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Nach den jüngsten Skandalen: Die Wirtschaftsethik an der HSG ist gefragter denn je

Die Affären an der Universität St. Gallen rücken die Wirtschaftsethik in den Fokus. Das in diesem Jahr 30-jährige Institut hat seine Wirkung verstärkt, die Wahlpflichtkurse sind gut besucht und sein Fachgebiet wird ab 2020 wieder Pflichtstoff im BWL-Studium. Finanzmissbräuche am eigenen Institut weist es entschieden zurück.
Marcel Elsener
Seit 30 Jahren eben kein Witz mehr an der HSG: Das Institut für Wirtschaftsethik in St. Gallen-Rotmonten. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Seit 30 Jahren eben kein Witz mehr an der HSG: Das Institut für Wirtschaftsethik in St. Gallen-Rotmonten. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Ethik für Wirtschaftsstudenten? Am Anfang war das an der HSG ein böser Witz, der jüngst prompt wieder die Runde machte. Da meint ein Student zum Professor, er wolle Wirtschaftsethik studieren, worauf ihm beschieden wird, dass er sich für das eine oder andere entscheiden müsse. Der damalige Rektor Alois Riklin erwähnte dies, als er 1983 die «Forschungsstelle für Wirtschaftsethik» einrichtete. Eine kirchliche Kommission hatte die Förderung der Sozial- und Wirtschaftsethik empfohlen, Grundlage war eine Motion im katholischen Parlament. 1987 schuf die HSG einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik, auf den der St. Galler Peter Ulrich berufen wurde, 1989 gründete sie das entsprechende Institut.

30 Jahre später alles nur ein Witz, die Ethik an der Wirtschaftsuni «rausgeworfenes Geld und für die Katz», wie Leserbriefschreiber in dieser Zeitung meinen? Und die HSG nur die Bestätigung ihrer ärgsten Klischees wie einer «Abzockerschmiede», ja eines «Saustalls der Selbstbereicherung»? In der Öffentlichkeit verhärtete sich aufgrund der jüngsten Skandale um Spesenmissbräuche, überzahlte Verwaltungsratsmandate und fragwürdige Sponsoren der Eindruck, dass sich auf dem Rosenberg «Gierlinge ihr Rüstzeug holen» – HSG-Absolventen wie «Ackermann, Vincenz und Konsorten» bewiesen, «dass das bestens funktioniert», wie ein Leser schrieb.

Von anfänglicher Häme zu ernsthaften Einsichten

Ein absurder Fehlschluss, wehrt sich Peter Ulrich, die Ethik habe sich als Pflichtbaustein des Grundstudiums erst in den 1990er-Jahren etabliert: «Dass die genannten Herren der alten Schule noch gar nichts von Wirtschaftsethik mitbekommen haben, ist kein Argument gegen, sondern vielmehr eines für die unverzichtbare Integration der Ethik in das Wirtschaftsstudium.» Inzwischen haben laut dem seit 2009 emeritierten Wirtschaftsethiker Generationen von Absolventen «Impulse erhalten, die manche von ihnen als prägend für ihr Verständnis von guter Unternehmensführung einerseits und von einer gesellschaftsdienlichen Wirtschaftsordnung andererseits verinnerlicht haben». Allerdings gebe es, räumt Ulrich ein, zwischen den vermittelten wirtschaftsethischen Einsichten und «den in manchen anderen HSG-Fächern gelehrten Konzepten oft erhebliche Dissonanzen».

Ethik interessiert jene Wirtschaftsstudenten, die «salopp gesagt nicht einfach Geld verdienen und Karriere machen wollen», sagt Ulrich. Viele seiner 50 Doktoranden seien statt in Kapitalgesellschaften heute im öffentlichen Dienst, in Stiftungen, Verbänden oder verantwortungsbewussten Unternehmen tätig. Um besagte Dissonanzen auszugleichen, müsste die Wirtschaftsethik an der HSG als Pflichtstoff verankert werden. Das war zeitweise der Fall: Das Grundstudium der Betriebswirtschaftslehre (BWL) enthielt als obligatorisches Modul «Das Unternehmen in der Gesellschaft» mit je drei Doppelstunden Vorlesung und Übungen. Für Praxisbezug sorgten Fallstudien zum Babymilch-Skandal von Nestlé oder zu Ölkatastrophen von Shell. Bevor die Finanzkrisen von 2001 und 2008 auch die akademische Welt erschütterten, hatte die Wirtschaftsethik einen schweren Stand: Einerseits schlug ihr «eine gewisse Häme» seitens eines Teils der Studenten entgegen, andererseits intervenierten Firmen beim Rektorat, wenn ihr die Kritik nicht passte. Die Unileitung sei aber «immer standhaft» geblieben, sagt Ulrich. Mit einer schlagzeilenträchtigen Ausnahme: 2009 bei der Kritik des IWE am Bank- respektive Steuerhinterziehungsgeheimnis, die zur Entlassung von Vizedirektor Ulrich Thielemann führte.

Aufgrund der Studienreform 1999/2000 war die Wirtschaftsethik aus dem Pflichtstudium gefallen. Seither erreicht sie als Wahlpflichtfach nur jene Studenten, «die schon sensibilisiert sind für ihre Anliegen». Gemäss Ulrich wäre es an der Zeit, die ethischen Grundlagen in BWL und VWL zu integrieren. Denn «Wirtschaften heisst Werte schaffen», erklärt er. Ethik sei nicht bloss «äusseres Korrektiv der ökonomischen Denkmuster, quasi moralisches Adblue zum Diesel der Gewinnmaximierung», sondern notwendige Voraussetzung für kritische Reflektion – «der Inbegriff jedes akademischen Studiums».

