Die Bodenseefischer resignieren

Die Fänge der Bodenseefischer gehen weiter abwärts. Die ersten vier Monate 2015 bedeuten ein neuerliches Rekordtief. Katastrophal für die Berufsfischer, die meist nur mit einem Zweiterwerb über die Runden kommen.

Gernot Grabher
Drucken
Teilen
Die Fischer auf dem Bodensee – auf dem Bild der Vorarlberger Franz Blum – sehen für ihre Zukunft immer düsterer. (Bild: Gernot Grabher)

Die Fischer auf dem Bodensee – auf dem Bild der Vorarlberger Franz Blum – sehen für ihre Zukunft immer düsterer. (Bild: Gernot Grabher)

ALTENRHEIN. Jetzt sind auch die Felchenfänge auf ein katastrophales Niveau gefallen: Die Erträge der Bodenseefischer waren noch nie so schlecht wie im ersten Quartal 2015. «Dem muss ich leider beipflichten», sagt Gallus Baumgartner, Obmann der St. Galler Berufsfischer aus Altenrhein. «Wegen der paar Fische lohnt es sich nicht mehr, überhaupt auf den See zu fahren.» Trotzdem bringt Baumgartner jeden Morgen seine Netze aus – in der täglichen Hoffnung auf Besserung. Um am nächsten Tag beim Einholen der Netze einmal mehr festzustellen, dass «man besser im Nest geblieben wäre».

Insgesamt halten am St. Galler Ufer noch 14 Berufsfischer Patente, die Hälfte von ihnen hat laut Baumgartner aber bereits resigniert und lässt die Netze zu Hause hängen. Nur noch eine Handvoll versuche vom Fischen zu leben. Jedoch müssen fast alle einem weiteren Erwerb nachgehen, weil die Fänge nicht einmal den Treibstoff hereinbringen. Gallus Baumgartner ironisch: «Fischen muss man sich heute leisten können.»

Tiefe Zahlen im ganzen See

Sein bayrischer Kollege Roland Stohr aus Wasserburg zeigt auf, dass die triste Situation im ganzen See die gleiche ist. «Selbst alte Fischer haben so etwas wie heuer noch nicht erlebt», sagt Stohr. «Die Fische stehen auf Wintertiefe in 30 bis 40 Metern und rühren sich kaum», bestätigen seine Kollegen.

Mit den wärmeren Tagen im Frühjahr entwickelt sich normalerweise näher der Oberfläche Plankton, von dem die Felchen leben. Heuer sind die Planktonbestände äusserst dünn oder das Wasser gar gänzlich leer. «Ohne Nahrung kann aber kein Lebewesen gedeihen», fügt Stohr hinzu, «das weiss auch jeder Bauer oder Gärtner.»

Auch am bayrischen Ufer geben immer mehr Fischer auf, bedauert Stohr. Von den 12 Patentinhabern fahren nur noch 6 regelmässig auf den See und kehren «mit sechs, sieben Fischlein, die auch noch mager sind», zurück. Leben kann man davon nicht mehr, und deshalb wollen die Jungen selbst aus alten Fischerfamilien nicht mehr in diesen Beruf einsteigen. Wenn man die Entwicklung weiterdenke, so Stohr, werde es in 10 bis 15 Jahren keine Bodenseefischer mehr geben. «Die Gastronomie wird dann bei den Händlern halt noch mehr Importware kaufen.»

Brut verhungert?

Angesichts des wegen des Phosphatmangels im sauberen Bodenseewasser kaum mehr vorhandenen Planktons drängt sich der Vermutung auf, dass die Millionen Brütlinge, die in den Zuchtanstalten rund um den See aufgezogen und Ende März Anfang April ins freie Wasser ausgesetzt wurden, überhaupt aufgekommen sind. Es liegt die Vermutung nahe, dass sie zum grossen Teil verhungert sind.

In einer Petition, die die Fischereiverbände der Seeanrainerländer Anfang Mai an die Fischereibehörden und die Politiker schickten, weisen sie darauf hin, dass die Brütlinge in ein Gewässer ausgebracht wurden, das keine Nahrung für das Heranwachsen der Fische bot. «Man kann davon ausgehen, dass auch die Larven aus der natürlichen Verlaichung, die 4 bis 6 Wochen früher schlüpften, schlichtweg alle verhungert sind», heisst es in der Petition. Die Fischer weisen auch darauf hin, dass selbst die strenge Wasserrahmenrichtlinie der EU Spielraum liesse, den Phosphatgehalt des Bodenseewassers moderat zu erhöhen.

Ermutigende Versuchsfänge

Die Petition der Berufsfischer, unterzeichnet von allen Spitzenfunktionären der Bodenseeländer, liegt auch auf den Schreibtischen der kantonalen St. Galler Jagd- und Fischereiverwaltung. «Alle Feststellungen können wir aber so nicht stehen lassen», sagt der amtliche Fischereifachmann Christoph Birrer nach der Lektüre, einige Behauptungen stimmten so einfach nicht.

Just in dieser Woche machte Birrer mit dem Aufseher Jörg Schweizer von Rorschach aus Versuchsfänge. «Und das Ergebnis war gut, wenn es den Fischen auch an Korpulenz fehlte und sie wenig Nahrung in den Mägen hatten.» Auf den Gesamtbestand an Felchen will Birrer daraus nicht schliessen, «das Ergebnis ist vorläufig punktuell zu werten». Zu sehen war aber auf dem See gleichzeitig, dass ein Berufsfischer fast leere Maschen einzog. Schweizer rückte auch zum versuchsweisen Planktonfischen aus und stellte fest: «Es ist qualitativ hochwertiges Plankton im See, aber es war um diese Jahreszeit schon wesentlich mehr.»