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Die fanatischen Schulreformgegner

THAL. Irritation über die Lehrplan- und HarmoS-Gegner «Starke Volksschule»: Das sektiererische Auftreten der Thaler Schulräte stört Lehrkräfte, Bildungsbehörden und Politiker bis hin zu bürgerlichen Kantonsräten. Nun ist Vereinschef Michael Fitzi unter Protest aus der CVP ausgetreten.
Marcel Elsener
Von Lehrplangegnern vielbesuchtes Podium der CVP-Frauen am 24. Oktober in Rorschach: Vereinspräsident Michael Fitzi als Vertreter der Kritiker mit Ruth Fritschi (rechts), Mitglied der Geschäftsleitung des Lehrer-Dachverbands LCH, und Moderatorin Monika Lehmann (links). (Bild: Linda Müntener)

Von Lehrplangegnern vielbesuchtes Podium der CVP-Frauen am 24. Oktober in Rorschach: Vereinspräsident Michael Fitzi als Vertreter der Kritiker mit Ruth Fritschi (rechts), Mitglied der Geschäftsleitung des Lehrer-Dachverbands LCH, und Moderatorin Monika Lehmann (links). (Bild: Linda Müntener)

«So kann es nicht weitergehen.» Robert Raths, Gemeindepräsident in Thal und FDP-Kantonsrat, macht aus seiner Verärgerung keinen Hehl: «Wenn ich von Fraktionskollegen auf unseren Schulrat angesprochen werde, ist das unangenehm. Es gibt mir zu denken, wie forsch, ja frech gegenüber gestandenen Politikern und resistent gegenüber Anmahnungen diese Gruppe vorgeht und welche Leute da im Hintergrund agieren.»

Raths spricht von einer Gruppierung, die in den letzten Monaten viel Aufmerksamkeit erheischt hat: der von den Thaler Schulräten Michael Fitzi (Präsident) und Heinz Herzog (Vize) geführte St. Galler Verein «Starke Volksschule», der gegen den Lehrplan 21 wirbelt und Unterschriften für den Ausstieg des Kantons aus dem HarmoS-Schulkonkordat sammelt. Fünf von sieben Thaler Schulräten gehören zu den Erstunterzeichnern der Anti-HarmoS-Initiative.

Weil Thal mittlerweile eine Einheitsgemeinde ist, lässt das unüberhörbare Engagement der Schulräte den Gemeinderat nicht kalt: «Zwar ist der Schulrat vom Volk gewählt, und klar sind das auch Privatpersonen», sagt der Gemeindepräsident, «doch in schulpolitischen Fragen sollten sie möglichst neutral sein.»

Aus der CVP ausgetreten

Raths Bitten, die Bedenken gegenüber der Reform doch in der Vernehmlassung respektive über den Schulträgerverband einzubringen, wurden ignoriert. Schulratspräsident Heinz Herzog, mit dem Raths «sonst gut zusammenarbeitet», riskiert in diesem Fall den offenen Konflikt mit den Behördenkollegen. In ihrem Widerstand hätten Herzog (aktiv bei der Freien Evangelischen Gemeinde Rheineck) und seine Mitstreiter einen «sektiererischen Touch», stellen diverse Politiker besorgt fest. Darunter CVP-Kantonsrat Felix Bischofberger aus dem Thaler Ortsteil Altenrhein. «Aufgrund der haarsträubenden Botschaften, die mir Michael Fitzi zusandte, mit Verweisen auf jesus.ch, fragte ich ihn, in welcher Sekte er denn gelandet sei», sagt Bischofberger. «Man kann über Sexkoffer oder Genderstoff kritisch diskutieren, aber nicht in dieser fanatisierten Form.» Weil die CVP-Fraktion vor Wochenfrist wie die Ratsmehrheit die SVP-Motionen gegen Lehrplan und HarmoS ablehnte, trat Fitzi umgehend aus der CVP aus. Er habe dem Schulrat in einem längeren Gespräch geraten, «sich nicht instrumentalisieren zu lassen», sagt Bischofberger, «doch er hatte kein Gehör». In der CVP Thal nimmt man Abstand von den Umtrieben des Schulrats. Man schäme sich für die Verbindungen zu dubiosen Kreisen, belegt etwa in Fitzis Facebook-Empfehlungen für Beiträge auf Klagemauer.tv, dem TV-Kanal der Walzenhauser Predigerfamilie Sasek, heisst es.

