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DEUTSCHUNTERRICHT: «Ich kenne nicht alles Wort»

Bald ist Weihnachten: Viele Migrantinnen und Migranten in der Schweiz kennen das grosse Fest der Christenheit kaum. Besonders schwierig sind Regeln und Riten im Alltag für Asylsuchende, die noch über keine Sprachkompetenzen verfügen.
Brigitte Schmid-Gugler
Die Lehrerin Rosa Oss (rechts) mit ihren Schützlingen im Klassenzimmer des Integrationsförderkurses des Trägervereins Integrationsprojekte St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Die Lehrerin Rosa Oss (rechts) mit ihren Schützlingen im Klassenzimmer des Integrationsförderkurses des Trägervereins Integrationsprojekte St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Es ist ein leuchtender Wintermorgen. Im Schulzimmer in unmittelbarer Nähe des Klosterplatzes St. Gallen – es handelt sich um Räumlichkeiten der GBS – riecht es wie in jedem Schulzimmer. Ein bisschen säuerlich, ein bisschen nach Schulheften und Pausenbrötchen. Fünfzehn junge Frauen und Männer sitzen über Blätter und Schulhefte gebeugt an hufeisenförmig angeordneten Pulten. Einige tragen noch ihre dicken Jacken. Auf Anschlagbrettern sind Stundenpläne, Fotos und Sätze der Lernenden gepinnt: «Ich kenne nicht alles Wort.» Es gibt Bilder von Ausflügen. In den Zirkus, ins Natur­museum. Darunter Kommentare in teilweise grammatikalisch einwandfrei ­geschriebenen Sätzen. Der sichtbare ­Beweis dafür, was die Lehrerin Rosa Oss wenig später bestätigen wird. Das Niveau unter den Schülerinnen und Schülern sei sehr unterschiedlich. Die Lernenden sind zwischen 17 und 24 Jahre alt. Sie wurden von den Gemeinden in Absprache mit dem TISG (Trägerverein Integrationsprojekte) mit Standorten in Rapperswil, Buchs und St. Gallen für einen Integrationsförderkurs ausgewählt.

Dieser, finanziert von den Gemeinden, wurde im Sommer 2016 mit dem Wechsel der Zuständigkeit für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) erstmals speziell für diese Zielgruppe aufgebaut. Im Besitz der Aufenthaltsbewilligung N, das heisst, im noch offenen Asylverfahren, hatten sie bisher das ­Anrecht auf ein Jahr Deutschunterricht während fünf Halbtagen pro Woche (seit 1. Dezember 2017 gilt eine Gesetzesänderung, siehe Zweittext). Der Deutschunterricht soll den jungen Menschen den Einstieg in den Alltag und, bei positivem Asylentscheid, in die vom Kanton angebotenen Brückenangebote wie Integrationskurse, Vorlehre oder Berufsvorbereitungsjahr erleichtern, zu welchen lediglich Schweizerinnen und Schweizer sowie Personen mit geregeltem Aufenthaltsstatus Zugang haben.

Die Hoffnung auf das Bleiberecht und auf eine Ausbildung

Alle Unterrichtenden sind professionelle Lehrkräfte. So auch Rosa Oss. Sie verlässt das Schulzimmer mit den Schülerinnen und Schülern oft, um praktische Erfahrungen zu sammeln, Zusammenhänge im Alltag zu erklären und Umgangs­formen zu lernen. Im Unterricht werden Szenen, wie zum Beispiel ein Arztbesuch, nachgestellt. Was muss man mitteilen, was fragen können? Je eine Schülerin, ein Schüler spielen Arzt und Patientin. Dann wird gewürfelt, und das Spiel kann beginnen. Die einen treten auf, als ob sie mindestens schon Schauspielunterricht gehabt hätten. Entspannt. Fröhlich. Improvisierend. Tatsächlich erzählt Hashimi später, dass er gerne Schauspiel studieren möchte. «Zuerst Wirtschaft, dann Schauspiel. In dieser Reihenfolge.» Bis dahin dürfte es noch eine kleine Weile dauern. Hashimi und sein ebenfalls anwesender Bruder haben noch keine Ahnung, wie es mit ihnen und ihrem Asylgesuch weitergehen wird. Ein Teil der Familie lebt im Rheintal, der andere möchte, sobald eine Aufenthaltsgenehmigung vorliegt, aus Syrien nachkommen.

Andere sprechen sehr leise, wirken scheu und trauen sich kaum zu sprechen. Aber alle haben ihre Rolle einstudiert und bemühen sich, ganze Sätze zu sprechen. Das Klassenzimmer ist mehr als ein geschützter Raum. Der Unterricht ist ein Lichtblick in einem ziemlich eintönigen Alltag des Wartens, oft in Wohnungen und Zimmern ohne Kontakte zu Nachbarn. Ein junger Mann erzählt von elf Geschwistern. Die Hälfte von ihnen seien samt dem Vater bereits in der ­Ostschweiz angekommen, die andere Hälfte warte auf den Nachzug. Zwei Schwestern, 24 und 25 Jahre alt, syrische Kurdinnen, hatten in einer fünf Busfahrstunden entfernten Stadt ein Studium begonnen. Die eine Chemie, die andere Biologie. Bis es zu gefährlich wurde und der Vater beschloss, die Töchter im Haus zu behalten. Die beiden jungen Frauen sind lern- und wissbegierig, schreiben konzentriert an ihren Aufgaben, treten ans Pult der Lehrerin, lassen sich erklären, was ein Prädikat ist. Rinzin, der nie eine Schule besucht hat, kann bereits schriftliche Antwortsätze zu den entsprechenden Fragen schreiben.

Unterschiedlicher Bildungsstand, hohe Motivation

Die meisten Schülerinnen und Schüler stammen aus Kriegs- oder Krisengebieten. Die Schilderungen der Lebensläufe klingen abenteuerlich und oft ähnlich. Herkunftsländer sind Afghanistan, ­Syrien, Irak, Iran, Sri Lanka, Eritrea und Tibet; dem sehr unterschiedlichen Bildungsniveau wird mit verschiedenen Lehrmitteln Rechnung getragen. Es sei nicht das Ziel, die heterogenen Gruppen auf den gleichen Wissensstand zu bringen, sondern jede und jeden einzelnen auf seinem Lernniveau abzuholen, erklärt Lehrerin Rosa Oss.

Ali hat das Jahr im Integrations­förderkurs bereits hinter sich und wartet auf den Asylentscheid. Der Sohn einer ­alleinerziehenden Mutter floh über eine der Flüchtlingsrouten und landete ­irgendwann in Gams, später wurde er nach St. Gallen geschickt. Er lebt seit zwei Jahren in der Stadt und spricht bereits fliessend Deutsch. Der 21-Jährige mit den feinen Gesichtszügen gehört zu der in Afghanistan diskriminierten schii­tischen Volksgruppe der Hazara. Er wurde von einem Taliban angegriffen, geschlagen und mit dem Tod bedroht, als er erlaubterweise in einem Hotel für das Konzert eines bekannten afghanischen Sängers, hervorgegangen aus einer «Superstar»-Staffel westlicher Prägung, Werbeplakate aufhängte. Er erhält vom Sozialamt monatlich 490 Franken, und er möchte, so er denn in der Schweiz bleiben kann, sobald wie möglich eine Lehre als Elektriker beginnen. «Um auf eigenen Füssen zu stehen.» Immer noch im Besitz des Ausweises N, besucht er seit Abschluss des Integrationsförderkurses den Deutschunterricht an der HDS (Handels- und Dolmetscherschule).

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