Deutsche Bestatter werben mit Flugbestattungen über dem Toggenburg und dem Appenzellerland – das steckt dahinter

Bestatter aus Süddeutschland bieten an, die Asche von Verstorbenen aus dem Flugzeug über der Ostschweiz zu verteilen. Das kann sie unter Umständen teuer zu stehen kommen. 

Rossella Blattmann
Drucken
Teilen
Um die Friedhofspflicht zu umgehen, werben deutsche Bestatter mit Flugbestattungen über der Ostschweiz. (Bild: Getty)

Um die Friedhofspflicht zu umgehen, werben deutsche Bestatter mit Flugbestattungen über der Ostschweiz. (Bild: Getty)

«Deutsche Bestatter verstreuen Asche über den Schweizer Bergen» – Diese Schlagzeile aus der «Sonntagszeitung» hat auch in der Ostschweiz zu reden gegeben. Um die Friedhofspflicht in Deutschland zu umgehen, verstreut ein bayrischer Bestatter gemäss dem Bericht mit seinem Flugzeug für rund 400 Euro pro Urne die Asche von deutschen Toten über den Bündner Alpen. Zuvor hatte die «Süddeutsche Zeitung» Anfang November über die sogenannten Flugbestattungen berichtet.

Letzte Ruhe im Alpstein und Toggenburg

Der Mann ist jedoch nicht der einzige süddeutsche Bestatter, der Flugbestattungen über den Schweizer Bergen und Seen organisiert. Das bayrische Bestattungsunternehmen Haberstock wirbt auf seiner Website mit Luftbestattungen über der Ostschweiz. Eine Luftbeisetzung könne auch über «den Schweizer Voralpen und Toggenburg», «in Appenzell» sowie über «grossen Schweizer Seen» erfolgen, heisst es dort.

Die Asche eines Verstorbenen aus der Luft über der Ostschweiz verteilen: So wirbt das oberbayrische Unternehmen im Internet mit Flugbestattungen. (Screenshot: Bestattungen Haberstock, 15. November 2019)

Die Asche eines Verstorbenen aus der Luft über der Ostschweiz verteilen: So wirbt das oberbayrische Unternehmen im Internet mit Flugbestattungen. (Screenshot: Bestattungen Haberstock, 15. November 2019)

Es sei richtig, dass man Luftbestattungen über Ostschweizer Bergen und Seen anbiete, sagt Haberstock-Mitarbeiter Wolfgang Asbeck. Bisher habe man aber keine Anfragen erhalten. Ob es eine Bewilligung für Flugbestattungen in der Schweiz brauche, will Asbeck nicht wissen. «Ich gehe davon aus, dass es eine Bewilligung braucht», meint er. 

Bewilligung von Bund und Kanton 

Christian Schubert,  Mediensprecher beim Bundesamt für Zivilluftfahrt. (Bild: pd)

Christian Schubert,  Mediensprecher beim Bundesamt für Zivilluftfahrt. (Bild: pd)

Die Gesetzeslage betreffend Flugbestattungen in der Schweiz hat sich in den vergangenen elf Jahren geändert. In einem Mail des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) aus dem Jahr 2008 hatte es gemäss «Sonntagszeitung» geheissen, dass «das nicht selten praktizierte Verstreuen von Asche eines verstorbenen Menschen aus einem Luftfahrzeug» über schweizerischem Hoheitsgebiet grundsätzlich erlaubt sei – vorausgesetzt, man befindet sich nicht über Wohngebiet und es wird nur Asche, nicht die ganze Urne, abgeworfen.

Heute hingegen sei die Lage anders, sagt Christian Schubert, Mediensprecher beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), auf Anfrage.

«Das Verstreuen von Asche aus einem Flugzeug ist in der Schweiz bewilligungspflichtig. Eine Bewilligung erteilt das Bazl aber nur, wenn auch der betreffende Kanton einwilligt.»

Wie viele solche Bewilligungen das Bazl bisher erteilt hat, ist unklar. Das Bazl habe in der Vergangenheit in wenigen Einzelfällen das Verstreuen von Urnenasche bewilligt, sagt Schubert.  

Bis zu 40'000 Franken Busse 

Wenn Einzelheiten wie Ort und Datum, der Name des Piloten oder die Registration des Flugzeuges bekannt sind, kann das Bazl gemäss Schubert gegen illegale Luftbestattungen über der Ostschweiz vorgehen. 

