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Die Adventskalender-Geschichte (2/24): Der Mann, der am Fählensee auftaute

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um einen Bergsteiger, der im Alter von 91 Jahren das erste Mal seit Jahrzehnten wieder im Alpstein unterwegs war.

Daniel Walt
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Ein knorriger Bergler mit Herz: Max Niedermann. (Bild: Ralph Ribi, 27. Juni 2019)

Ein knorriger Bergler mit Herz: Max Niedermann. (Bild: Ralph Ribi, 27. Juni 2019)

Der Auftrag im Vorfeld unserer Bergsommer-Woche vom vergangenen August war klar: «Schreib ein paar schöne Porträts über Menschen, die einen speziellen Bezug zum Alpstein haben!» Einige Internet-Recherchen und ein paar Telefonate später war der passende Kandidat gefunden: Max Niedermann, 91 Jahre alt, aufgewachsen in Oberbüren, Bergsteiger – und Kenner des Alpsteins mit diversen Erstbegehungen und einem eigenen Wikipedia-Eintrag.

Daniel Walt, Leiter Online. (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Walt, Leiter Online. (Bild: Ralph Ribi) 

An einem wunderbaren Juni-Morgen fuhr ich nach Hagenbuch im Kanton Zürich, um den hoch betagten Mann für einen Tagesausflug an den Fählensee abzuholen. Zunächst erwies sich Max Niedermann als der Typ harter, knorriger Bergler, wie man ihn sich vorstellt. Er erzählte während der Fahrt über seine Erstbegehungen, nannte Fakten zum Alpstein und anderen Gebirgen – aber fast nichts über sich und seine Gefühlswelt. Auf die Frage, was es ihm bedeute, das erste Mal seit Jahrzehnten wieder in den Alpstein zu fahren, antwortete er: «Das spielt keine Rolle, das interessiert niemanden.» Die Ausgangslage für ein Porträt? Schwierig.

Eine erste Gefühlsregung war bei Max Niedermann erst zu beobachten, als er etwas wehmütig die Alpsteinkette bewunderte, der wir uns näherten. Etwas später, als wir die Kreuzberge erblickten, sagte er: «Es ist ein Genuss, hier zu sein!»

«Ein Genuss»: Beim Anblick des Alpsteins schwelgt Max Niedermann in Erinnerungen. (Bild: Ralph Ribi)
9 Bilder
Bergsteigen war sein Leben: Max Niedermann vor dem Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Idyllisch gelegen: der Fählensee. (Bild: Ralph Ribi)
Die ersten Touren führten Max Niedermann in den Alpstein – er kennt das Gebiet wie seine Westentasche. (Bild: Ralph Ribi)
Zwischen Brülisau und der Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Max Niedermann hat zahlreiche Erstbesteigungen gemacht – auch im Alpstein-Gebiet. (Bild: Ralph Ribi)
Anziehungspunkt für viele Wanderer und Bergsteiger: das Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Ralph Ribi)
Von der Bollenwees aus sind verschiedenste Routen möglich. (Bild: Ralph Ribi)
Artikel in Bergsteiger-Zeitschriften erzählen von den Touren Max Niedermanns. (Bild: Ralph Ribi)

«Ein Genuss»: Beim Anblick des Alpsteins schwelgt Max Niedermann in Erinnerungen. (Bild: Ralph Ribi)

Dieser Satz kam bei einem zurückhaltenden Menschen wie Max Niedermann fast schon einem Gefühlsausbruch gleich. Im Lauf des Tages taute der betagte Bergsteiger am Fählensee dann immer mehr auf. Er sprach über seine Faszination fürs Bergsteigen – und über sein Alter sowie die Arthrose, die ihm grössere Touren mittlerweile verunmöglicht:     

«Ich vermisse das Bergsteigen natürlich. Doch damit muss man sich einfach abfinden. Einmal ist es vorbei – das ist der Lauf des Lebens.»

Aus dem harten, knorrigen Bergler war im Verlauf des Tages ein zugänglicher Mensch geworden, der auch Einblicke in seine Gefühlswelt zuliess. Danke nochmals für die schönen Stunden am Fählensee, Max Niedermann! Nicht nur der Tag im Alpstein, sondern auch Sie als Mensch werden mir unvergessen bleiben.

Das Porträt über Max Niedermann zum Nachlesen:


Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie: