Desinfizieren mit Schnaps: Bernecker Brennerei stellt Desinfektionsmittel her

Die Tobias Bernecker Schmid & Sohn AG brennt Obstschnaps in Hände-Desinfektionsmittel um. Dank dem Desinfektionsmittel können nun vielleicht die Mitarbeiter weiter beschäftigt werden.

Reto Wälter
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Brennmeister Nicholas Rudnicki (links) und Geschäftsleiter Christoph Schmid stellen Hand-Desinfektionsmittel mit ökologischem Alkohol her und könnten die Produktion bei Bedarf noch ausbauen.

Brennmeister Nicholas Rudnicki (links) und Geschäftsleiter Christoph Schmid stellen Hand-Desinfektionsmittel mit ökologischem Alkohol her und könnten die Produktion bei Bedarf noch ausbauen.

Bild: PD

«Sicher nicht, auf gar keinen Fall», sagte sich Christoph Schmid, Geschäftsführer von der Bernecker Tobias Schmid & Sohn AG, als er Ende Februar vom Brennerverband kontaktiert wurde. Im E-Mail wurde informiert, dass es aufgrund des erwarteten Pandemieausbruchs eine Spezialbewilligung gebe, Schnaps zu Desinfektionsmittel umzubrennen, nach der Empfehlung und einem Rezept der Weltgesundheitsorganisation WHO. Steuerbefreit, denn für gewöhnlich müssen auf einen Liter Alkohol 29 Franken an den Bund abgeliefert werden. Trotzdem konnte sich Schmid zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorstellen, seine edlen Tropfen in eine schlichte chemische Desinfektionslösung umzuwandeln.

Die Umstände ändern sich rasend schnell

Aber auch er wurde von den Ereignissen eingeholt. Als der Bernecker vor zwei Wochen in Bern weilte und im Bundeshaus Wein ablieferte, las Schmid von einem Destillateur in der Nähe, der bereits Schnaps in Desinfektionsmittel umgebrannt hatte und ging diesen spontan besuchen. Schmid sagt: 

«Da sich die Lage zuspitzte, entschied ich mich nach ein, zwei schlaflosen Nächten, ebenfalls einen Versuch zu starten,»

Mit dem Mut zum Risiko, dass einige 10000 Franken Vorinvestitionen vielleicht verloren gehen, machte sich der Bernecker daran, das Material zu besorgen.

Engpässe in der Materialbesorgung

Obwohl der Notstand zu dieser Zeit noch nicht ausgerufen worden war, stellte er fest, dass es bereits schwierig war, die Zutaten zu bekommen – unmöglich sogar in den gewünschten Mengen. Parallel stellte sich aber heraus, dass Bedarf besteht. Anfragen von Händlern trafen ein. Firmen brauchen Hand-Desinfektionsmittel, um den Sicherheitsvorschriften zu genügen und so den Betrieb aufrecht erhalten zu können. Letzte Woche wurde die Brennerei auf einen 24-Stunden-Schichtbetrieb hochgefahren.

Schmid startete die erste Produktion mit 3500 Litern Obsttrester und Marc, dem günstigsten Alkohol im Sortiment der Bernecker Brennerei. Die Menge wurde vorgegeben durch die verfügbaren Zutaten, die beigegeben werden müssen. Es wäre möglich, 10000 bis 12000 Liter in einem Vorgang zu produzieren und wenn nötig in einem zweiten Schritt auch hochwertigere Produkte wie Williams, Kirsch und Zwetschgenwasser umzubrennen. Auch Wein könnte dafür gebraucht werden.

Im Prozess geht es darum, den 40- bis 45-prozentigen Schnaps nochmals zu destillieren, um so auf 85 bis 90 Volumenprozent Alkohol zu kommen. Dazugegeben werden Glycerin als Pflegemittel, damit die Hände nicht austrocknen und Wasserstoff-Peroxid, das zusätzlich desinfiziert. Damit der Kunde trotzdem nicht in Versuchung kommt, sich zwischendurch einen Schluck des steuerbefreiten Brandes zu genehmigen, muss der Trinkalkohol mit dem Stoff MEK denaturiert werden.

Ausgeliefert wird an Gross- und Kleinkunden

Bereits letzte Woche wurden die ersten Kanister an Grosskunden geliefert. Diese Woche können nun auch kleinere Fläschchen, zuerst 2,5-dl-, dann 1-dl-, 5-dl- und auch 1-Liter-Flaschen unter dem Namen DesAlcol75 von Privatkunden auf der Website www.tobias-weingut.ch bestellt und vorerst in mehreren Detailhandelsgeschäften (siehe Webseite) im Rheintal eingekauft werden. «Nur schon die Fläschchen aufzutreiben war eine Odyssee», erzählt Christoph Schmid. Er fand dann Dosierflaschen aus Glas, die üblicherweise für Öl und Essig verwendet werden, und Petflaschen, die mit einem ähnlichen Verschluss funktionieren wie eine Veloflasche.

 «Natürlich kann ich noch nicht abschätzen, ob sich die Investitionen und der Aufwand auszahlen werden.»

Aber inzwischen habe dieses Projekt einen ganz anderen Stellenwert bekommen.

Durch den ausgerufenen Notstand brachen für die Tobias Schmid & Sohn AG die ganzen Absatzmärkte zusammen, da keine Restaurants mehr beliefert werden können und auch alle Events wegfallen. Dank dem Desinfektionsmittel können nun vielleicht die Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. Christoph Schmid weiter: «Zudem freut es mich, wenn ich in diesen schwierigen Zeiten helfen und meinen Beitrag leisten kann.»

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