Die entscheidenden 600 Meter Gleis:
Paul Rechsteiners Kampf im Ständerat um Doppelspur-Ausbau in Rorschach

Nach Karin Keller-Sutters Wechsel in den Bundesrat weibelt Paul Rechsteiner im Ständerat allein für ein besseres Bahnangebot in der Ostschweiz. Am Donnerstag entscheidet die kleine Kammer über den Doppelspurausbau in Rorschach, der internationale Bedeutung hat.

Adrian Vögele, Bern
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Der einspurige Gleisabschnitt in Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

Der einspurige Gleisabschnitt in Rorschach. (Bild: Urs Bucher)

Hier fahren sie alle einspurig, egal ob Bummler oder Eurocity: Die Bahnstrecke zwischen den Bahnhöfen Goldach und Rorschach ist die letzte Doppelspur-Lücke auf der gesamten Schweizer West-Ost-Transversale. Dem Ausbau des Teilstücks zwischen Goldach und Rorschach-Stadt steht immerhin nichts mehr im Weg: Das Bundesgericht hat eine lokale Einsprache Ende vergangenen Jahres abgelehnt.

Damit bleiben noch die 600 Meter bis zum Rorschacher Hauptbahnhof. Für diesen Abschnitt ist die Erweiterung auf zwei Gleise noch nicht beschlossen. Heute Donnerstag entscheidet der Ständerat darüber, im Rahmen des Ausbauschritts 2035 der Bahninfrastruktur.

Paul Rechsteiner, St.Galler SP-Ständerat (Bild: Ralph Ribi)

Paul Rechsteiner, St.Galler SP-Ständerat (Bild: Ralph Ribi)

Dass die Ostschweizer Einspurinsel überhaupt zur Debatte steht, dafür hat der St. Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner gesorgt. Er stellte einen Antrag in der Verkehrskommission, der mit 8 zu 4 Stimmen angenommen wurde – gegen den Willen des Bundesrats. Damit sei die Diskussion in der kleinen Kammer aber noch nicht gelaufen, sagt Rechsteiner. «Das ist ein Kraftakt. Regionale Sensibilitäten spielen eine grosse Rolle.» Die Situation sei ähnlich wie damals, als er gemeinsam mit Karin Keller-Sutter die Verbesserungen auf der Rheintallinie und den halbstündlichen Interregio Chur-St. Gallen-Zürich erkämpft habe. «Wir waren ein schlagkräftiges Duo ­– nun bin ich leider allein», sagt Rechsteiner mit Blick auf den noch unbesetzten Ständeratssitz Keller-Sutters. Die finanziellen Dimensionen sind diesmal zwar etwas kleiner; der Rorschacher Ausbau kostet voraussichtlich etwa 30 Millionen Franken. Dennoch gibt es Widerstand: Vor allem Innerschweizer stören sich daran, dass die Doppelspur in Rorschach in diesem Ausbauschritt beschlossen werden soll, obwohl sie ursprünglich nicht vorgesehen war.

«Kleine Verspätungen haben enorme Auswirkungen»

Schon jetzt ist die Einspurinsel für den Verkehr ein Nadelöhr, und das Problem wird sich laut Rechsteiner zuspitzen. «Mit einer einzigen Spur haben bereits kleine Verspätungen enorme Auswirkungen.» Ohne die Doppelspur in Rorschach sei es nicht möglich, in Zukunft einen stabilen Fahrplan zu gewährleisten. Das betrifft vor allem auch die Verbindung Zürich-München: Ab 2020 verkehren die internationalen Züge sechsmal statt dreimal pro Tag, die Fahrzeit verkürzt sich um eine Stunde. «Das ist ein Quantensprung», sagt Rechsteiner. Umso wichtiger sei es, dass die Doppelspur zügig realisiert und damit der «Normalstandard» hergestellt werde. Spätestens im Jahr 2035 sollen die Züge nach München sogar stündlich fahren. Hinzu kommen dannzumal auf dem Rorschacher Abschnitt zwei Interregios und vier S-Bahnen pro Richtung, plus der Güterverkehr.

Bundesrat soll auf Ausbau in Deutschland hinwirken

Damit der Ausbau der Linie nach München vorankommt, fordert Rechsteiner vom Bundesrat eine aktivere Rolle. Die Regierung soll in Deutschland und allenfalls Österreich darauf hinwirken, dass die Infrastruktur möglichst rasch für den Stundentakt ausgebaut wird. Die Verkehrskommission des Ständerats verlangt – ebenfalls auf Rechsteiners Antrag – einen Bericht zum weiteren Vorgehen. «Es ist absurd, dass zwischen München und Zürich drei Fernbuslinien fahren», sagt Rechsteiner. Auch herrsche reger Flugverkehr zwischen den beiden Städten. «Dabei ist Zürich-München eine ideale Strecke für die Bahn.» Darüber hinaus müssten auch bessere Anschlüsse an die Schnellverbindung München-Berlin ein Ziel sein.

Der Bahn-Ausbauschritt 2035 – er ist insgesamt 12,8 Milliarden Franken schwer – sieht unter anderem höhere Kapazitäten und Beschleunigungen ab Winterthur nach Konstanz und Romanshorn vor. Auch zwischen Winterthur und St. Gallen tut sich etwas. Die Korridorstudie zur Beschleunigung der Verbindung sei nun zumindest aufgegleist, sagt Rechsteiner. Bislang hätten sich vor allem die Fahrzeiten zwischen Zürich und Winterthur verkürzt, während zwischen Winterthur und St. Gallen gefahren werde «wie im 19. Jahrhundert». Kürzere Fahrzeiten sind wichtig für den oft erwähnten künftigen Vollknoten St. Gallen mit schlanken Anschlüssen vom Fernverkehr auf die Regionallinien: Im Ausbauschritt 2035 werde erstmals anerkannt, dass dieser Vollknoten notwendig sei, sagt Rechsteiner. «Das ist aus Ostschweizer Sicht ein wesentlicher Schritt.» Nun gelte es, den politischen Druck hochzuhalten.

Ostschweizer Verkehrsdirektoren fordern Zustimmung

Die Ostschweizer Verkehrsdirektoren unterstützen Paul Rechsteiners Antrag für den Doppelspurausbau in Rorschach: In einem Schreiben an sämtliche Ständeräte rufen sie dazu auf, dem Vorhaben zuzustimmen. Die Kapazität der Bahnstrecke sei erschöpft. «Verspätungen wirken sich eins zu eins auf die Gegenzüge aus.» Mit einer Doppelspur ergäben sich neue Möglichkeiten, beispielsweise der Viertelstundentakt der S-Bahn zwischen St. Gallen und St. Margrethen. Ausserdem sei die Investition «aufwärtskompatibel» – sie werde auch in künftigen Ausbauschritten wertvolle Dienste leisten. Unterzeichnet haben die zuständigen Regierungsräte der Kantone St. Gallen, Thurgau, Glarus, Schaffhausen, Graubünden, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden. Auch die Fraktionen des St. Galler Kantonsparlaments haben im Hinblick auf die Beratung des Bahn-Ausbauschritts 2035 im Ständerat einen Brief nach Bern geschickt (Ausgabe vom 19. Februar): Sie fordern den Vollknoten in St. Gallen – mit schlankeren Anschlüssen etwa ins Rheintal. Die Vorarbeiten für die Beschleunigung der Strecke Winterthur–St. Gallen müssten Priorität haben. Nicht verwendete Kredite aus früheren Bauprogrammen könnten auf der Achse Winterthur-St. Margrethen eingesetzt werden. (av)