Im rechten Dunstkreis

Anzeichen für die Verortung der selbsternannten Volksschulverstärker im rechten Dunstkreis gibt es seit einiger Zeit – mit wenigen Google-Klicks lassen sich bei den meisten Vorstandsleuten Kontakte herstellen zum «Netzwerk der Lichtscheuen» (NZZ-Titel) im Umfeld von SVP-Polterern alter Schule à la Ulrich Schlüer, Vordenkern des aufgelösten Vereins Psychologischer Menschenkenntnis (VPM) und seiner Nachfolger wie «Bürger für Bürger». Allen voran betrifft dies den jüngst wegen der Verspottung von Ebola-Opfern abgesetzten Mediensprecher Daniel Trappitsch, der nach wie vor als HarmoS-Ausstieg-Unterzeichner auftritt. Man sollte dessen «fein gesponnenes, weitverzweigtes Netzwerk nicht unterschätzen», warnt der frühere «Blick»-Chef Jürg Lehmann. Zweites Beispiel: Aktuar Daniel Jenny schreibt in den «Zeit-Fragen», der von VPM-Frau Erika Vögeli publizierten «Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung».

Aufmarsch in Rorschach

Man müsse die «unfundierte Meinungsmache dieser speziellen Schichten entlarven» und ihre «wirklichen Absichten offen legen», forderte der Kirchberger Schulleiter und SP-Kantonsrat Donat Ledergerber im Rat. «Es kann nicht sein, dass irgendwelche rechtskonservativen Kreise und freikirchliches Gedankengut die jahrelange professionelle Arbeit am neuen Lehrplan aus ideologischen Gründen torpedieren.» Dass sich Ideologie und Bildung schlecht vertragen, zeigte sich an einem Podium zum Lehrplan Ende Oktober in Rorschach. Lokale CVP-Frauen hatten Kritiker Fitzi zusammen mit der Dussnanger Heilpädagogin Ruth Fritschi eingeladen, die als GL-Mitglied des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz und langjährige Projektbegleiterin das Pro-Referat hielt. Dabei musste sie «irritiert feststellen, dass nicht wie erwartet vorwiegend CVP-Frauen» erschienen, sondern «sich der Abend in eine interne Interessenversammlung verwandelte. Die meisten Anwesenden kannten sich.» Die kräftig mobilisierten Gegner scheuten sich nicht, laut zu intervenieren und Propaganda zu verteilen – Broschüren des VPM-nahen Vereins Jugendberatung oder der rechtskonservativen Autorin Gabriele Kuby. Ein «eher unheimlicher Aufmarsch», meint eine jüngere Zuhörerin.

Der Kanton hält sich zurück

Bildungsnahe Personen und ehemalige oder noch aktive Thaler Lehrerinnen und Lehrer bestätigen die Einflussnahmen des Schulratspräsidenten, wenn es um Religion, Geschichte oder Sexualunterricht ging. Mehrfach erwähnt wird der einige Jahre zurückliegende Fall des Oberstufen-Musicals «Tanz der Vampire», das Herzog aufgrund angeblicher Gotteslästerei verbieten wollte und sich dann wegen eines drohenden Medienskandals auf Textänderungen beschränkte. Von Machtdemonstrationen, Maulkörben, abfälligen Bemerkungen (etwa über Homosexuelle) und inakzeptabler Methodenkritik ist die Rede.

Fragwürdige Schulratsmanöver, die lokal seit längerem Argwohn erwecken, aber noch nie aufsichtsrechtlich wahrnehmbar geworden sind, wie es beim Kanton heisst. Dort ist man zurückhaltend mit «Maulkörben für Schulbehörden», zumal es nach Aufhebung der Bezirksschulräte und der regionalen Schulaufsicht derzeit zwischen Schul- und Erziehungsrat kein Gremium für Beschwerden gibt. Man habe Kenntnis genommen von der Thaler Weigerung, eine Person zu bestimmen, die für die Einführung des Lehrplans zuständig sei, sagt Jürg Raschle, Generalsekretär des Bildungsdepartementes. Es sei eine vorsorgliche Planung, reagieren müsste man erst bei einer Verweigerung der Mitarbeit ab Sommer 2015. «Wir wollen zum jetzigen Zeitpunkt die Basis motivieren und nicht unter Druck setzen. Wir konzentrieren uns auf die Sache – auch im Sinne der EDK.»

Derweil droht der Konflikt in Thal zu eskalieren. Vom romantischen «Asterix und Obelix»-Bild des gallischen Dorfs, das sich den römischen Obrigkeiten widersetzt, will die Bevölkerung wenig wissen. Die Frage ist nun, wie sich Fitzi und Herzog in nächster Zukunft verhalten.

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