Serie

Die Adventskalender-Geschichte (10/24): Wie zwei Weltenbummler aus der Ostschweiz das grosse Fernweh wecken

In der Adventszeit blickt täglich ein Mitglied unserer Redaktion auf eine spezielle Geschichte oder eine Begegnung im Beruf zurück. Heute geht es um Michelle Senn und Andreas Brändle, die im selbst gebauten Wohnmobil die lange Reise bis nach Wladiwostok unter die Räder nehmen.

Heini Schwendener
Hören
Drucken
Teilen
Voller Vorfreude: Michelle Senn aus Buchs und Andreas Brändle aus Abtwil.

Voller Vorfreude: Michelle Senn aus Buchs und Andreas Brändle aus Abtwil.

Bild: Heini Schwendener

Diese schöne Geschichte ist - wie so oft - dem Zufall geschuldet. Seit längerem studierte ich mit zunehmender Faszination Berichte und Angebote für Trekkingferien irgendwo im «wilden Osten». Der Kaukasus oder gar die Mongolei, das wär's, dachte ich mir. Bei einem Treffen mit dem Buchser Ortsgemeindepräsidenten Heini Senn erfuhr ich ganz nebenbei, dass sich seine Tochter und ihr Freund in diesen Tagen aufmachen in «meinen wilden Osten». Mit Wanderschuhen, mit Kletter- und mit Tourenskiausrüstung. Aber nicht etwa ferienhalber für zwei oder drei Wochen, sondern in Verbindung mit einer rund 20'000 Kilometer langen Reise bis nach Wladiwostok am Japanischen Meer. 

Heini Schwendener, Redaktor.

Heini Schwendener, Redaktor.

(Bild: Urs Bucher)

Das ist die W&O-/Tagblatt-Geschichte schlechthin, dachte ich mir: Zwei Weltenbummler, eine Buchserin und ein Abtwiler, brechen auf zu einer abenteuerlichen Reise, notabene in einem ehemaligen Berliner Polizeilastwagen, den sie selber zum Wohnmobil umgebaut hatten. Es gab lediglich ein Problem: Die Abreise stand unmittelbar bevor.

Michelle Senn und Andreas Brändle erwiesen sich glücklicherweise als völlig unkompliziert, sie funktionierten offenbar bereits im Globetrotter-Modus. Was spielt es mit einem offenen Zeithorizont denn für eine Rolle, wann genau gestartet wird? Spontan wurde ein Treffen organisiert, bei Michelle Senns Eltern, denn seinen Haushalt hatte das Paar ja aufgelöst.

Startklar für eine abenteuerliche Reise: Michelle Senn und Andreas Brändle mit ihrer «Selma», einem selber ausgebauten Wohnmobil.

Startklar für eine abenteuerliche Reise: Michelle Senn und Andreas Brändle mit ihrer «Selma», einem selber ausgebauten Wohnmobil.

Bild: Heini Schwendener

Als ich dort eintraf, waren die beiden, die ich zuvor noch nie gesehen hatte, beim Frühstück. Ich war wohl aufgeregter als sie selber. Denn bei meiner kurzfristigen Vorbereitung auf dieses Treffen steigerte sich mein Fernweh. Erinnerungen an sieben Wochen Neuseeland wurden wach, und alsbald hatte mich die Sehnsucht nach Kaukasus-Gipfeln, endlosen Weiten im Iran, in Turkmenistan oder in der Mongolei vollends im Griff. Würde ich im Angesicht der beiden noch als Journalist funktionieren? Würde ich also meine Fragen, meine noch zu schiessenden Bilder und mein noch zu drehendes Kurzvideo schaffen oder mich in meinem emotionalen Höhenflug im Nirgendwo verlieren, wofür ich spätestens zurück am Arbeitsplatz büssen müsste?

Gelassen beantworteten Michelle Senn und Andreas Brändle meine Flut von Fragen und ertrugen meine unzähligen Bemerkungen. Voller Stolz zeigten sie mir schliesslich ihre «Selma». So hatten sie liebevoll ihr Wohnmobil getauft, das ein Jahr oder noch länger ihr Zuhause sein wird. Wie viele Male ich den beiden sagte, dass ich sie beneide, dass ich am liebsten packen und auch mitreisen würde – ich weiss es nicht mehr. Wahrscheinlich peinlich oft. 

Selten berührte mich eine Geschichte derart emotional, denn sie holte mich genau im richtigen Moment ab, als mein Fernweh nach dem «wilden Osten» seinen Höhepunkt erreichte.

Zurück am Schreibtisch realisierte ich: Mein Job, der Kontakt mit Menschen und schliesslich das Schreiben und Illustrieren der Geschichten macht mir sehr viel Freude. Den Kaukasus oder die Mongolei, das bleibt ein durchaus realistisches Ferienziel. Das Globetrotter-Dasein scheint mir letztlich aber doch unrealistisch. Auch wenn Träume durchaus sein dürfen, so überlasse ich sie doch lieber dem sympathischen jungen Paar. Über www.selmaontheroad.ch kann ich ja jederzeit an ihrem Abenteuer teilhaben.

Das Porträt über die beiden Globetrotter zum Nachlesen:
Alle bisherigen Beiträge aus der Adventsserie: