Die ETH ist doch schon da

ST. GALLEN. Politiker, Wirtschaftsführer und Hochschulvertreter sind gespalten, was die IHK-Idee einer «ETH Science City Wil» angeht. Der ETH-Bereich sei mit der Empa bereits in St. Gallen vertreten. Ihm müsse man Sorge tragen.

Christoph Zweili
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Die ETH, im Bild das Hauptgebäude, ist heute mit der Forschungsinstitution Empa in St.Gallen vertreten. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Die ETH, im Bild das Hauptgebäude, ist heute mit der Forschungsinstitution Empa in St.Gallen vertreten. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Wil als ETH-Standort – der St.Galler Stadtrat Fredy Brunner gewinnt der Idee nicht viel ab: «Ein ETH-Standort in der Ostschweiz macht wenig Sinn. Wir können uns nicht leisten, die Grundlagenforschung zu dezentralisieren.» Die Schweiz sei nicht Amerika: Es sei für hiesige Verhältnisse bereits ein Luxus, dass es mit Lausanne und Zürich zwei Standorte für die Eidgenössische Technische Hochschule gebe. «Wir sind froh, dass die Empa in St.Gallen ist, und wir müssen dafür sorgen, dass sie auch hier bleibt», sagt Brunner. Was in der Ostschweiz aber klar fehle, sei der architektonisch-musisch-gestalterische Bereich.

Innovationspark als Brücke

Der St.Galler Volkswirtschaftschef Benedikt Würth sieht das ähnlich. Statt einer ETH Ostschweiz brauche es Kooperationen mit Lausanne und Zürich: «Wir treffen uns nächsten Frühling mit dem neuen Präsidenten der ETH Zürich, Lino Guzzella. Zentral für uns ist, dass der Technologietransfer zwischen den Ostschweizer Unternehmen und der ETH künftig noch effizienter erfolgt.» Eine Brücke dafür sei der angedachte nationale Innovationspark auf dem Tagblatt-Areal, an dem die Empa mitbeteiligt sei. Für Würth geht es darum, «die erreichte Qualität in der Forschung zu sichern und sie nicht durch zu viele Institutionen nach unten zu nivellieren.»

Der St.Galler alt Regierungsrat Peter Schönenberger begrüsst, «dass die IHK St.Gallen-Appenzell mit Thesen operiert». Aber man solle sie auch kritisch hinterfragen dürfen. «Wenn der universitäre Bereich in der Ostschweiz ausgebaut wird, müssen auch genügend Maturanden ausgebildet werden. Es ist stossend, wenn die fast gleichen Kreise auf der einen Seite festhalten, es spiele keine Rolle, wie hoch oder wie tief unsere Maturaquote ist, auf der andern Seite aber einen ETH-Ableger fordern.»

Auch Erich Zingg, Geschäftsführer und Inhaber der Firma Zingg Industrieabfälle in Tübach, gefällt die Idee einer ETH Ostschweiz nicht. «Die Forderung steht im luftleeren Raum», sagt er. «Die Ostschweiz kann keine ETH fordern und morgen steht sie da. Die Ostschweiz muss neue Ideen entwickeln. Das ist besser, als um etwas zu buhlen, das andere bereits haben.»

«Erfrischend und bestechend»

Markus Probst, General Manager des Engineering-Unternehmens Micropool in Bad Ragaz, findet die Idee der IHK «erfrischend». Für Christof Stürm, CEO der Steinemann Technology AG in Winkeln, ist sie gar «bestechend. Gerade für Disziplinen im Bereich von Engineering, industriellen Prozessen oder neuen Materialien wäre ein Ostschweizer ETH-Standort sinnvoll», sagt er.

Auch für Erwin Beck, Rektor der Pädagogischen Hochschule St.Gallen, macht ein auf Engineering orientiertes ETH-«Zweig»-Institut Sinn. «Voraussetzungen sind Qualität und das Mitwirken der industriellen Player wie der Politverantwortlichen der Ostschweiz. Ein Zusammenspiel verschiedener artverwandter Kräfte wie es auch beim Forschungs- und Innovationszentrum Rhysearch am NTB Buchs zum Tragen kommt.» Auf dem Podium sei die ETH-Idee «nur lau diskutiert» worden, rügt Beck. Wie das Beispiel Lausanne zeige, brauche es aber Leidenschaft, um grosse Projekte an Land zu ziehen.

Das täte auch der Ostschweiz gut, findet HSG-Prorektorin Ulrike Landfester. Die Universität St.Gallen kooperiere bereits mit dem Singapur Campus der ETH – «und wir haben gerade beschlossen, diese Kooperation weiter zu verstärken».