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Kinderfreundliche Gemeinde, Grünstadt, Energiestadt: Die ausgezeichneten Gemeinden

In der Ostschweiz schmückt sich manche Gemeinde mit einem Label. Das soll unter anderem Geld bringen.
Adrian Lemmenmeier

Bei Apéros der Gossauer Stadtverwaltung gibt es neu Hahnenwasser statt Mineralwasser. Und der Orangensaft kommt aus fairem Handel, genauso wie der Kaffee und der Tee. Grund dafür sind das Label «Fair Trade Town», das der Stadt diesen Sommer verliehen wurde – und der Beitritt zur «Blue Community». Als «Fair Trade Town» muss Gossaus Verwaltung unter anderem mindestens drei Produkte aus fairem Handel verwenden. Als Mitglied der «Blue Community» verpflichtet sie sich, Wasser als Menschenrecht anzuerkennen – und Leitungswasser statt Sprudel aus der Flasche anzubieten.

Gossau ist eine unter vielen Ostschweizer Gemeinden, die auf Labels setzt. Von allen 183 Kommunen in den Kantonen St.Gallen, beider Appenzell und Thurgau tragen 65 den Titel Energiestadt, 48 davon im Kanton St.Gallen, 12 im Thurgau, 6 in Ausserrhoden. Uznach, Rapperswil-Jona, Flawil, Wil, Arbon und Teufen schmücken sich mit dem Unicef-Siegel «Kinderfreundliche Gemeinde». St.Margrethen, Schänis und Rapperswil-Jona sind «Gemeinden gegen Littering». Degersheim und Lichtensteig lassen sich zur «Grünstadt» zertifizieren, Wil zur Fairtrade-Stadt. Die Stadt St.Gallen ist unter anderem Teil des Klimabündnisses Schweiz und der europäischen Städtekoalition gegen Rassismus.

Gütesiegel sollen Gemeindekasse füllen

Auf den ersten Blick herrscht bei Ostschweizer Gemeinden ein ziemlicher Label-Wirrwarr. Umsonst sucht man hier allerdings eine «Gesunde Gemeinde», ein «jugendfreundliches Bergdorf», eine «vorbildliche Gemeinde Gerätebenzin» oder eine «Schmetterlingsgemeinde», wie es sie anderswo in der Schweiz gibt.

Einige Labels versprechen, Gemeinden attraktiver zu machen, letztlich mehr Steuereinnahmen zu bringen. «Energiestädte leisten einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität», heisst es auf der Homepage von Energiestadt. «Das Resultat: Energiestädte sind als Wohn- und Wirtschaftsstandort gefragt.» Grünstadt Schweiz wirbt: «Unsere Auszeichnung bringt Geld in Ihre Kasse: Ihr Wohnort gewinnt an Attraktivität, was weitere Steuerzahler anzieht.»

Monika Scherrer.

Monika Scherrer.

Tatsache oder nur Verkaufsargument? Hört man sich bei Gemeinden um, heisst es unisono, wegen eines Labels allein würde wohl niemand zuziehen. Manche aber wollen sich mit einem Gütesiegel ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Degersheim etwa setzt als erste Ostschweizer Gemeinde auf das Label «Grünstadt Schweiz». Die Gemeinde arbeitet seit zwei Jahren daran, die dazu nötigen sechzig Massnahmen umzusetzen. Dazu gehört: Altbäume schützen, Lebensräume für Insekten schaffen oder regionalen Kompost verwenden. Präsidentin Monika Scherrer ist sich sicher, dass das Label ihre Gemeinde attraktiver macht. «Die Zertifizierung hat ein Umdenken bei den Mitarbeitenden bewirkt.» Und dieses Umdenken soll auch bei privaten Liegenschaftsbesitzern ankommen. Magerwiesen und versickerbare Flächen statt Steingärten – so will sich Degersheim künftig präsentieren.

Auch am Ortsschild der Stadt Rapperswil-Jona sind Labels angebracht: Energiestadt und «Kinderfreundliche Gemeinde». Stadtpräsident Martin Stöckling glaubt allerdings nicht, dass sie von der breiten Bevölkerung wahrgenommen werden, er verspricht sich von Labels denn auch keinen Standortvorteil. «Ein seriöses Label bewirkt vor allem eines: Dass die Verwaltung Prozesse zu einem gewissen Thema hinterfragt.» Das wiederum könne durchaus Vorteile für die Einwohner bringen.

