«Der Mehraufwand war enorm»: Die Pädagogische Hochschule St.Gallen wertet die Erkenntnisse aus dem Frühlingssemester aus. Fazit: Die «Coronaschule» ist ein Anfang

Das Image der Lehrpersonen hat sich verbessert. Das zeigen die Anmeldungen an der Pädagogischen Hochschule.

Christoph Zweili
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An der PHSG war der Mehraufwand im Coronasemester hoch.

An der PHSG war der Mehraufwand im Coronasemester hoch.

Bild: Getty

Der Lehrerberuf hat Zulauf wie nie zuvor. Für das Bachelorstudium Kindergarten- und Primarstufe der Pädagogischen Hochschule St.Gallen im Herbst haben sich 353 Personen angemeldet, 12 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Bachelor-Master-Studiengang SekundarstufeI verzeichnet 37,8 Prozent mehr Anmeldungen. Damit ist die PHSG nicht allein: Das Phänomen lässt sich auch an andern Hochschulen beobachten.

Stefan Kölliker.

Stefan Kölliker.

Nik Roth

Der St.Galler Bildungschef Stefan Kölliker weiss auch, woran es liegt. Er sagt:

«In Zeiten von Krisen und Unsicherheiten wählen die jungen Leute Ausbildungen in gesicherten Berufen.»

Auch die Verunsicherungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung spielten mit, sagt der Präsident des Hochschulrats: «Welche Berufe bleiben erhalten, welche verändern sich stark.» Gerade der starke Auftritt der Lehrpersonen, auch im Umgang mit der Informatik während der Coronazeit, habe wohl aufgezeigt, dass der Lehrerberuf eben nicht nur sicher, «sondern den Herausforderungen der Digitalisierung gewachsen ist».

Schulunterricht in einer digitalen Welt

Die Volksschule, die Kantonsschulen, die Berufsfachschulen, die Hochschulen und die Universität hätten gut reagiert und ihren Auftrag erfüllt. Der Fernunterricht habe als Notmassnahme funktioniert, sagt Kölliker. Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass allein damit der Unterricht nicht digital transformiert werde.

«Das funktioniert nicht mit einem technisch improvisierten Ansatz. Die Transformation muss ganzheitlich und von der Pädagogik geleitet angepackt werden.»

Diesen Ansatz verfolgt der Kanton mit der 2019 lancierten IT-Bildungsoffensive, die bis 2027 dauern soll. «Nächstes Jahr kommt sie an der Basis, bei den Lehrpersonen und den Lernenden an», verspricht Kölliker.

Ein wichtiger Teil der IT-Bildungsoffensive ist das Projekt «Kompetenzzentrum Digitalisierung und Bildung» an der PHSG. In diesem Projekt wird gefragt, wie in der digitalen Welt Schulunterricht sinnvoll und mit Mehrwert erteilt wird, wo digitale Instrumente eingesetzt werden sollen und wo nicht.

Im Coronasemester bewährt hat sich die zweisprachige E-Learning-Plattform Bewegunglesen.ch. Das an der PHSG entwickelte Tool, das Sportunterrichtenden und Studierenden eine praxisnahe und interaktive Übungsgelegenheit in den Bereichen Bewegungsanalyse und Klassenführung bietet, verzeichnete einen starken Anstieg an Neuregistrierungen; heute arbeiten 130'000 Nutzerinnen und Nutzer aus drei Ländern mit dem Tool.

Als hilfreich für das Distance Learning von Lehrpersonen, die Sport unterrichten, erwies sich auch das Tool schulsportplaner.ch.

PHSG kam gut mit Distance Learning zurecht

Quasi über Nacht war am 16.März der ganze Lehr- und Lernbetrieb an der PHSG komplett auf Distance Learning umgestellt worden. Wie es den Dozierenden und den Studierenden ergangen ist, zeigt eine Umfrage von Anfang Juni mit einem Rücklauf von über 60 Prozent.

Verena Messerli.

Verena Messerli.

PD

«Die Mehrheit der Studierenden und der Dozierenden ist mit der Situation gut zurechtgekommen», sagt Verena Messerli, Leiterin Qualitätsmanagement. 80 Prozent der Dozierenden gaben an, dass es ihnen gelungen sei, ihre pädagogischen und didaktischen Anliegen über die Plattformen zu realisieren. Der Mehraufwand sei allerdings für beide Gruppen enorm gewesen. «Das können wir auf Dauer nicht mehr leisten», sagt Vetterli.

Laut Umfrage sorgen sich die Studierenden am meisten um den Lernerfolg bei der Wissensaneignung und die Aneignung von Handlungskompetenzen. Die Qualität ihrer Arbeiten wurde im Vergleich zu normalen Semestern als gleich gut eingeschätzt. «Wir werden nach der Sommerpause Konsequenzen für künftige Lehr- und Lernformen ziehen», sagt Vetterli.

Für den St.Galler Bildungschef Kölliker ist bereits jetzt schon klar:

«Man darf diese ersten Erkenntnisse zum Feldversuch mit Distance Learning nicht überbewerten. Es besteht die Gefahr, zu schnell zu wenig Fundiertes umsetzen zu wollen. Den Präsenzunterricht braucht es weiterhin.»
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