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Die Wiese des Anstosses: Wieso der historische Blick aufs Kloster und den Kanton St.Gallen nicht nur Konflikte offenbart

Wo Kanton und Kloster aufeinandertreffen, finden demnächst die Festspiele statt. Dieser Ort erzählt von Konflikten – die allerdings etwas Wesentliches kaschieren: Dass es schon früh ohne Kompromiss nicht gegangen ist.
Rolf App
Das St. Galler Klosterareal mit Festspielbühne: ein besonderer Ort sowohl für die Kirche als auch für die Politik. (Bild: Urs Bucher)

Das St. Galler Klosterareal mit Festspielbühne: ein besonderer Ort sowohl für die Kirche als auch für die Politik. (Bild: Urs Bucher)

Die Wiese des Anstosses ist nicht gross. Sie liegt weit hinten, wenn man vom Gallusplatz her kommt, und wird begrenzt von zwei Strässchen. Das eine führt zur Galluskapelle, zur Bischofswohnung und zur Stiftsbibliothek, das andere zum Eingang ins Regierungsgebäude. Es ist ein symbolischer und sehr sensibler Ort, an dem die Festspiele stattfinden – über die auch deshalb wieder einmal gestritten wird. Hier haben jene Konflikte ihren Niederschlag gefunden, die 1803 den Kanton St. Gallen geformt haben. Wo heute das Kantonsparlament tagt, befand sich zuvor der Festsaal des Fürstabts. Und wo die Regierung ihren Geschäften nachgeht, wurden jene Gebiete verwaltet, die den Vorsteher des Klosters auch zu einem sehr einflussreichen weltlichen Herrscher machten. Dessen Reich erstreckte sich in seinen besten Zeiten vom Bodensee ins Appenzellerland, hinauf ins Toggenburg und ins Rheintal. Es brachte so viel Ertrag, dass der Fürstabt im 18. Jahrhundert jenen Gebäudekomplex samt Kathedrale bauen lassen konnte, der seit 1983 zum Unesco-Kulturerbe zählt.

Niemand kennt sich in dieser konfliktreichen Geschichte so gut aus wie die zwei Herren, die sich an einem späten Vormittag im Büro des Stiftsbibliothekars zum Tee treffen. Der eine, Stefan Sonderegger, leitet das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde, deren ehrwürdiger Renaissance-Steinbau gleich gegenüber der Kathedrale liegt – jenseits einer hohen Mauer, vor der heute nur noch ein Rest steht. Die Bezeichnung «Stadthaus» über ihrem Eingang stammt aus einer Zeit, da die Ortsbürgergemeinde in der Stadt das Sagen hatte. Bis 1832, als Eigentum und Zuständigkeiten zwischen ihr und der Politischen Gemeinde geteilt wurden, lag hier das politische Zentrum der Stadt. Der andere, Stiftsbibliothekar Cornel Dora, kann sich gerade nur schwer der Touristen erwehren, die nach der Türöffnung um zehn Uhr auf Filzpantoffeln ihren Weg in den Barocksaal suchen und dort auf eine Ausstellung über den Klostergründer Otmar stossen.

Reformation und Kulturkampf prägen den Blick

Stefan Sonderegger und Cornel Dora haben lange aus sehr unterschiedlicher Optik auf die Geschichte geschaut. Das hat zum einen mit der Reformation zu tun, welche die Stadt einen anderen Weg gehen lässt und zu scharfen Konflikten mit dem Kloster führt. Zum andern prägt das 19. Jahrhundert den Blick. Nicht nur mit der Bildung des Kantons und der Auflösung von Kloster und Klosterstaat. Sondern auch mit der Entstehung des Bundesstaats im Jahr 1848, der ja im kurzen Sonderbundskrieg gegen den Widerstand der katholisch-konservativen Orte erstritten worden ist. Bevor die Unterlegenen gegen das Ende des Jahrhunderts langsam integriert wurden, herrschte eine Eiszeit, Kulturkampf genannt. Und auch der Kanton St. Gallen blieb noch lange tief gespalten.