Wo ist der Vorteil, wenn alle dasselbe Label haben?

Martin Stöckling.

Martin Stöckling.

Stöckling gibt zu bedenken, dass sich Gemeindelabels nicht über einen Kamm scheren lassen. Die Gütesiegel erfordern unterschiedlichen Aufwand und unterschiedliche Kosten. Für gewisse führen die Trägerorganisationen strenge Kontrollen durch, andere unterliegen einzig der Selbstkontrolle. Um sich mit dem Titel «Gemeinde gegen Littering» zu schmücken etwa, reicht ein jährliches Versprechen, mit konkreten Massnahmen gegen das Wegwerfen von Abfällen vorzugehen. Das Label ist kostenlos, Rapperswil-Jonas Stadtpräsident wusste nicht einmal, dass es seine Stadt besitzt. «Blue Community» ist eine reine Selbstverpflichtung, Kontrollen gibt es keine. Für HSG-Tourismus-Experte Christian Lässer sind Labels ohne klare, allgemein verbindliche Regeln für Gemeinden kontraproduktiv. «Ich glaube, dass man sich damit längerfristig eher schadet», kommentierte er die beiden neuen Labels in Gossau gegenüber dieser Zeitung.

Im Kanton St.Gallen nennt sich die Mehrheit der Gemeinden Energiestadt. Somit ist das Label kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Als Gossau 2001 Energiestadt wurde, sei man eine Ausnahme im Kanton gewesen, sagt der Kommunikationsverantwortliche Urs Salzmann. Heute ist das Label die Regel. Beim Trägerverein Energiestadt heisst es, dies sei unter anderem ein Grund, weshalb man das Label «Energiestadt Gold» eingeführt habe. Wer den Gold-Status erreichen will, muss 75 statt 50 Prozent des individuell festgelegten Energiesparpotenzials ausschöpfen – und kann sich so von anderen Energiestädten abheben. Das Label ist Teil des bundesrätlichen Programms zur Förderung der Energieeffizienz mit freiwilligen Massnahmen.

Ein Drittel des Klimaschutzes geschieht auf Gemeindeebene

No-Littering, Grünstadt, Energiestadt. Bei den meisten Labels geht es um Umweltschutz. Was aber bewirken Gütesiegel wie die Energiestadt tatsächlich? «Wir sehen, dass Energiestädte im Durchschnitt umweltfreundlicher sind als andere Gemeinden», sagt Kurt Egger. Der Energieberater ist beim Trägerverein Energiestadt zuständig für die Ostschweiz. Ausnahmen gebe es allerdings immer. So landete etwa Widnau bei einem CO2-Gemeinde-Ranking dieser Zeitung auf dem letzten Platz – trotz Energie-Stadt-Label (Ausgabe vom 21. Juni).

«Gemeinden leisten einen erheblichen Beitrag zum Klimaschutz.»

«Fest steht, dass Gemeinden zu Klimaschutz und Energiestrategie 2050 einen erheblichen Beitrag leisten können», sagt Egger. Er schätzt diesen Beitrag auf 30 Prozent des Gesamtpotenzials. Mit Wärmeverbunden oder dem Einkauf von grünem Strom könnten die Gemeinden direkt nachhaltige Energien fördern. Indirekt könne man dies bei Hausbesitzern oder Unternehmen tun – und zwar durch Beratung, Sensibilisierung und finanzielle Förderung. Für regulatorische Massnahmen hätten Gemeinden allerdings einen geringen Spielraum.

Können Gemeinden auch das eigene Verhalten im Umweltschutz beeinflussen? Yann Blumer forscht an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften zu kommunalen Energiestrategien. Projekte in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren hätten Erfolg gezeigt. «Wenn der Fussballclub unterstützt, dass alle mit dem Velo ins Training kommen, kann das einen Einfluss auf das Mobilitätsverhalten der Mitglieder haben.» Doch der wichtigste Hebel der Gemeinden im Klimaschutz sei die Raumplanung. Labels würden die Klimakrise natürlich nicht lösen. «Sie schaffen aber eine gewisse Verbindlichkeit in der kommunalen Umweltpolitik.»

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