Im «Kulturwandel» der HSG ist die Ethik gefragter denn je

Nun scheint der Zeitpunkt für einen besseren Stand der Ethik an der HSG günstig: Aufgrund der jüngsten Affären bemüht sich die Uni um einen «Kulturwandel». Ist die Wirtschaftsethik intern entsprechend gefragter – und laufen Bestrebungen, das Fachgebiet im obligatorischen Grundstudium von BWL und VWL zu installieren? Die Fragen gehen an Florian Wettstein, einen der beiden Lehrstuhlinhaber seit 2011, und als HSG-Wirtschaftsethiker im Komitee der Konzernverantwortungs-Initiative – «unbedenklich» für seine Professur, wie er abwinkt. «Die Zeiten haben sich geändert, wir sind noch nie zurückgepfiffen worden.» Wenn es um die aktuellen Missbräuche geht, wird er allerdings vorsichtig – nicht weil die Finanzkontrolle auch das eigene Institut rügt (siehe Infobox), sondern weil man «zu wenig Information hat, um sich ein ganzes Bild zu machen» und weil – wie im Fall Rüegg-Stürm – noch Untersuchungen laufen. In den Bestrebungen für bessere Regeln und mehr Transparenz punkto Nebenbeschäftigungen, Spesen und Institutstätigkeiten habe die Wirtschaftsethik kein Mandat, aber sie sei in den Kommissionen für die künftigen Prägungen der HSG vertreten. «Da ist bewusst jemand von uns drin, schliesslich geht es um Werteentwicklung, wozu wir schon etwas sagen können.»

Florian Wettstein Wirtschaftsethiker an der HSG

Florian Wettstein Wirtschaftsethiker an der HSG

Den Eindruck, die Ethik an der HSG laufe auf Sparflamme, widerlegt Wettstein: Alle 30 Wahlpflichtkurse zu Themen wie Nachhaltigkeit seien «extrem gut belegt», die Nachfrage steige ständig. Und tatsächlich gibt es ab 2020 ein Pflichtmodul «Unternehmensverantwortung» im BWL-Studium. Die Vorstösse für Pflichtkurse seien jedoch ein «zweischneidiges Schwert»: Das kleine Institut leiste bereits heute mehr als vorgegeben. In den für die Stellung der Universität relevanten wissenschaftlichen Leistungen habe man «in den letzten acht Jahren einen Riesenschritt vorwärts gemacht und ist heute in der internationalen Diskussion fest etabliert». So ist das HSG-Institut an den grossen Wirtschaftsethikkonferenzen vertreten oder organisiert selbst einschlägige internationale Symposien. Auch gibt das IWE zwei wissenschaftliche Journals heraus, publiziert regelmässig Bücher sowie Artikel in den wichtigsten Zeitschriften des Fachgebiets. Momentan baue man in Kamerun ein Ethikzentrum auf und habe am Institut soeben ein Kompetenzzentrum für Afrikaforschung eröffnet.

«Als Wirtschaftsethiker ist man ein Störenfried»

Ein Ausbau der Wirtschaftsethik an der HSG ist laut Ulrich eine «Frage des hochschulpolitischen Willens». Der «Kulturwandel» könnte helfen. Florian Wettstein und Thomas Beschorner sowie Martin Kolmar als dritter Direktor des Instituts stellen sich wie ihre Vorgänger bewusst in die Tradition kritischer Wirtschaftsethik, wie sie auf der Website schreiben: «Als Wirtschaftsethiker ist man ein Störenfried, denn es ist die Aufgabe dieser Profession, kritische Fragen gegenüber der vorhandenen Wirtschaftsordnung und -theorie aufzuwerfen.» Zehn Jahre nach der unrühmlichen Schelte des Rektorats gegen Thielemann sind die Störenfriede gefragter denn je.

100 Franken für den Blindenhund

Auch das Institut für Wirtschaftsethik (IWE) taucht im kritischen Revisionsbericht der kantonalen Finanzkontrolle auf. In der Öffentlichkeit wurde dies je nach Standpunkt mit Häme oder Enttäuschung registriert. Nur: Die festgestellten Mängel seien «Petitessen, nichts Schwerwiegendes», meint der frühere Institutsdirektor Peter Ulrich. Grösstenteils handelt es sich schlichtweg um verwaltungstechnische Unklarheiten. «Natürlich wäre es eine tolle Story, wenn man sagen könnte: Sogar in der Ethik an der HSG...», sagt IWE-Direktor Thomas Beschorner. «Damit können wir aber nicht dienen. Es gibt keinerlei finanzielle Missbräuche am IWE.» Die Beanstandungen beträfen administrative Fragen, wie nicht klar gekennzeichnete Rückstellungen für künftige Projekte. Gleiches gilt für Honorare einer Weiterbildung, deren Auszahlung «unterschiedlich interpretiert» wurde. «Wir haben sofort reagiert und klären die Formalitäten, aber niemand hat mehr für sich beansprucht als erlaubt.»

Kurios ist eine Privatauslage von 100 Franken auf einer Hotelrechnung, die Beschorner selber betreffen. Es geht um vier Nachtzuschläge von je 25 Fr. für einen Blindenhund in Ausbildung, den der Professor bei einer Tagung der Uefa in Nyon mitführte. Beschorner engagierte sich ein Jahr lang ehrenamtlich als Hundepate mit der Aufgabe, den jungen «Kalle» auf seine Tätigkeiten als Blindenführhund vorzubereiten. «Deshalb war Kalle immer und überall dabei», sagt Beschorner. «Der Posten auf der längeren Hotelrechnung ist mir schlicht durch die Lappen gegangen. Selbstverständlich habe ich den Betrag sofort zurück überwiesen.» Wahrlich eine Petitesse – oder Hundeposse. (mel)

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