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Die Cozzios und die CVP: Wie eine St.Galler Familie in die Politik drängt

Nach dem Tod von Stadtrat Nino Cozzio wollen vier Familienmitglieder ein neues Kapitel aufschlagen.
Noemi Heule
Zwei Generationen, zwei Klein- und eine Grossfamilie: Rebecca und Bruno Cozzio aus Henau sowie Trudy und Tobias Cozzio aus St.Gallen (von links) haben sich der CVP verschrieben. (Bild: Lisa Jenny)

Zwei Generationen, zwei Klein- und eine Grossfamilie: Rebecca und Bruno Cozzio aus Henau sowie Trudy und Tobias Cozzio aus St.Gallen (von links) haben sich der CVP verschrieben. (Bild: Lisa Jenny)

Es ist eine ewige Streitfrage in der Familie Cozzio. Die Frage, wer zuerst in der Politik Fuss fasste. Und die Cozzios streiten gern, zumindest über politische Themen. Die Familie und die Politik, genauer die CVP, das ist eine Liebesgeschichte seit drei Generationen. Wie jede Liebesgeschichte handelt sie von Hingabe, Leidenschaft, aber auch von Leid.

Dreimal steht der Name Cozzio auf den Nationalratslisten für den Kanton St.Gallen. Dreimal Cozzio, dreimal CVP. Ein Familienmitglied im Bundeshaus, das wäre ein Novum, selbst für diese politische Grossfamilie. Auf kommunaler und kantonaler Ebene haben Namensträger aber schon so manches politische Gremium bestückt, vom Gossauer Stadtparlament bis zum Gemeinderat von Geuensee in der Innerschweiz.

Und natürlich in der Stadt St.Gallen, wo der italienische Cognome die Erinnerung wachruft an eine geschätzte Figur und feste Grösse in der Lokalpolitik. Vor zwei Jahren verstarb Nino Cozzio mit 59 Jahren an Krebs. Nur wenige Tage zuvor hatte der Stadtrat die Amtsgeschäfte abgetreten. «St.Gallen ist traurig», titelte damals diese Zeitung.

Die Rückkehr in die Politik

Nun lacht Witwe Trudy Cozzio wieder. Lacht breit von Wahlplakaten und Werbeflyern. Genauso sein Bruder Bruno und dessen Tochter Rebecca. Zusammen mit Tobias, Sohn von Trudy und Nino, sitzen die Nationalratskandidaten in ihrem Garten im Riethüsli in St.Gallen. Und weil die Politik allgegenwärtig ist, schwingt sie auch dann mit, wenn die vier über ihre Familie sprechen. Zu ihrer Kandidatur nach dem Tod ihres Mannes sagt Trudy Cozzio:

«Es hat Mut gebraucht.»

Schnell schweift die Diskussion ab zur Rolle der Frauen in der Politik und warum sie sich oft zu wenig zutrauen.

Ihr eigener Mut hat sich bisher ausgezahlt. Trudy Cozzio befürchtete, auf Ablehnung zu stossen – gerade von jenen, die sie auf ihren verstorbenen Mann reduzieren. Stattdessen hat sie bisher nur Zuspruch erfahren. Der Schritt in die Politik ist für die Pädagogin einer nach vorn und einer zurück. Zehn Jahre lang vertrat sie die CVP im Stadtparlament, zwei davon als Fraktionspräsidentin. Nachdem ihr Mann 2006 in den Stadtrat gewählt wurde, trat sie kürzer, verabschiedete sich auch aus der Parteileitung, um Interessenkonflikten vorzubeugen. Dabei hatte sie selbst einmal mit einem Sitz im Stadtrat geliebäugelt.

Ihre Nationalratskandidatur soll deshalb die Botschaft nach aussen tragen: Sie ist wieder da; sie will wieder in die Politik. Nicht in den Nationalrat, da rechnet sie sich keine allzu grossen Chancen aus; auch nicht ins Stadtparlament, dieses Kapitel sei abgeschlossen. Vielmehr will sie sich in Position bringen für die Kantonsratswahlen 2020.

Der Rückzug aus der väterlichen Domäne

Ihr Sohn Tobias wählte den umgekehrten Weg, nicht die Flucht nach vorne, sondern den Rückzug. Er könnte heute ebenfalls im Stadtparlament sitzen. 2016 liess er sich als junger Christdemokrat aufstellen, Anfang Jahr hätte er als Vierter auf der Ersatzliste ins Parlament nachrücken können. Er lehnte ab, offiziell, weil er sich auf sein Jus-Studium in Zürich konzentrieren wolle. Inoffiziell, weil er Abstand gewinnen will vom Politbetrieb, der einstigen Domäne seines Vaters.

Dass es ein Abstand auf Zeit ist, steht ausser Frage. Durch das Studium sehe er politische Prozesse aus einem anderen Blickwinkel, sagt er. Er könne sich gut vorstellen, irgendwann einmal ein Amt zu bekleiden. Ausser Frage stand auch sein Beitritt zur jungen CVP. Die Drohung, dereinst zur SVP überzulaufen, blieb eine kindliche Provokation. So eindeutig war die Entscheidung, dass sich der 23-Jährige nicht mehr genau erinnern kann, wann sie fiel. Nur so viel: Das Momentum war ein Podium, an dem sein Vater sprach. Er sagt:

«Mein Vater ist für mich ein Vorbild.»