Stefan Sonderegger, Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, und Cornel Dora, Stiftsbibliothekar St.Gallen, haben lange aus sehr unterschiedlicher Optik auf die Geschichte des Klosters geschaut. (Bild: ADRIANA ORTIZ CARDOZO)

Stefan Sonderegger, Leiter des Stadtarchivs der Ortsbürgergemeinde St.Gallen, und Cornel Dora, Stiftsbibliothekar St.Gallen, haben lange aus sehr unterschiedlicher Optik auf die Geschichte des Klosters geschaut. (Bild: ADRIANA ORTIZ CARDOZO)

Freilich: Geschichte ist immer auch Ansichtssache. Wer die Beziehung St. Gallens zum Fürstabt nur als eine Folge von Konflikten wahrnimmt, übersieht ziemlich viel. Die Konflikte sind da, aber sie sind eben nur die eine Seite der Medaille. Das ist Stefan Sonderegger bewusst geworden, als er, auf Einladung Cornel Doras, begonnen hat, in der neuen Dauerausstellung im Gewölbekeller der Stiftsbibliothek in mehreren Vitrinen die wechselhafte Beziehung von Stadt und Kloster zu beleuchten.

«Kloster und Stadt sind miteinander entstanden», blickt Cornel Dora in die Frühzeit zurück.

«Gallus war nicht nur Mönch, sondern auch Siedler und Gründer der Stadt.»

Lange dominiert dann das Kloster, das von 719 an von Abt Otmar zu einem wichtigen spirituellen Ort im Karolingerreich gemacht wird. Alemannische, von den herrschenden Franken bedrängte Adelige vermachen ihren Besitz dem Kloster, weil sie sich von diesem Schutz erhoffen. So wachsen Grundbesitz und Macht des Klosters. Es wird spätestens im 9. Jahrhundert zum kulturellen Zentrum, das den Herrschern des Heiligen Römischen Reiches eng verbunden ist.

Die Stadt emanzipiert sich, bleibt aber eingekesselt

Dann aber setzt ein, was Stefan Sonderegger als «Emanzipation der Stadt von der Abtei» beschreibt. Sie wird nicht nur im Leinwandhandel reich und löst Konstanz als führendes Handelszentrum ab, sondern tritt auch mehr und mehr selbstbewusst auf. Seit dem 13. Jahrhundert organisiert sich die Stadt politisch und rechtlich selber. Zwar bleibt sie offiziell bis Mitte des 15. Jahrhunderts Teil des Herrschaftsverbands des Reichsklosters St. Gallen. Aber der König gesteht ihr mehr und mehr Rechte zu. Allerdings: Im Gegensatz zu Zürich und Bern, wo aus Stadtstaaten grosse Herrschaftsgebiete heranwachsen, bleibt die Stadt eingekreist von den Territorien des Fürstabts.

So existieren zwei Kraftzentren dicht nebeneinander. Sie grenzen sich administrativ-politisch und nach der Reformation auch kulturell voneinander ab. Aber, betont Cornel Dora: «Wirtschaftlich blieben Stadt und Kloster immer eng verflochten, insbesondere in der Agrar- und Textilwirtschaft. Und politisch herrschte in den besseren Zeiten die Erkenntnis, dass man politisch aufeinander angewiesen war – man wäre sonst zur Beute vor allem Zürichs geworden, das seinen Herrschaftsbereich gern nach ­Osten ausgedehnt hätte, während Bern nach Westen expandierte. Oder man hätte in die Hände des Reichs gezogen werden können.» Dieses Reich aber ist enorm wichtig. «Für die Stadt hat die wirtschaftliche Prosperität immer im Vordergrund gestanden», beschreibt Stefan Sonderegger deren Interessenlage.

«Ihre wichtigsten Beziehungen knüpft sie zum einen nach Frankreich. Und zum andern nach Norden, nach Süddeutschland, von wo auch lebensnotwendige Getreidelieferungen kommen. Die zunehmende Ausdehnung der Textilheimarbeit führte nämlich zur Vernachlässigung der Landwirtschaft.»

Stadtbürger leisten sich prachtvolle Landsitze

Ruhige, das heisst einvernehmliche Verhältnisse können da nur von Nutzen sein. Zumal viele einflussreiche Geschlechter der Stadt sich ausserhalb, im Territorium des Fürstabts, Besitzungen leisten. Auch grosse Institutionen wie das 1228 gegründete und unter der Leitung des städtischen Rats stehende Heiliggeistspital bauen ihren Landbesitz auf fremdem Territorium aus. Was 1578 zu Beschwerden an den Fürstabt aus dem Rheintal führt. In ihnen ist zu lesen, die Stadtsanktgaller hätten die Absicht, «sich das ganze Rheintal zu unterwerfen und zinsbar zu machen».

So verbindet Stadt und Kloster doch sehr viel mehr, als ein Blick auf einige konfliktreiche Phasen ihrer Beziehung verrät. Stefan Sonderegger und Cornel Dora sind diesem Verbindenden auf der Spur, weil es die politische Kultur tiefgreifend prägt. Denn das Einvernehmliche: Das ist schon früh das grosse Plus St. Gallens gewesen.

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