.»

Für aktive Klima- und Umweltpolitik

Ihre Chancen auf den Wahlsieg im Oktober hängen stark von den Stimmen der Linken ab, das weiss die FDP-Kandidatin. Mit der SP teilt sie sich einige Ziele. Abderhalden fordert ebenfalls eine aktive Klima- und Umweltpolitik. «Meine Tochter hat Anrecht auf eine intakte Natur», sagt Abderhalden. Allerdings steckt sie bei dieser Thematik im Dilemma. «Ich reise gerne», gibt sie zu.

Die Freisinnige setzt sich zudem für die Chancengleichheit von Männern und Frauen ein. Differenzen zur SP sieht sie beim Wie. Sie will als Liberale selbstredend wenig Staatseingriffe. Eine CO2-Lenkungsabgabe befürwortet sie nur, wenn die Mittel in die Forschung und Entwicklung fliessen. «Ich glaube an die Innovationskraft unserer Firmen», sagt sie.

Bei der Frauenförderung lehnt sie jede Art staatlicher Vorgaben ab, da sie selber «nie eine Quotenfrau» sein wolle. Gegen den nicht begründbaren Lohnunterschied setzt sie auf Eigenverantwortung und Aufklärung. «Wir müssen die Frauen motivieren und stärken, höhere Löhne zu fordern. Sie müssen lernen, sich geschickter bei Lohnverhandlungen anzustellen», sagt sie. Dass sie mit dieser Haltung bei den Linken nicht gross punkten dürfte, nimmt sie in Kauf:

«Ich verbiege mich nicht.»

Kraft tankt Jennifer Abderhalden beim Joggen, Nähen und bei Spaziergängen in der Natur mit Hund Malaika. In rund sechs Wochen wird gewählt. Und trotz Spätstarts ist die FDP-Kandidatin zuversichtlich. Auf die Frage, wie sie ihre Siegeschancen einschätzt, sagt sie: «Es wird ein harter Weg, aber es könnte klappen.»