Auch mit der Juristerei folgt er dem väterlichen Beispiel, dieser war Kaufmann und Journalist, bevor er sich zum Juristen und Anwalt weiterbildete.

Noch ist sein Zeitpunkt nicht gekommen. Auch im Gespräch nimmt sich Tobias, blaue wache Augen, krauses Haar, zurück. Lieber lässt er die anderen sprechen, und sie sprechen gern, schneiden sich gegenseitig das Wort ab. «Wir sind typische Politiker, jeder will auch noch etwas sagen», sagt Trudy Cozzio. Die Diskussion hüpft von einem Thema zum nächsten, geht von der Familiengeschichte flugs zur Klimapolitik über. Und landet doch immer wieder bei dem, der in dieser Gesprächsrunde nicht anwesend ist.

Eine parteipolitische Abweichlerin

Dass Nino Cozzio allgegenwärtig ist, erfahren alle Mitglieder der Grossfamilie. Bruno Cozzio aus Henau, Revierförster und ehemaliger Gemeinderat von Uzwil wird noch heute auf der Strasse mit seinem älteren Bruder verwechselt. Die Ähnlichkeit ist denn auch gross, nicht nur der markanten Brille wegen. Auch politisch standen sich die beiden, die im Kantonsrat seit 2014 nebeneinander sassen, nah. Bruno Cozzios Kandidatur für den Nationalrat zielt denn auch erneut auf die Kantonsratswahlen im kommenden Frühling. Schliesslich steht das Präsidialjahr des heutigen Vize an.

Der Name seiner Tochter Rebecca taucht zum ersten Mal auf einer Liste auf. Ihr Bruder Manuel kandidierte vor vier Jahren, kaum volljährig, bereits für den Kantonsrat. Beide für die junge CVP – selbverständlich, könnte man meinen. Doch die Dritte im Geschwisterbund schert aus dem CVP-Clan aus. Leandra, Studentin der Politikwissenschaft, ist Mitglied der SP. Seklehrerin Rebecca sagt:

«Es herrscht kein Parteizwang in unserer Familie.»

Seine Kinder sollten eine eigenständige Meinung haben und etwas aus sich machen, ergänzt Vater Bruno, «egal bei welcher Partei».

Das Erfolgsrezept aus dem Elternhaus

So habe er das auch in seinem Elternhaus erfahren. «Lerne etwas, so wirst du etwas», habe sein Vater, ein italienischer Einwanderer aus dem Trentino, jeweils gesagt. Und die sieben Kinder – sechs Buben und ein Mädchen – lernten. Was, gab ihnen der Messerschmied nicht vor, und so wählten alle einen anderen Beruf: Arzt, Kaufmann, Förster, Sanitär, Mechaniker oder ebenfalls Messerschmied. Von der Politik aber erwarteten die Geschwister, die alle gemeinsam 1965 eingebürgert wurden, dasselbe; sie sind heute Mitglieder der CVP. Den Anfang machte Nino Cozzio, der als Teenager erstmals politische Ambitionen zeigte, als er 1975 einen Leserbrief schrieb.

Wer zuerst in der Politik Fuss fasste, das ist eine ewige Streitfrage in der Familie Cozzio. War es Nino oder seine Frau? Trudy Cozzio, ledige Heuberger, wurde in eine alteingesessene Stadtsanktgaller CVP-Familie hineingeboren. «In unserer Familie wurde täglich politisiert», sagt sie. Der Vater war Historiker und Lehrer an der Flade, die Mutter habe sich schon damals für das Frauenstimmrecht oder die gleiche Ausbildung für Frauen eingesetzt. «Eine starke Frau», sagt Trudy Cozzio und spricht auch ein wenig über sich selbst. Ihr Bruder war Parteisekretär, sie selbst half an Parteianlässen aus, als sie 28-jährig ihren späteren Ehemann kennenlernte. Und – da ist sie sich sicher – in die Politik einführte.

Ein neues Kapitel in der Familien-Chronik

Trudy und Nino Cozzio gründeten eine Familie, in die der Tod nicht zum ersten Mal unbarmherzig eingriff. Als vor zehn Jahren der ältere Sohn Raphael mit 16 Jahren verunglückte, stand die Familie enger zusammen. Auch der neuerliche Schicksalsschlag hat die Familienbande im Kleinen und im Grossen gefestigt. «Wir mussten alle unsere Rollen neu finden», sagt Trudy Cozzio. In der Familie und in der Politik.

Sie wollen jene von Nino Cozzio nicht überschreiben, aber neue Kapitel aufschlagen in der politischen Familien-Chronik. Das sei schliesslich das Schöne an der Politik, sie beschäftige sich nicht mit der Vergangenheit, sondern mit aktuellen Themen und der Zukunft, sagt Bruno Cozzio. Da büsst auch die Frage, wer denn nun zuerst war, an Bedeutung ein. Zum letzten Mal steht der Name Cozzio auf jeden Fall nicht auf einer Wahlliste.

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