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Die Debatte über das digitale Klassenzimmer steht erst am Anfang

In der Öffentlichkeit ist die IT-Bildungsoffensive der St.Galler Regierung nahezu unbestritten. Einzig die Kleinpartei EDU und der Verein für eine Starke Volksschule St.Gallen mahnen zur Zurückhaltung. Junge Menschen sind allerdings zunehmend gestresst durch ihren privaten Mediengebrauch.
Michael Genova
Mit der IT-Bildungsoffensive will der Kanton St.Gallen seine Schülerinnen und Schüler zu «Gewinnern der Digitalisierung» machen. (Bild: Armin Weigel/DPA)

Mit der IT-Bildungsoffensive will der Kanton St.Gallen seine Schülerinnen und Schüler zu «Gewinnern der Digitalisierung» machen. (Bild: Armin Weigel/DPA)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Die IT-Bildungsoffensive soll den Kanton St.Gallen in die digitale Zukunft katapultieren. Mit einem Sonderkredit von 75 Millionen Franken will die Regierung sicherstellen, dass die jungen St.Gallerinnen und St.Galler zu den «Gewinnern der Digitalisierung» gehören werden. Inzwischen ist sogar Bundesbern auf das St.Galler Projekt aufmerksam geworden, der Wirtschaftsverband Economiesuisse ist begeistert und der «Tages-Anzeiger» orakelte diese Woche sogar von einem künftigen «Silicon Valley am Bodensee».

Im Kanton ist die Bildungsreform kurz vor der Abstimmung am 10. Februar nahezu unbestritten. Im Kantonsrat gab es keine Gegenstimmen zur Vorlage, und auch der kantonale Lehrerinnen- und Lehrerverband gab die Ja-Parole aus. Die Basis scheint diese Haltung zu stützen. Marc König, Rektor der Kantonsschule am Burggraben St.Gallen, spricht von einer «grossen Chance» für die IT-Entwicklung an den Schulen. Vor allem begrüsst er, dass die Offensive ihren Schwerpunkt bei der Aus- und Weiterbildung der Lehrer setzt, und nicht bei der technischen Infrastruktur.

Mit dem Tablet in der Hand zum Feldversuch

Marc König Rektor der Kantonsschule am Burggraben St.Gallen.

Marc König Rektor der Kantonsschule am Burggraben St.Gallen.

Seit zwei Jahren sind an der Kantonsschule am Burggraben Tablets obligatorisch. Die Schülerinnen und Schüler bringen ihr eigenes Gerät mit, zusätzlich dazu stehen ein Informatikzimmer und ein Informatiklabor zur Verfügung. König schätzt, dass mittlerweile in rund 80 Prozent der Lektionen Tablets zum Einsatz kommen. Allerdings nicht ausschliesslich. «Die Kombination von traditionellen und digitalen Lernformen ist die Zukunft», sagt er. Zum Beispiel im Biologieunterricht, wo Schulklassen zur Feldarbeit nach wie vor in die freie Natur gehen. Die Messdaten hingegen werden gleich mit dem Computer erfasst.

Auch CVP-Kantonsrat Sandro Hess sieht in der Digitalisierung die Chance, den Unterricht noch abwechslungsreicher zu gestalten. «Die Schwierigkeit besteht darin, den richtigen Mix zu finden», sagt er. Hess ist Schulleiter der Oberstufe Altstätten und bezeichnet die IT-Bildungsoffensive als eine «notwendige Massnahme». So würden viele Schülerinnen und Schüler nach ihrem Abschluss eine Lehre in einem digitalisierten Unternehmen antreten. «Die Berufswelt ist noch weit mehr im Wandel, als den meisten von uns bewusst ist», sagt Bildungspolitiker Hess.

Qualitätskontrolle für Lernapps

Bisher ging es in den Diskussionen zur IT-Bildungsoffensive vor allem um die Bedürfnisse der Wirtschaft, die Konkurrenzfähigkeit des Standorts St.Gallen oder um die Verteilung der Fördergelder. Eine öffentliche Grundsatzdebatte über Nutzen und Nachteile digitaler Lernmethoden kam bislang nicht in Gange. So plädiert zum Beispiel der deutsche Pädagoge Wolfgang Schimpf in einem Gastbeitrag in der «Süddeutschen Zeitung» für eine «digitalkritische Pädagogik». Schimpf fordert unter anderem, dass Bildungsbehörden neuartige Lernapps zuerst auf ihren didaktischen Mehrwert untersuchen und anschliessend mit einem Qualitätssiegel kennzeichnen.

Widerstand leisten im Kanton St.Gallen lediglich die Kleinpartei EDU und der Verein Starke Volksschule, der einen Austritt des Kantons aus dem Harmos-Konkordat gefordert hatte. Am Freitag hielt der St.Galler Pädagoge Mario Andreotti in Wil auf Einladung des Vereins einen Vortrag zur aktuellen Bildungspolitik. Der Buchautor war früher Lehrer an der Kantonsschule am Burggraben und Lehrbeauftragter für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität St.Gallen. Andreotti kritisiert vor allem, dass die IT-Bildungsoffensive flächendeckend eingeführt werden soll, also auch Kindergärtner und Primarschüler Zugang zum Computer haben sollen. Er sagt:

«Eine allzu frühe Digitalisierung schadet der kindlichen Entwicklung nachweisbar.»

