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Die Adventskalender-Geschichte (5/24): Wie eine Interviewpartnerin die Energie eines ganzen Tages dem «Tagblatt» opferte

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um eine Autistin aus St.Gallen, die erzählt, wie sie trotz ihrer Krankheit den Alltag bewältigt.

Roger Berhalter
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Symbolbild: Keystone

Manchmal kann aus einem routinemässigen Auftrag ein ungewöhnliches Erlebnis werden. So wie dieses Jahr vor dem internationalen Welt-Autismustag am 2. April. Aus diesem Anlass wollten wir eine autistische Person aus der Stadt St.Gallen porträtieren. Die Autismushilfe Ostschweiz vermittelte uns einen Kontakt. Gespannt darauf, wie dieses Gespräch verlaufen würde, ging ich zum Interviewtermin.

Roger Berhalter, Redaktor.

Roger Berhalter, Redaktor. 

Bild: Hanspeter Schiess

Als ich klingelte, öffnete eine junge Frau die Tür und bat mich in ein Sitzungszimmer. Ich dachte zunächst, sie würde nun meinen Interviewpartner holen, bis ich merkte: Sie ist meine Interviewpartnerin. Eine ganz normal wirkende junge Frau, mit der ich mich bestens unterhalten konnte, und die sogar Humor aufblitzen liess. Das soll eine Autistin sein? Die Person, die mir gegenüber sass, wollte nicht zu dieser Diagnose passen.

Doch dann erzählte sie, wie anstrengend jeder Tag für sie sei. Jede zwischenmenschliche Begegnung sei für sie ein Kraftakt. Ein Gespräch unter Freundinnen? Erschöpft sie so wie andere eine Bergtour. Sie müsse sich jeweils genau überlegen, mit wem sie sich treffe und wie viel sie sich zumute. Und täglich plane sie Erholungsphasen ein.

Plötzlich wurde mir klar: Diese junge Dame investiert gerade ihre ganze Kraft in ein Interview mit dem «Tagblatt», in ein Gespräch mit mir. Sie hatte sich entschieden, für mich die Energie eines ganzen Tages zu opfern. Ja, jetzt müsse sie sich zuerst einmal ausruhen, sagte sie beim Abschied. Ich war gerührt, geehrt und beeindruckt und bedankte mich mindestens dreimal dafür, dass sie sich die Zeit genommen hatte. 

Der Artikel über die Autistin zum Nachlesen:

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