DETAILHANDEL: Fremde Läden, ganz vertraut

Für immer mehr Schweizer sei Einkaufstourismus zur Gewohnheit geworden, warnt die Universität St. Gallen. In den Kantonen St. Gallen und Thurgau ist der Anteil dieser Routiniers besonders hoch. Das liegt nicht nur am Eurokurs.
Adrian Vögele
Schweizer Einkaufstouristen gewöhnen sich zunehmend an ausländische Produkte. (Bild: Michel Canonica (Konstanz, 13. Dezember 2017))

Schweizer Einkaufstouristen gewöhnen sich zunehmend an ausländische Produkte. (Bild: Michel Canonica (Konstanz, 13. Dezember 2017))

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Auch wenn Konstanz nicht mehr ganz so stark zu locken scheint und sich die Stimmung im Ostschweizer Detailhandel teilweise verbessert hat: Die Verluste für die Wirtschaft durch den Einkaufstourismus nehmen weiter zu. Dies zeigten erste Auszüge aus einer Erhebung des HSG-Forschungszentrums für Handelsmanagement Universität St. Gallen (Ausgabe vom 23. November). Nun ist die Studie fertiggestellt. Daraus geht hervor, dass zwar die Zahl der Konsumenten, die im Ausland einkaufen, gegenüber 2015 leicht abgenommen hat. Doch diejenigen, die es tun, fahren häufiger über die Grenze und ­decken so einen höheren Anteil ihres Bedarfs als noch vor zwei Jahren.

Eine heikle Entwicklung: Offenbar hätten sich die Kunden inzwischen an den Einkaufs­tourismus gewöhnt, schreiben die Autoren. Längst sei nicht mehr allein der Preis entscheidend. «Einkaufstouristen erhalten im Ausland auch andere Produkte, an die sie sich gewöhnt haben.» Die grosse Vielfalt des Angebots werde geschätzt. Dieser Effekt sei für den Schweizer Handel «besonders bedenklich», da Gewohnheiten langfristig entstünden und schwer wieder zu ändern ­seien. Einkaufstourismus ist aus­serdem keine Frage des Einkommens: Leute aller Lohnklassen kaufen gleichermassen im Ausland ein. Besonders zur Routine wird der Auslandeinkauf für Einwohner der Grenzkantone. In St. Gallen und im Thurgau fährt inzwischen mehr als die Hälfte der befragten Konsumenten gewohnheitsmässig über die Grenze zum Einkaufen. In Zürich und der Innerschweiz etwa sind es weniger als die Hälfte, in Ausserrhoden unter 30 Prozent. Der Einkaufstourismus dieser Routiniers ist doppelt so inten­siv wie bei den anderen Konsumenten. Sie unternehmen doppelt so viele Auslandeinkäufe und geben doppelt so viel Geld dabei aus.

Generell decken die Thur­gauer und St. Galler einen immer höheren Anteil ihres Bedarfs mit Auslandeinkäufen. Im Thurgau sind es aktuell 40 bis 44 Prozent des Bedarfs, in St. Gallen 35 bis 39 Prozent. In St. Gallen ist der Wert in den vergangenen zwei Jahren stärker gestiegen als im Thurgau, nämlich um über zehn Prozent.

Grenzkantone holen beim Onlineeinkaufen auf

Bei Onlineeinkäufen im Ausland lag die Ostschweiz bislang hinter Innerschweizer Kantonen wie Luzern oder Schwyz zurück. Doch gerade hier zeigt der Trend stark nach oben, besonders im Kanton St. Gallen: Etwa ein Drittel der Befragten hat schon einmal bei ausländischen Anbietern im Internet bestellt. Der Anteil ist seit 2015 um über 30 Prozent gestiegen. Auch im Thurgau gibt es immer mehr ­Onlinekunden, auch wenn der Anstieg hier etwas weniger stark ausfällt. «Onlineeinkaufstourismus wird in Zukunft alle Regionen noch stärker betreffen als bisher», heisst es in der HSG-­Studie. Und: Nicht nur jüngere Kon­sumenten tummeln sich in den Internetshops – in allen Altersgruppen hat der Onlineeinkaufstourismus stark zugenommen. Die Experten gehen davon aus, dass die Schweizer künftig in allen Branchen noch mehr im Ausland einkaufen werden. Vor allem bei Drogerie- und Sport­artikeln sei die Absicht besonders stark. Allerdings überschätzen die Kunden gerade bei diesen Produkten die Ersparnis, die ihnen der Auslandeinkauf bringt. Dasselbe gilt für den Kauf von Kleidern: Die Waren sind nicht derart viel günstiger, wie die Einkaufstouristen denken. Die HSG sieht hier eine Chance für den Schweizer Handel: Die hiesigen Läden müssten klarer kommunizieren, dass ihre Angebote gar nicht viel teurer seien als jene im Ausland.

Umgekehrt verhält es sich einzig bei den Lebensmitteln: Hier ist das Preisniveau in der Schweiz teilweise doppelt so hoch wie etwa in Deutschland. Das Preisgefälle wird von den Kunden sogar noch unterschätzt.

Jeder Vierte hat ein schlechtes Gewissen

Allerdings zeigt sich auch: Die Schweizer sind sich der Folgen des Einkaufstourismus stärker bewusst als noch 2015. Heute sind mehr Kunden bereit, in der Schweiz einen Aufpreis für dieselben Produkte, die auch im Ausland erhältlich wären, zu ­zahlen. Fast die Hälfte der Befragten nehmen bei Lebensmitteln eine Differenz von min­destens 20 Prozent in Kauf. Bei ­Drogerieartikeln würde knapp ein Drittel einen solchen Preisunterschied akzeptieren.

Manche Einkaufstouristen haben ein schlechtes Gewissen: Jeder Vierte denkt, dass es eigentlich falsch ist, ein Produkt im Ausland zu kaufen – vor zwei ­Jahren war es noch jeder Fünfte. Nach wie vor ist aber rund die Hälfte der Ansicht, das Richtige zu tun. Weitere 24 Prozent wollen sich nicht zwischen Richtig oder Falsch entscheiden.

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