Führt ein deutsches Bestattungsunternehmen eine Flugbestattung über der Schweiz ohne Bewilligung durch, kann sie dies teuer zu stehen kommen. Schubert sagt: 

«Ein Verstoss gegen luftrechtliche Normen kann das Bazl mit einer Busse bis zu 20'000 Franken bestrafen. Bei groben Verstössen sind es bis zu 40'000 Franken.»

Das Verstreuen von Asche aus einem Flugzeug ohne Bewilligung ist gemäss Schubert zwar rechtswidrig. Doch ob jemand in sein Privatflugzeug steigt und Asche aus einer Urne über der Ostschweiz verteilt, kann auch das Bazl nicht kontrollieren. «Wir gehen davon aus, dass Flugbestattungen vereinzelt auf privater Basis durchgeführt werden.» Anzeigen aus der Bevölkerung oder von Behörden habe man bislang aber keine erhalten.

Bei einem Schweizer Bestattungsunternehmen und der Asche eines Schweizer Toten gelten laut Schubert dieselben Regelungen. «Die luftrechtlichen Bestimmungen sind für alle in- und ausländischen Gesuchsteller die gleichen», ergänzt er. 

Erlaubnis für die Bergwiese 

Wie viel deutsche Asche effektiv über dem Alpstein oder dem Bodensee verteilt wird, lässt sich folglich nur schwer feststellen. Bei sämtlichen Ostschweizer Kantonen hat man wenig Kenntnis von der Praktik. 

Claudia Eugster, Leiterin Kommunikation beim Baudepartement des Kantons St.Gallen. (Bild: pd)

Claudia Eugster, Leiterin Kommunikation beim Baudepartement des Kantons St.Gallen. (Bild: pd)

Der Kanton St.Gallen sei bis heute nicht mit diesem Thema konfrontiert worden und habe keine entsprechenden Anfragen bewilligt, sagt Claudia Eugster, Leiterin Kommunikation beim Baudepartement des Kantons St.Gallen. Ähnlich tönt es aus Appenzell Innerrhoden. Das Amt für Umwelt habe weder jemals eine entsprechende Anfrage erhalten noch bewilligt, sagt Amtsleiterin Franziska Wyss.

Im Kanton St.Gallen herrscht laut Eugster kein Friedhofszwang. Folglich ist es erlaubt, die Asche eines Verstorbenen zu Hause in einer Urne aufzubewahren oder sie im privaten Rahmen in den Bergen oder im Bodensee zu verteilen.

Auch im Kanton Appenzell Ausserrhoden dürfen Private laut Georg Amstutz, Leiter Kommunikation, Asche in der Natur verstreuen. Soll dies auf einem fremden Grundstück, zum Beispiel einer Bergwiese, erfolgen, sei das Einverständnis des Grundstückbesitzers einzuholen, sagt Amstutz. Das kommerzielle Verstreuen von Asche über Ostschweizer Berggebieten sei ihm bisher nicht bekannt gewesen. 

Geld ändert alles 

Kommt bei Luftbestattungen Geld in Spiel, ändert sich die Lage. Claudia Eugster sagt:

«Das Ausbringen der Asche wird dann zum Problem, wenn es sich nicht mehr um einen Einzelfall handelt, zum Beispiel wenn es gewerblich angeboten wird.»

Diese Regelung gelte im Kanton St.Gallen auch für den Bodensee. Nicht erlaubt ist es laut Eugster hingegen, Urnen im See zu versenken, sei es im privaten oder kommerziellen Rahmen.

Martin Eugster, Leiter Amt für Umwelt des Kantons Thurgau. (Bild: pd)

Martin Eugster, Leiter Amt für Umwelt des Kantons Thurgau. (Bild: pd)

Seebestattungen sind im Thurgau verboten

Im Kanton Thurgau ist man gemäss Martin Eugster, Leiter des Amts für Umwelt, bisher nicht mit dem Thema Luftbestattungen in Berührung gekommen. Zu Seebestattungen habe man hingegen einige Anfragen gehabt.

Im Gegensatz zum Kanton St.Gallen herrscht im Thurgau Friedhofszwang. «Verstorbene Personen müssen demnach auf einem Friedhof der Gemeinde oder auf einem von der Gemeinde dafür ausgeschiedenen Areal für alternative Bestattungen, zum Beispiel einem Waldfriedhof, bestattet werden», sagt Martin Eugster. Kommerzielle und nicht kommerzielle Seebestattungen seien im Thurgau verboten. Das scheint deutsche Bestatter nicht abzuhalten. Eugster sagt:

«Wir haben in den letzten Monaten einige deutsche Bestattungsunternehmer gerügt, die mit Seebestattungen in der Schweiz geworben haben.»