Die Champagne Italiens

Franciacorta Seit knapp fünfzig Jahren produziert die Weinregion in der Lombardei Schaumwein. In Italien hat sie sich in dieser Zeit als erste Adresse für Spitzenschaumweine etabliert, im Ausland kämpft sie um ihren Platz zwischen Prosecco und Champagner. Für Winzer-Doyen Maurizio Zanella ist klar: «Franciacorta ist ein eigenständiger Wein mit eigenem Charakter.» Beda Hanimann

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Rebstöcke, Oliven, kleine Dörfer und sanfte Hügel: Die Franciacorta ist eine mineralreiche Moränenarena am Fusse der Alpen. (Bild: Tonia Bergamin)

Rebstöcke, Oliven, kleine Dörfer und sanfte Hügel: Die Franciacorta ist eine mineralreiche Moränenarena am Fusse der Alpen. (Bild: Tonia Bergamin)

Drückende Hitze liegt über der Lombardei, doch im Degustationsraum der Weinkellerei Ca' del Bosco in Erbusco ist angenehm sitzen. Kellereibesitzer Maurizio Zanella erklärt geduldig, dass Franciacorta und der international bekanntere Prosecco zwei Welten seien. Und der Vergleich mit dem Champagner? Zanella, der Doyen der Weinbauregion Franciacorta und Präsident des regionalen Winzerkonsortiums, bekommt derlei Fragen offensichtlich dutzendfach gestellt, doch er bleibt höflich. «Franciacorta ist ein eigenständiger Wein mit einem eigenen Charakter.»

Das Spumante-Verbot

Dieses Selbstbewusstsein äussert sich auch in den Richtlinien des Winzerkonsortiums. Das stellte vor 15 Jahren den Begriff «vino spumante» für seine Schaumweine kurzerhand unter Bann. Auf den Etiketten darf weder das Wort spumante (= perlend, schäumend) noch ein Hinweis auf die Produktionsmethode stehen. Ein Name muss genügen, um alles klarzumachen: Franciacorta.

Ein einziger Begriff, der sowohl das Anbaugebiet, die Produktionsmethode und den Wein bezeichnet, das ist ein seltenes Privileg in Europa. Zehn Weine geniessen es, darunter drei durch Flaschengärung (siehe Kasten) gewonnene Produkte: Champagner, der spanische Cava und Franciacorta.

Nicht alle sind begeistert über diese Regelung. Zum Beispiel Evangelista Zialini von der Azienda Zialini in Provaglio d'Iseo. Spumante, da wisse doch wenigstens jeder, was drin sei.

Ziliani denkt an seine Kundschaft, für ihn soll der Franciacorta nicht Luxus-, sondern Supermarktprodukt sein. Er könne nicht dem Champagner Konkurrenz machen im Ausland, sondern dem, was man dort als italienischen Schaumwein kenne: dem Prosecco. Mit einem funkelnden Seitenblick auf Francesco Angius, den Pressesprecher des Konsortiums, sagt der streitbare Kopf gleich selbst: «Mit dieser Haltung bin ich hier ein Ketzer.

» Tatsächlich zeigen er und Zanella, in welchem Spannungsfeld sich die Franciacorta mit ihren Schaumweinen befindet: Wer auf den Preis schaut, kauft Prosecco, wer etwas Edleres will, wählt Champagner. So zumindest läuft es tendenziell im Ausland; in Italien selbst hat sich die Franciacorta als die Region für Spitzenschaumweine etabliert.

Entdeckung des Schaumweins

Und das in erstaunlich kurzer Zeit. Die Region südlich des Iseo-Sees am Fusse der Alpen produziert zwar seit Jahrhunderten Wein, der Rebbau war jedoch nur Teil einer vielfältigen Mischkultur mit Obst, Getreide und Viehzucht. Der Wein hatte darin nur lokale Bedeutung. Das änderte sich in den 1960er-Jahren, als das Weinhaus Berlucchi in Borgonato di Cortefranco damit begann, Schaumwein zu produzieren.

Die schnell wachsende Nachfrage nach dem edlen Produkt veränderte die Weinlandschaft Franciacorta nachhaltig. In den 60er-Jahren kultivierten elf Betriebe auf 31 Hektaren Trauben. Heute beträgt die Anbaufläche fast 2500 Hektaren. Und die Natur meint es gut: Mineralreiche Moränenböden, warme Tage und kühle Nächte im Sommer sowie der mässigende Einfluss des nahen Sees schaffen ideale Bedingungen.

Vor zwanzig Jahren schlossen sich Weinbauern, Winzer und Abfüller zum «Consorzio per la tutela del Franciacorta» zusammen. Die mittlerweile hundert Mitgliedsbetriebe decken fast die gesamte Produktionsfläche ab – und doch ist die Kellereilandschaft Franciacorta vielfältig geblieben, wie schon die unterschiedlichen Winzercharakteren Zanella und Ziliani belegen. Eine Bummelfahrt über die Strada del vino, die dieses Jahr ihren zehnten Geburtstag feiert, bestätigt den Eindruck.

Weinkathedrale und Landgut

Hier die moderne Kellerei Ca' del Bosco, die auch Weinkathedrale und Kunstmuseum ist, zwei Dörfer weiter in Capriolo das alte Landgut von Gualberto Ricci Curbastro, wo der enthusiastische und witzige Hausherr durch das dem Betrieb angefügte Weinbaumuseum führt und alles natürlich stimmt – bis zu den schlanken, schokoladebraunen Hunden, die ihn auf Schritt und Tritt begleiten.

Auch bei Fratelli Berlucchi empfängt Tilli Rizzo in jahrhundertealtem Gemäuer, das im Innern mit Fresken bemalt, aussen von Laub überwuchert ist. Eine andere Kategorie repräsentieren Betriebe wie Mirabella in Rodengo Saiano oder Villa in Monticelli Brusati, beides Gründungen des 20. Jahrhunderts. Villa wurde 1960 in den Häusern eines mittelalterlichen Dorfes eingerichtet und ist heute auch eine Ferienanlage mit Wohnungen und Schwimmbad.

Die Natur bestimmt

Besonders augenfällig wird das Zusammenspiel von Tradition und Moderne auf dem Weingut Bellavista in Erbusco. Eine topmoderne Anlage auf einer Anhöhe mit Blick hinaus in die Landschaft, zu der hundert kleine, teilweise alte Rebberge gehören. Jeder hat seinen Namen behalten, von jedem werden die Trauben separat gekeltert. Erst dann wird entschieden, welche Weine eine Cuvée ergeben.

«Die Natur bestimmt», sagt Valentina Farolfi, und sie fügt an: «Die Natur ist biologisch und biodynamisch, also was wollen wir noch?» Der Respekt vor der Natur zeigt sich auch in Farolfis Kommentar zum Hagel, der am Morgen über die Region niedergegangen ist: «Dann gibt es halt etwas weniger Wein – aber das ist auch natürlich», sagt sie unbeeindruckt.

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