Serie
Die Adventskalender-Geschichte (18/24): Der unermüdliche Rabbi und sein Bücherschatz

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um den rastlose Rabbiner Tovia Ben Chorin, der seinen Ruhestand auch mit 83 Jahren weiter hinauszögert.

Noemi Heule
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Umgeben von Büchern hat sich der Rabbiner Tovin Ben Chorin in St.Gallen eingenistet.

Umgeben von Büchern hat sich der Rabbiner Tovin Ben Chorin in St.Gallen eingenistet.

Bild: Adriana Ortiz Cardozo

Dass sich Bücher zu Bücherstapeln türmen, das ist kein neues Bild. Dass sich aber Bücherkisten zu ganzen Bücherkistentürmen stapeln, das war doch eine aussergewöhnliche Szenerie, die sich vor vier Jahren vor meinem Wohnzimmerfenster auftat . Wer besitzt so viel Lesestoff, dass er die dicken Bände gleich mit dem Umzugskran in den vierten Stock bugsiert, fragte ich mich, als ein neuer Nachbar in mein Haus einzog.

Noemi Heule, Redaktorin. (Bild: Urs Bucher)

Noemi Heule, Redaktorin. (Bild: Urs Bucher)

Ein Rabbiner, lautete die Antwort, als ich Tovia Ben Chorin zum ersten Mal im Aufzug begegnete – wie immer steckte der 83-jährige Mann in einem dunklen Anzug, die Kippa auf dem schütteren Haar. Dass sich hinter der kleingewachsenen Figur ein Mann von Format verbirgt, machte er nicht nur der Nachbarschaft, sondern ganz St.Gallen schnell deutlich. Inkognito könne er heute nicht mehr durch das «Städtchen» gehen, wie er St.Gallen nach Stationen in Israel, Ohio, Manchester, Berlin oder Zürich nennt. Viele Leute kennen den Mann, der sich dem Dialog zwischen den Religionen verschrieben hat. Er kennt viele Leute und hat immer eine Bemerkung parat, die er mit viel Schalk und einem leicht bayrischen Akzent vorträgt.

Tovia Ben Chorin liest nicht nur gern, sondern erzählt genauso gern. Er besitzt die Bücher nicht nur, sondern beherrscht ihren Inhalt. Während der Besucher im Polstersessel versinkt, nimmt er ihn mit auf seine ganz eigene Reise nach Jerusalem, ins Judentum und darüber hinaus. Er ist mehr als ein kauziger Nachbar, sondern Ketzer (zumindest behaupten das seine Feinde), Vordenker (das sagen seine Freunde), Gelehrter, Ehrendoktor, Schriftsteller-Sohn und selbst versierter Erzähler.

Mittlerweile wohne ich nicht mehr im selben Haus auf der anderen Gangseite des Rabbiners, «auf der anderen Seite des Jordans», wie er sagt. Er aber hat seine Bücher nicht mehr eingepackt. Länger als geplant ist er in St.Gallen geblieben.

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