Die Anwältin hinter dem Tresen: Für Rechtsberatung gibt's in St.Gallen bald einen Shop – doch die Pandemie verzögert die Eröffnung

Im April hätte in St.Gallen die erste Ostschweizer Filiale von Ylex eröffnen sollen. Eine Anwaltskanzlei, die wie ein Shop funktioniert. Das Corona-Virus verzögert jedoch die Eröffnung.

Odilia Hiller
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Die «Walk-in Stores» von Ylex geben sich jung, modern und persönlich mit Stehtischen, Sitzgruppen und Sofanischen für Rechtsberatungen.

Die «Walk-in Stores» von Ylex geben sich jung, modern und persönlich mit Stehtischen, Sitzgruppen und Sofanischen für Rechtsberatungen.

Bild: PD

Wegen des Corona-Virus verzögert sich die Neueröffnung der dritten Schweizer Filiale von Ylex. Im St.Galler Spisermarkt hätte es Anfang April losgehen sollen: Fünf Juristinnen und Juristen der jungen Firma mit Hauptsitz in Aarau hätten in durchgestylten Räumen mit viel Holz und skandinavisch anmutendem Mobiliar erste Kundinnen und Kunden empfangen. Zu Ladenöffnungszeiten, ohne Voranmeldung im ersten «Walk-in Store» für Rechtsberatung der Ostschweiz.

Ioannis Martinis, Leiter Marketing und Kommunikation Ylex.ch

Ioannis Martinis, Leiter Marketing und Kommunikation Ylex.ch

PD

Die Muttergesellschaft der Ylex AG, die Coop Rechtsschutz AG, möchte mit dem neuen Beratungsmodell ein neues Kundensegment erreichen. «Unsere Marktanalysen haben ergeben, dass für viele Privatpersonen, die eine Rechtsberatung benötigen, die Hürde, zu einem Anwalt zu gehen, sehr hoch ist», sagt Ioannis Martinis, Leiter Marketing und Kommunikation bei Ylex (englisch ausgesprochen wie «wuailex»). Gerade für Personen ohne Rechtsschutzversicherung sei es bisweilen schwierig, zu entscheiden, an wen sie sich bei Rechtsfragen wenden sollten. Zudem fürchteten sie sich oft vor hohen Anwaltskosten. Kurz: Die Schwellenangst sei bei Personen, die noch nie einen Anwalt in Anspruch nehmen mussten, in der Regel hoch.

Preismodell losgelöst von Stundensatz

Ylex, das im September 2019 eine Filiale in Bern und im Januar 2020 eine in Winterthur eröffnet hat, möchte laut eigenen Angaben den Zugang zum Recht erleichtern. Die Rechtsberatung soll bewusst niederschwellig, unkompliziert und vor allem kostentransparent sein: Eine juristische Ersteinschätzung kostet 60 Franken. Eine weitere rechtliche Beratung, bei der auch Unterlagen der Kunden oder juristische Recherchen geprüft werden, schlägt mit 100 Franken zu Buche. Für jeden weiteren Schritt, beispielsweise das Verschicken eines Briefs oder das Ausfüllen eines Formulars, kommen 100 Franken dazu.

«Das modulare Preismodell schafft für Kundinnen und Kunden maximale Kostentransparenz. Bezahlt werden die Arbeitsschritte und nicht die Arbeitsstunden», sagt Martinis. Die Kundinnen und Kunden hätten jederzeit «volle Kontrolle» über den Preis und das weitere Vorgehen. «Sie entscheiden zu jedem Zeitpunkt selber, inwieweit sie aktiv werden wollen, um ihre Rechtsansprüche weiterzuverfolgen.»

Primär Alltagsthemen abdecken

Da nicht davon auszugehen ist, dass bei fünf Juristinnen und Juristen pro Standort Spezialisten für jedes Fachgebiet dabei sind, stellt sich die Frage, was Ylex tut, wenn ein Fall komplexer wird. «Alle Mitarbeitenden von Ylex sind ausgebildete Juristinnen und Juristen mit Berufserfahrung und einem Masterabschluss einer Schweizer Universität», so der Kommunikationsverantwortliche. In jedem Store arbeite zudem mindestens eine Juristin oder ein Jurist mit Anwaltspatent.

Ylex wolle primär Alltagsthemen abdecken, also Bereiche wie Mobilität, Reisen, Konsum, Familie, Wohnen, Eigentum und Arbeit. Die Rechtsberatung und juristische Unterstützung erfolgt online, telefonisch oder persönlich im Store. Ylex fokussiert explizit auf aussergerichtliche Lösungen. Sollte eine Angelegenheit in eine gerichtliche Auseinandersetzung münden, schlägt Ylex auf Wunsch eine Auswahl «fachkompetenter externer Anwälte» vor. «Wir arbeiten mit einem grossen Netzwerk von Anwälten.» Verträge mit Anwälten, an die sie verweisen, bestünden allerdings keine, sagt Martinis. «Wir suchen für jede Angelegenheit den passenden ­Anwalt.»

«In Bern schicken überlastete Anwälte Kundschaft zu Ylex»

Dass das neue Angebot von Anwältinnen und Anwälten der Region zunächst als Konkurrenz betrachtet werden könnte, sei nicht ausgeschlossen. Ein Angebot zu Dumpingpreisen sei es jedoch keineswegs. Man zahle allen beschäftigten Juristinnen und Juristen marktübliche Löhne. In Bern sei es bereits vorgekommen, dass Anwaltskanzleien Kundinnen und Kunden zu Ylex geschickt hätten. Martinis meint:

«Wir haben das lange vorbereitet, die Geschäftsidee ist kein Schnellschuss.»

Im Gegensatz zu reinen Onlineplattformen biete Ylex den persönlichen Kontakt: «Bei uns beraten im Laden die gleichen Leute wie am Telefon. Da ist kein Callcenter im Spiel – das schätzen die Leute.» Zentrales Element jedes Stores sei der «Küchentisch», wo Fragen und Anliegen der Kundinnen und Kunden besprochen werden. Auf Wunsch gebe es auch Bereiche mit mehr Privatsphäre.

Geschult auf Corona-Härtefälle

Noch muss das Küchentischgespräch aber warten: Die in St.Gallen ab April unter Vertrag stehenden Juristinnen und Juristen würden nun bis zur Eröffnung des Geschäfts nach dem Corona-Lockdown unter anderem so geschult, dass sie «in diesen schwierigen Zeiten auch denjenigen bestens zur Seite zu stehen können, die von der Corona-Virus-Pandemie besonders hart getroffen wurden», so Martinis.

Kostenlose Corona-Beratung

Bis am 19. April 2020 beantworten die Juristinnen und Juristen von Ylex Rechtsfragen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus kostenlos per Telefon oder via Internet. Damit möchte das Unternehmen der Verunsicherung in der Bevölkerung begegnen. Ob zu Arbeit, Reisen, Kinderbetreuung oder Veranstaltungen – das Erstgespräch ist gratis (statt 60 Franken). Weitergehende Leistungen werden mit einem Tarif von 100 Franken pro Schritt verrechnet. Die Dienstleistungen stehen allen Privatpersonen mit und ohne Rechtsschutzversicherung offen. Die Beratungen beschränken sich auf aussergerichtliche Fragen. (oh)
Hinweis
www.ylex.ch, Telefon 058 330 60 20

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