Kinder müssten laut Andreotti zuerst eine gewisse intellektuelle Entwicklung durchlaufen, bevor sie sinnvoll an Computer arbeiten und mit Tablets umgehen können. «Das dürfte realistischerweise nicht vor dem zwölften Lebensjahr, in dem auch das abstrakte Denken einsetzt, der Fall sein», sagt er. In der Oberstufe der Volksschule und in Mittel- und Hochschulen hingegen kann sich Andreotti den Einsatz digitaler Lernmedien grundsätzlich in allen Fächern vorstellen. «Entscheidend ist dabei, dass sie nicht zum Selbstzweck, sondern als Hilfsmittel dienen.»

Schüler sind gestresst durch ständige Erreichbarkeit

Ähnlich argumentiert Oswald Hasselmann, leitender Arzt für Neuropädiatrie am Kinderspital St.Gallen. Denkbar sei der Gebrauch digitaler Lernmedien in höheren Klassen in allen gesellschaftlich orientierten Fächern. In naturwissenschaftlichen und technisch-orientierten Fächern könne der Zugang zu aktualisiertem Wissen den Schülern helfen, sich auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, sagt Hasselmann. Im Kleinkindalter sollten primär die unmittelbaren Sinneserfahrungen angesprochen werden, wie das Erleben von unterschiedlichen Oberflächen, Eigengewicht oder Geruch. Dadurch könnten die heranwachsenden Kinder zu einem späteren Zeitpunkt die virtuellen Informationen besser einordnen. «Aus medizinischer Sicht erlebe ich zunehmend eine Sogwirkung durch elektronische Medien», sagt Hasselmann. In Abhängigkeitssituationen habe sich das Lesen von Büchern und Schreiben auf Papier bei gleichzeitiger Medienpause als wirksam erwiesen.

Für Rektor Marc König ist klar, dass es nun mediendidaktische Konzepte für den Einsatz digitaler Lernmedien in der Schule brauche. Allerdings glaubt er nicht, dass diese Frage im Zentrum des politischen Prozesses stehen könne. Er sei überzeugt, dass die Schule auf diese Herausforderungen sinnvolle Antworten finden werde. Sorgen bereite ihm hingegen eine andere Entwicklung. «Die jungen Menschen sind durch ihren privaten Mediengebrauch zunehmend gestresst», sagt er. Wer zu einer Gruppe dazugehören wolle, müsse über sein Smartphone permanent erreichbar sein. Dazu komme der Druck, sich in sozialen Medien positiv präsentieren zu müssen. König sieht es deshalb auch als Aufgabe der Volksschule, im Unterricht kritisch über die Grenzen und Gefahren neuer Medien nachzudenken.

Eine Bildungsreform für die digitale Zukunft

Am 10. Februar stimmt die St.Galler Bevölkerung über die IT-Bildungsoffensive ab. Mit der Bildungsreform verfolgen Regierung und Kantonsrat zwei Ziele. Einerseits wollen sie dem Fachkräftemangel entgegenwirken und den Wirtschaftsstandort fördern, anderseits sollen Lehrpersonen und Lernende optimal auf den digitalen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft vorbereitet werden.

Mit einem Sonderkredit von 75 Millionen Franken sollen von 2019 bis 2026 eine Vielzahl von Bildungsprojekten gefördert werden. Die IT-Bildungsoffensive gliedert sich in fünf inhaltliche Schwerpunkte. Für die Volksschule und die Mittelschulen wird ein neues Kompetenzzentrum «Digitalisierung und Bildung» geschaffen. Es konzipiert Weiterbildungen für Lehrpersonen, unterstützt Modellschulen bei der Erprobung neuer Lernformen und entwickelt Lernmedien für den digitalen Unterricht. Für die Berufsbildung will der Kanton eine digitale Plattform ins Leben rufen. Sie soll die Zusammenarbeit von Lehrbetrieben, Berufsfachschulen und Branchenverbänden vereinfachen. Die drei kantonalen Fachhochschulen erhalten ein Kompetenzzentrum für angewandte Digitalisierung. Über die neue Plattform sollen im ganzen Kanton Fachhochschullehrgänge angeboten werden. An der Universität St.Gallen wird ein neuer Bachelor- und Masterstudiengang an der Schnittstelle zwischen Informatik und Betriebswirtschaftslehre aufgebaut. Schliesslich will der Kanton Wirtschaftspraktika fördern.

Ein Schwerpunkt der Bildungsoffensive liegt in der Weiterbildung. Für die Projekte in Volks- und Mittelschulen sind 19,4 Millionen Franken vorgesehen. Davon fliessen 10,8 Millionen Franken in Weiterbildungsprogramme für Lehrerinnen und Lehrer. (mge)

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